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Ich bebe innerlich, so sehr freue ich mich. Stimmt die scheiß Uhr da hinten denn auch? Ist sie das da vorne? Nein. Ich schaue noch mal auf mein Handy. Das letzte Foto von ihr, dass Sie mir vor ein paar Tagen ganz früh morgens geschickt hat, ist einfach der Hammer. Diese strahlenden Augen, dieses Lächeln. Nervös fingere ich an meinem Tankrucksack herum. Wie oft ich den Reissverschluss jetzt schon auf und zu gemacht habe – ich hab keine Ahnung. All die Menschen auf dem Vorplatz, ich registriere sie gar nicht. Mein Freund Bernd, der mich gerade in diesem Augenblick filmt, fragt mich irgend etwas. Was? Hab ich ihm schon geantwortet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass meine Freundin jeden Augenblick da vorne aus der Tür kommen wird. Wenn die Deutsche Bahn denn pünktlich ist, dann muss sie doch schon vor einer Minute angekommen sein. Wo ist sie denn?

Über vier Monate habe ich meine Freundin nun schon nicht mehr gesehen seit unserer Zeit in Indien. Und jeden Tag, jeden einzelnen Tag habe ich sie ein wenig mehr vermisst.

 

Auch wenn ich eine tolle Zeit hatte mit jedem Kilometer von Portugal hier her wurde es immer schwerer. Und nun stehe ich neben meinem Motorrad und schaue ungeduldig in Richtung Eingangstür des Kasseler Hauptbahnhofs. Obwohl die Sonne scheint, fallen mir plötzlich kleine Regentropfen ins Gesicht. Und mit einem Mal muss ich an das Meer und die Kühe am Strand denken, an unsere Zugfahrten, durch dieses verrückte Land, an unsere schlaflosen Nächte und daran wie sehr sie mir auch dort geholfen hat. Ich schaue auf meine etwas schmutzigen Hände und sehe die Narbe, unter der sich die Schraube in meiner Hand befindet. Und plötzlich wird aus dem Beben ein Zittern, so wie damals in der Polizeistation in Indien, als ich dache, dass meine Reise zu Ende sei. Und auch in diesem Augenblick füllen sich meine Augen wieder mit Tränen. Doch dieses Mal weil ich weiß, dass meine Reise gleich wirklich zu Ende sein wird – weil ich weiß, dass ich gleich endlich angekommen bin. Ich hebe wieder meinen Kopf und sehe wie sich die Tür öffnet.

Fast einen Monat vorher. Es ist Mitte März und leider immer noch arschkalt. Zumindest bei mir auf der Terrasse in Klobenstein. Auch wenn die Sonne zeitweise kräftig scheint, so richtig warm mag es hier mittags in Südtirol doch noch nicht werden. Was aber auch daran liegt, dass sich immer mal wieder dicke, dunkle Wolke vor sie schieben. Bereits seit über zwei Stunden sitze ich schon auf der Bank hinter dem Hotel und schaue auf die gewaltigen Berge, die am Ende des schon fast grünen Tals hoch in den Himmel ragen. Was für ein Anblick!

Ich muss an meine Zeit in Pakistan denken und daran, wie sehr mich die Berge des Karakorum gefesselt haben von dem Augenblick an, als ich über die chinesische Grenze fuhr. Und ich muss an dieses Gefühl denken, einen Ort nicht mehr verlassen zu wollen, weil er einfach so unbeschreiblich schön ist. Über fünf Monate ist das jetzt her, eine Zeit in der so viel passiert ist und in der ich noch so viel mehr von dieser Welt gesehen habe – Indien, Nepal, Belutschistan, Iran und den Balkan.

Und jetzt? Soll ich nach Hause fahren? Eigentlich müsste ich das – meine Weltreise hier und jetzt beenden. Denn Geld habe ich so gut wie keins mehr.

Ich schaue wieder auf meinen Laptop, der auf dem massiven Holztisch vor mir steht – einem Tisch, wie er in Südtirol, auf einem Balkon mit diesem Ausblick, stehen muss. Rechts daneben: Ein paar Dollar- und Euroscheine, Fünfziger, Zwanziger und ein paar Zehner, ein paar Tögrög aus der Mongolei, meine Reisepässe, mein Handy, ein Notizblock, mein zweiter Espresso und irgendwelcher Krimskrams, der sich über Monate in meinen Taschen angesammelt hat. Auf der linken Seite: meine Kamera, die ich eben angeschaltet hab und die mich in diesem Augenblick ein bisschen nervt.

Ich bin pleite, verdammte Scheiße!

Und ja: so richtig pleite! Doch viel schlimmer ist: Ich bin unzufrieden mir mir selbst. So wie ich es immer bin, wenn ich mir unsicher bin. Was soll ich tun? Ich mache noch mal den Routenplaner auf – zum vierten oder fünften Mal. Und auch wenn ich die Google-Maps-Karte wegen der Sonne kaum erkennen kann, diese Zahl da ist unverkennbar: 3100 Kilometer. So weit ist es ungefähr von hier bis nach Carbo de Roca in Portugal, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlands. Und ja: Dave, einer der beiden Engländer, mit denen ich in Pakistan unterwegs war, hatte verdammt noch mal Recht – auch wenn er vollkommen betrunken war. Dort muss ich eigentlich hinfahren, um später wirklich einmal behaupten zu können, dass ich „einmal rum“ gefahren bin. Puh! Und was passiert, wenn ich dort angekommen bin? Dann muss ich auch noch nach Hause kommen. Irgendwie. Ohne Kohle.

Ich schaue wieder in Richtung Berge und denke darüber nach, wie sich das anfühlen würde, morgen einfach nach Hause zu fahren. Was soll ich denn bitte schön meinen Kindern später mal erzählen? „Ja. Und dann hat der Papa zum Schluss noch seine allererste Freundin Katrin in Südtriol besucht. Die hatte damals Kinder, die noch viel kleiner waren als ihr jetzt. Und dann hat er da auf der Terrasse gesessen, satt gefuttert nach einem leckeren Frühstück. Ja, aber es war auch nicht so leicht. Denn er wusste nicht genau ob sein Geld noch reichen würde, um noch nach Portugal zu fahren. Das wäre alles ganz schön knapp geworden. Tja, und dann ist er lieber direkt mal nach Hause gekommen. Ja, so war das damals.“

Boah! Würgh. Mir wird schlecht. Das geht gar nicht! Doch auf der anderen Seite? Wie soll es gehen? Der Unfall in Indien. Allein den habe ich schon nicht mit eingeplant bei dieser ganzen Aktion. Alleine einmal mit dem Motorrad um die Welt fahren. Wie beknackt muss man eigentlich sein?! Och ja, das wird schon irgendwie gehen. Du hast ja ein Zelt, es gib Couchsurfing und Essen kannste Zeug aus der Dose. So teuer wird das schon nicht, habe ich immer gedacht. Ich Idiot! Die schweineteueren Motorradteile nach dem Unfall, die Erstbehandlung in diesem indischen Rattenloch, das Schmiergeld beim russischen Zoll und an so mancher Grenze. Über all das habe ich mir, bevor ich losgefahren bin, einfach nicht wirklich Gedanken gemacht. Ebenso wenig darüber, dass ich pro Monat doch ein wenig mehr Geld brauchen könnte. Oh man, ich werde so pleite sein, wenn ich nach Hause komme. Deshalb: Ich habe mir geschworen keine weiteren Schulden zu machen – bei niemandem. Auch wenn ich das bisher leider schon musste. Keinen weiteren Euro mehr! Alles was ich jetzt noch habe, muss reichen.

Meine Konten habe ich online schon gecheckt, jedes Fach meines Portemonnaies und meiner Dokumententasche. Auch wenn ich das noch ein weiteres Mal mache, davon wird es nicht mehr. Alles was ich noch habe liegt nun vor mir. 300, 350, 400 … Ich starre vor mich hin. Halt! Warte! Ha! Da hab ich ja gar nicht mehr dran gedacht. Klar, die kleine Geheimtasche mit meiner Motorradjacke. Ist da vielleicht auch noch etwas drin? Zwei Minuten später knalle ich das dreckige Ding auf den Tisch und öffne sofort den Reißverschluss, der wie fast alle mittlerweile ein wenig klemmt. Und?! Irgendwelche Geldscheine – Fehlanzeige. Mist! Wäre ja auch zu schön gewesen.

Doch, was ist das da? Häh?! Als meine Finger es vollkommen umschließen, weiß ich sofort was es ist. Etwas, das ich seit Monaten schon nicht mehr gesehen habe. Etwas, an das ich auch schon gar nicht mehr gedacht habe. In diesem Augenblick spüre ich, wie die Sonne durch die Wolken bricht und es ein bisschen wärmer wird – zumindest für einen kurzen Augenblick. Ich nehme den kleinen Engel aus meiner Tasche und schaue ihn mir an. Krass! Und auch wenn ich spätestens seit dieser Reise überhaupt kein Freund mehr dieses skurrilen Vereins bin, muss sich gestehen, dass er das doch ziemlich gut getimed hat. Obendrein fangen in diesem Augenblick nämlich die Kirchturmglocken an zu läuten – was leider extrem kitschig, aber die Wahrheit ist. Ich setze mich wieder auf die Bank und muss an meine Mutter denken und daran, was sie zu mir gesagt hat, als sie mir den kleinen Kerl aus Bronze am Flughafen in Frankfurt in die Hand gelegt hat.

„Geh und tu das, wovon Du immer geträumt hast. Vertrau darauf, dass alles so kommen wird, wie es kommen soll. Auch wenn alles dagegen spricht – Du weißt, dass es richtig ist. Fahr los!“ Ich beginne wieder zu lächeln.

Und so sitze ich eine ganze Weile da und denke nach, was ich nun alles machen müsste, wenn ich morgen weiterfahren würde. Herrgott! Bis mir siedend heiß wieder einfällt, was ich ja auf jeden Fall noch machen muss.

Das Bobby-Car von den Kids braucht dringend neue Räder. So kann das nicht bleiben. Schon als ich hier ankam, war es das erste was ich nach Katrins und meiner Begrüßung gesehen habe. Völlig runter die Pellen. Das nächste Rennen in der Einfahrt der Nachbarn damit gewinnen? Völlig unmöglich. Und da es den Vater zu den Zwillingen nicht wirklich gibt und Katrins ganze Familie ziemlich in den Hotelbetrieb eingespannt ist, war mir schnell klar: Das ist dein Job, mein Lieber. Und so mache ich mich sofort auf den Weg in die Garage, um mein Bordwerkzeug hervorzukramen. Dass ich, wenn ich so recht darüber nachdenke, gar nicht so oft auf dieser Reise gebraucht habe.

Was für eine coole Nachmittagsbeschäftigung! Und diese findet ihren Höhepunkt schließlich darin, dass ich mit Katrins Vater, den ich ebenso wie sie, vor gut 17 Jahren das letzte Mal gesehen habe, zum Dorfschlosser fahre, um Gewinde auf die Achsen drehen zu lassen. Ich verstehe kein Wort von dem was mir der Vollbart im schmutzigen Blaumann sagen will. Aber irgendwie ist es ziemlich schön zu sehen, wie sich alle bemühen, das Bobby-Car wieder fit zu machen. Und siehe da. Ein Schwung Ersatzreifen, ein paar Muttern, Unterlegscheiben, WD-40 und zwei Stunden Einsatz von Fachkräften – und der grüne Flitzer rollt wieder wie ein Eins. Geil! Mein Lohn am Abend: Eine dicke Umarmung von Katrin, vier strahlende Kinderaugen und wieder einmal ein wunderbares Abendessen. Frisches Kalbsfilet und Rosmarinkartoffeln. Überhaupt: Ich werde, in den Tagen an denen ich hier sein darf, so dermaßen verwöhnt, dass es mir schon fast unangenehm ist. Ebenso wie die Tatsache, dass ich hier umsonst übernachten darf. Umsonst in einem Hotel – das hatte ich auf dieser Reise so auch noch nicht. Und mit einem Mal muss ich wieder an meine Mama denken.

Ziemlich spät am Abend finden Katrin und ich dann auch noch mal die Zeit uns zusammen hinzusetzten und mal zu quatschen. 17 Jahre. Ach, was waren wir doch bekloppt damals. Vor allem wenn man bedenkt, dass unsere große Liebe für vielleicht gute zwei Monate gehalten hat. Und sie damit geendet hat, dass Katrin kurz nachdem ich nach einer neunzehnstündigen Fahrt in Regionalzügen in Südtirol angekommen bin einfach mit mir Schluss gemacht hat. Och je, was war das für eine Tragödie damals. Zumindest wenn man bedenkt, dass dem Ganzen immerhin ein Kuss auf unserem Dorffest und sich anschließende 568 Faxe, verschickt aus dem Büro meines Vaters, vorangegangen sind. Ach je, was ein netter Abend – voller Erinnerungen und Geschichten aus zwei mittlerweile völlig unterschiedlichen Leben.

Am nächsten Morgen. Ich sehe von meinem Bett aus, wie es ganz langsam hell wird und die ersten Sonnenstrahlen die Berge berühren. Wie der Schnee auf ihren Spitzen beginnt zu funkeln. Brauche ich noch einen Ölwechsel? Wie oft werde ich tanken müssen? Wie viel Geld darf ich jeden Tag für Essen ausgeben? Sebastian in Barcelona, Duncan in Cannes und Juan in Burgos – ich hoffe, die sind zu Hause, wenn ich dort auf der Matte stehe. Und was ist mit Michael und seiner Frau? Ansonsten: Kann ich wild campen in Italien, Spanien und Portugal? All das geht mir schon bestimmt seit einer Stunde durch den Kopf.

Ich bin so aufgeregt, wie schon lange nicht mehr. Es fühlt sich fast so an, wie an dem Tag als ich in Miami vor rund zehn Monaten morgens völlig gejetlagt im Bett lag und dann zusammen mit Miguel mein Motorrad aus der Spedition geholt habe. Die ersten Kilometer auf meiner Weltreise. Was für ein geiler Moment! Was er und seine Familie jetzt wohl machen? Egal, raus aus der Kiste. Da kann ich mir Gedanken drüber machen, wenn ich tatsächlich wieder zu Hause bin. Ich muss jetzt wieder auf die Straße. Und so sitze ich nach südtiroler Umarmungen, einem ebenso kräftigen Frühstück etwa eine Stunde später auf meiner bayrischen Dame und rolle die schmale Bergstraße in Richtung Bozen hinunter – bei strahlend blauem Himmel. Geil! In meinem Koffer: geschmierte Brote, Apfeltaschen, Obst und eine Kanne Kaffee. Und auf meinem Handy die Nachricht aus Süditalien: „Komm vorbei! Der Camping-Platz heute Abend geht auf uns. Du pennst bei uns im Bulli.“

Zehn Tage später. Es ist früh am Morgen. Tine und Olaf sind schon vorgefahren um meine Ankunft mit der Kamera festzuhalten. Ich kann immer noch nicht glauben, dass die beiden das einfach so machen. „Klar, wir kriegen das zusammen hin“, sagte er einfach zu mir und grinste mich breit an. „Soll ich vorher Kaffee machen und Dich dann wecken?“

Mehrere Meter hoch schlagen die Wellen des Atlantiks an die steilen Felswände. Links und rechts von mir dichter, grüner Wald, urige Dörfer und immer wieder der kurze Blick aufs Meer. Aus den schnell vorbeiziehenden Wolken fallen immer mal wieder ein paar Regentropfen. Doch die Sonne, die erst vor wenigen Minuten aufgegangen ist, tut ihr Bestes um die Oberhand über das Chaos über mir zu gewinnen. Die einzigen, die ebenfalls schon wach sind: ein paar mutige Möwen, die sich trotz des heftigen Winds in die Luft trauen. Meter für Meter fahre ich der Küste entgegen und dem Leuchtturm, den man schon von einigen hundert Meter erkennen kann, aber in den engen Kurven der schmalen Landstraße immer wieder aus dem Blick verliert. Cabo de Roca, da vorne ist es also.

Boah! Das war knapp. Einige Böen sind so heftig, dass es mich fast vom Mopped pustet, als ich um die nächste Ecke biege. Das Pfeifen durch mein mittlerweile etwas klappriges Visier übertönt alles. Sogar Tom Morello, den ich natürlich auch an diesem Morgen wieder eingeladen habe. Das Einzige, was ich wirklich hören kann, ist das Pochen in meiner Brust, dass schon heute morgen angefangen hat als ich auf dem Campingplatz ein paar Kilometer entfernt aufgewacht bin. Noch einmal links, dann wieder rechts und vorbei an dem Schild, dass den Weg zum Parkplatz deutet. Direkt neben mir nun der Turm, der Reisenden den Weg deuten soll und der hoch in den Himmel ragt. Und dann ist es fast so weit. Ein paar Meter noch. Ich bin so aufgeregt.

Das Pochen ist mittlerweile so heftig, dass es mir fast den Hals zuschnürt. Gleich – gleich habe ich es geschafft. Gleich habe ich die Erde auf meinem Motorrad umrundet.

Ich sehe das Meer und das große, steinerne Kreuz. Dick eingepackt stehen Olaf und Tine etwas abseits mit meiner Kamera in der Hand. Sonst niemand. Langsam rolle ich über den Parkplatz. An den Palisaden die sein Ende markieren, halte ich kurz inne und überlege. Klar ist es verboten noch weiter zu fahren. Aber das ist mir mal so was von egal in diesem Augenblick und so gebe ich wieder Gas. Plötzlich spüre ich die Sonne und auch, dass der Wind etwas nachgelassen hat. Ich höre wie der grobe Kies auf dem schmalen Fußweg unter meinen abgefahrenen Reifen knirscht.

Und dann halte in an, direkt vor der kleinen Mauer und denke an das Zitat, dass ich über diesen Ort gelesen habe. „Hier… Wo die Erde endet und das Meer beginnt…“ Bumm, bumm, bumm, ich spüre jeden Schlag meines Herzens. Und als ich den Verschluss meine Helms öffne, meine zittrigen Händen. Ich brauche einen kleinen Moment, bevor ich von meiner bayrischen Lady steigen kann – die mich tatsächlich bis hierher gebracht hat und die ich allein deshalb niemals verkaufen werde.

Und dann? Wie habe ich diesen Moment erlebt? Was ist mir durch den Kopf gegangen? Um davon zu erzählen, dazu fehlen mir an dieser Stelle die Worte. Doch ich hoffe sehr, dass es mir gelungen ist, dies in bewegten Bildern festzuhalten. Nicht zuletzt, weil mir auch dabei wieder einmal vollkommen unerwartet Menschen geholfen haben, die ich nie zuvor getroffen habe.

Gerade eben habe ich zum ersten Mal auf dieser Reise in die Kamera gesprochen. Ich habe dies nie für notwendig gehalten – mich irgendwie nie danach gefühlt. Doch in diesem Moment habe ich es getan. Ich lasse meine Kamera sinken und spüre plötzlich wie schwer meine Arme geworden sind. Wie schwere Steine fallen sie mit einem Mal nach unten. Sie fallen von mir ab, so wie die Last, die ich mir gerade selbst von meinen Schulter genommen habe. Mit einem Mal schmecke ich das Salz in der Luft und beginne zu weinen. Diese Idee, diesen Traum – mit dem Motorrad um die Welt zu fahren. Seitdem ich mit 16 dieses Buch gelesen habe, immer in den Mittagspausen auf der Baustelle , hatte ich sie in mir. Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr. Und ja: Irgendwann wurden sie zu einer Last. Zu etwas, vor dem ich langsam Angst bekam, da es mir immer größer, immer schwerer und schließlich unerreichbarer vorkam. Aber es blieb etwas, was es zu erledigen galt und zugleich etwas, wofür sich immer Gründe fanden es nicht zu tun – Liebe, Freundschaft, Partys, Hobbys und Lebenswege von denen ich meinte, dass sie mich ebenfalls zufrieden machen. Doch so sehr ich mich auch bemühte es zu verdrängen, zu verschieben und zu vergessen, es ließ mich einfach nicht mehr los. Und tief im Inneren wusste ich, dass ich einfach losfahren muss. Wenn nicht, werde ich diese Idee, diesen Traum noch haben, wenn ich irgendwann sterbe. Und dann? Dann habe ich es getan – vor über zehn Monaten.

Ich schaue wieder aufs Meer hinaus, das so unendlich groß erscheint. Ich schaue in Richtung Miami, das irgendwo hinter dem Horizont liegen muss. Ich schaue in die Richtung des Ortes, an dem ich meine Reise um die Welt begonnen habe. Ich schließe noch einmal meine Augen. Diesen Moment, am liebsten würde ich ihn für immer festhalten. Das einzige was man hört sind die Wellen und … Häh! Was ist das?! Ich drehe mich um und bin mit einem Mal wie erstarrt. Oh nein! Bitte nicht! Ernüchtert lasse ich meinen Kopf sinken. Ich kann einfach nicht hingucken. Bitte, bitte nicht! Sag, dass das nicht wahr ist. Das muss ein Albtraum sein. Angst erfüllt mich, gefolgt von Verzweiflung und kleinen Schweißschüben.

Ich hebe wieder meinen Kopf, und nur wenige Meter von mir entfernt sehe ich es tatsächlich vor mir. Das Unheil. Den Abgrund, den viele Reisenden dieser Welt fürchten – so wie Fusspilz, lauwarmes Bier, Dünnschiss und Tuk-Tuk-Fahrer. Das Böse, das jeden noch so wunderbaren Ort, jeden noch zu bezaubernden Moment, in den Vorhof der Hölle verwandeln kann. Die Rede ist von: einem ganzen Bus, vollgestopft mit chinesischen Touristen.

Durch den Wind habe ich den Bus, der rund 150 Meter entfernt auf dem Parkplatz angehalten und seine Türen geöffnet hat, nicht gehört. Und somit bin ich schon wenige Sekunden später umgeben von allem, worauf ich in diesem besonderen Augenblick vollkommen verzichten könnte. Handy-Kameras, Selfie-Sticks, pinken Outdoor-Jacken und laut quakenden Chinesen. Immer noch etwas überrumpelt von diesem abrupten Szenenwechsel stehe ich da und starre vor mich hin.

Warum müssen diese Menschen, die meinen sich ganz Europa in drei Tagen angucken zu müssen, jetzt auch hier sein? Warum bloß!? Plötzlich ein Blitz. Und noch einer. Einer der Eindringlinge steht direkt vor mir und fotografiert mich ungefragt. „Mach das noch mal und ich hau Dich aus Deinem Goretex-Strampler“, grummele ich ihn an. Er versteht mich natürlich nicht und grinst. „Cool bike. You can smile for me? Oh, please?!“, fragt er mich plötzlich und drückt gleich zwei mal den Auslöser seines iPhones. Blitz. Blitz. Boah! Und schon ist er auch schon wieder weg. Ich bin wie gelähmt und starre wieder vor mich hin. Und dann dauert es ein paar Sekunden bis ich wirklich anfange zu grinsen – ja tatsächlich anfange zu lachen. Darüber wie unheimlich witzig diese Situation doch eigentlich ist und irgendwie über mich selbst. Tja, ob es mir gefällt oder nicht. Aber so ist das Leben nun mal. Dieses Leben, das in den letzten Monaten schon so viele Überraschungen für mich bereithielt. So viel Unerwartetes, so viel Ungeplantes, so viel Trauriges, so viel Schlechtes und so viel unheimlich Gutes und Schönes. Ganz ehrlich? Meine Reise war nicht so, wie ich ich sie mir vorher ausgemalt hatte. Sie war nicht so cool, nicht so abenteuerlich und nicht so postkartenmäßig. Nein! Das war sie ganz bestimmt nicht. Wie sie wirklich war und ob sie mich verändert hat, das werde ich vielleicht erst mit ein wenig Abstand sagen können. Irgendwann. In diesem Moment weiß ich nur:

Meine Reise war einfach ganz anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Warum also sollte das heute, hier an dieser Stelle nun anders sein?

Als ich zwei Stunden später mein Zelt einpacke und vom Campingplatz rolle, bin ich vollkommen aufgewühlt. Und so muss ich doch noch mal anhalten und mein Handy hervorkramen. Das hatte ich vollkommen vergessen, einfach nicht dran gedacht. Meine Familie, meine Freundin und die Jungs zu Hause. Sie müssen doch wissen, dass ich es geschafft habe. Und dann mache ich mich schließlich tatsächlich auf den Weg nach Hause. Und damit noch mal durch den dichten, grünen Wald und vorbei an den Wellen, die mehrere Meter hoch an die steilen Felswände schlagen.

Nach Hause – wie schön das klingt. Ich freue mich so sehr, dass ich vollkommen abwesend, mitten in Lissabon, einfach mal über eine dunkelrote Ampel knalle. Uiui, eine knappe Nummer mit dem LKW. Doch bevor ich tatsächlich wieder in Nordhessen ankomme, möchte ich unbedingt, auf dem Weg, noch einige meiner Sponsoren, Unterstützer und Menschen besuchen, die mich bei der Vorbereitung und Durchführung dieser Reise unterstützt haben. Und naja, wie ich festgestellt habe: Auch alte Freunde und Reisebekanntschaften scheinen links und rechts an der Straße in Richtung Heimat zu wohnen. Und was soll ich sagen? Tag für Tag, Abend für Abend, Umarmung für Umarmung. Ich muss in diesem Tagen noch öfters an meine Mama denken. Und so bekomme ich das Lächeln irgendwann einfach gar nicht mehr aus meinem Gesicht – spätestens als ich bei schlagartig einsetzendem Regen über die Deutsche Grenze fahre und weiß, dass ich immer noch ein bisschen Geld in der Tasche habe.

Eineinhalb Wochen später. Hauptbahnhof in Kassel. Wieder und wieder nehme ich ihr Gesicht in meine Hände und schaue in ihre leuchtenden Augen. Ich will sie einfach nicht mehr loslassen. Tränen rollen unsere Wangen herunter. Wie sie mich anlacht. Sie hat mir so sehr gefehlt. Und jetzt ist sie tatsächlich hier und wird mich auf den letzten Meter begleiten – auf dem Rücksitz meines Motorrads. So wie es im Nordosten von Indien eigentlich geplant war. Ich glaube, dass mein Kumpel Bernd die Kamera mittlerweile abgesetzt hat. Wie lange ich meine Freundin wohl schon im Arm halte? Ich weiß es nicht. Aber ich spüre, dass wir langsamen aber sicher los müssen.

Und so fahren wir, im mittlerweile strömenden Regen, der sich im Minutentakt mit strahlendem Sonnenschein abwechselt, dem Ort entgegen, wo alles seinen Anfang genommen hat. Dorthin wo ich monatelang geplant, wochenlang an meinem Motorrad gebastelt und so viele Stunden mit dem Zusammenstellen meiner Ausrüstung beschäftigt war. Ich genieße diesen Augenblick gerade sehr, jede Minute zusammen und die Arme, die meine Freundin eng um mich geschlungen hat. Und dennoch muss ich auch an das denken was jetzt auf mich zukommt.

Was wird mich zu Hause erwarten? Wie wird es sein, wenn ich von heute auf morgen nicht mehr im Zelt oder auf irgendwelchen Sofas schlafe, sondern in meinem eigenen Bett? Wie wird es sein, nicht mehr allein zu sein und jeden Tag Neues zu erleben? Wie wird es sein, wenn ich meinen so geliebten Kaffee nicht mehr auf dem Campingkocher mache und dann einfach wieder losfahre – irgendwo hin, ohne zu wissen, was mich dort erwartet? Insgeheim spüre ich schon jetzt, dass der Weg von der Straße zurück in die Realität nicht einfach werden wird. Ich spüre wie groß mein Respekt vor alldem ist. Das ich wieder zurück in meinen alten Job kann, beruhigt mich sehr. Nicht zuletzt, weil ich weiß, dass ich tolle Vorgesetzte und Kollegen habe, die das überhaupt ermöglicht haben und sich auf mich freuen. Doch wo und wie werde ich bald wohnen? Ich spüre, dass mit meiner Hand noch nicht alles in Ordnung, da ich immer noch Schmerzen habe. Was wenn ich mich noch mal operieren lassen muss? Was wird mit meinem Motorrad passieren, das weit mehr als nur eine Inspektion nötig hat, für die ich nicht einen Euro übrig haben werden.

Ich denke an die unzähligen Stunden an Rohmaterial, dass ich für meinen Film, den ich so gerne produzieren möchte, gesammelt habe. Schon jetzt weiß ich, dass ich auch dafür auf die Hilfe von Freunden und Berufskollegen angewiesen sein werde. Wird das alles klappen? Wann und wo wird der Film dann zu sehen sein? Ich weiß es nicht. Ebenso wenig, ob es tatsächlich auch ein Buch zu dieser Reise geben wird – in dem würde ich von Erlebnissen berichten, die ich nur schwer in diesem Blog beschreiben oder in Bildern festhalten konnte. Und dann muss ich an meine Mutter denken und den kleinen Engel, den ich heute morgen noch in der Hand hielt. Ich fange wieder an zu lächeln.

Kilometer für Kilometer kommen wir langsam meinem Heimatort näher. Ein letztes Mal halten wir an, auf dem kleinen Berg, von dem man schon fast das Dorf sehen kann – auf dem ich schon so unzählige Male war, wenn ich allein sein wollte. Noch einmal nimmt mich meine Freundin in den Arm und gibt mir einen dicken Kuss. Dann starte ich ein letztes Mal mein Motorrad und fahre nur ein paar Augenblicke später um die letzte Kurve und dann den kleinen Hügel hinauf. Und dort warten sie auch schon, ich kann sie schon sehen. Meine Nichten und Neffen, meinen Schwager, meine Geschwister, meinen Vater und meine Mutter. Sie werde ich gleich endlich wieder in die Arme schließen – nach 22 Ländern, 333 Tagen und über 50.000 km auf der Straße. Nach einer Reise die ich ohne sie niemals hätte machen können. Nach einer Reise auf der ich Dinge erlebt, Ort gesehen und Menschen kennengelernt habe, die ich niemals vergessen werde.

Nach meiner Reise um die Welt. Denn jetzt habe es endlich geschafft: Einmal rum!

Die Schmerzen in den Fingern werden fast unerträglich. Meine Gelenke sind, nach Stunden in der Kälte, mittlerweile so steif, dass ich sie kaum noch bewegen kann. Und die Schraube in meiner Hand sticht so sehr, dass ich schließlich anhalte. Ich kann einfach nicht mehr weiterfahren. Obendrein sehe ich in diesem bekackten Nebel, hier auf dem Bergpass, mal so überhaupt gar nichts. Was ein Mist! Links scheint es direkt mehrere Meter bergab zu gehen, rechts geht es steil bergauf. Mir bleibt zum Anhalten also nur der Standstreifen. Und der ist so schmal, dass ich den Brummifahrern problemlos ein Highfive geben könnte. Hoffentlich sehen die Jungs meine Blinker. Ich zittere am ganzen Körper – trotz zwei paar Handschuhen, zwei Lagen Thermounterwäsche und einem dicken Fleece. Der eisige Wind presst hier oben die Kälte durch jede noch so kleine Ritze. Das Tuch vor meinem Mund und meiner Nase ist teilweise gefroren. Der Blick auf mein Display verrät mir: -9° Celsius. Und der auf mein GPS: Es sind noch 250 Kilometer! Und ja, ich kann es nicht anders sagen. Genau das ist einer dieser Momente, in dem man sich fragt: Warum mache ich diese Scheiße eigentlich?

Doch es hilft alles nichts. Ich muss weiter – nach Europa. Und so friere ich mir, hier in der Türkei, auf meinem Weg über den Balkan, nicht nur den Arsch ab.

 

Drei Tage zuvor. Noch zehn Kilometer, dann fahre ich über die Grenze in die Türkei. Oder sagen wir mal: Zumindest hoffe ich das. Die beiden Engländer, mit denen ich im Iran unterwegs war, sind mir einige Tage voraus. Und über WhatsApp haben sie mich gewarnt. Eine stundenlange Kontrolle, unzählige Fragen und pure Schikane mussten sie hier über sich ergehen lassen. Gut, was vielleicht aber auch daran gelegen haben könnte, dass sie versucht haben, mit ihrem dicken Land Cruiser über 60 Liter von dem extrem billigen Diesel in die Türkei zu bringen, sowie das restliche malaysische Bier. Und beides ist nun mal verboten, was ihnen und mir, durch unseren Guesthouse-Betreiber Hossein, in Urmia aber auch eingebläut wurde. Oh man! Was war das für eine witzige Zeit mit den Beiden, denke ich mir unter meinem Helm, als ich langsam, an den vielen LKWs vorbei, in Richtung Grenzzaun rolle. Doch jetzt bin ich wieder allein unterwegs und mehr als nur gespannt, auf das, was da jetzt kommen mag.

Als ich von meinem Motorrad vor dem Zollgebäude absteige und mein Carnet de Passages hervorkrame, brauche ich einen kleinen Augenblick, um zu begreifen, was mich hier tatsächlich erwartet. Ich bin nicht der Einzige der über diesen Weg seine Reise in Richtung Europa angetreten hat. Mit Blick in ihre Gesichter und nach dem Hören von ein paar Gesprächsfetzen kann ich nur mutmaßen. Syrer? Pakistanis? Iraner? Doch mit Blick auf ihre Koffer und den unzähligen Papieren in ihren Händen, wird mir klar: Es sind Flüchtlinge. Und zwar diejenigen, von denen ich in den letzten zehn Monaten nur gelesen und gehört habe. In meinem Kopf sind mit einem Mal all die Bilder die ich von ihnen gesehen habe. Und all die Schlagzeilen über den politischen und sozialen Wandel in meinem Land.

Ich ertappe mich dabei, wie ich nachdenklich, mit dem Helm in der Hand, wahrscheinlich minutenlang einfach nur dastehe und die mehreren Dutzend Menschen betrachte. Den Zollbeamten, der mich nun schon zum dritten Mal von weitem herbeiwinkt, nehme ich nur unterbewusst war. Mein Motorrad, diese Reise, meine Klamotten. Was ist es doch für ein unbeschreiblicher Luxus, der mich an diese Grenze gebracht hat. Ganz im Gegensatz zu diesen Männer, Frauen und Kindern. Das was sie hierher gebracht hat, sind Krieg, Armut und die Aussicht auf ein besseres Leben. Dann muss ich daran denken, was ich gestern Nacht wieder einmal über die AfD und PEGIDA gelesen habe. Und was soll ich sagen? Vielleicht nur so viel: Auch ich bin mir unsicher, ob die aktuelle Asylpolitik die Richtige ist und wie sich Deutschland politisch und zwischenmenschlich verändern wird. Doch jedem Menschen in meinem Land, der sich ernsthaft damit identifiziert, was diese Parteien vertreten und anstreben, wünsche ich einen Tag an einem Ort, wie ich sie in den letzten Monaten gesehen habe. Im Angebot hätten wir unter anderem: eine Essensausgabe für pakistanische Straßenkinder, ein Slum am Rande von Delhi, in dem mehr als eine Millionen Menschen leben oder eine Schule in Nepal, die Mädchen durch das Erlernen von Lesen und Schreiben vor der Prostitution bewahren will. Einen Tag! Nur einen verdammten Tag!

Ich werde mit einem mal so wütend darüber, dass mir fast die Kotze hochkommt. Was übrigens eine körperliche Reaktion ist, die ich – angeblich – bereits als kleines Kind mehrfach öffentlich in Vollendung demonstriert habe.

Um Komplikationen zu vermeiden, hat man sich hier an der Grenze scheinbar auch schon auf die vielen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft eingerichtet. So auch der bewaffnete Zollbeamte vor der Eingangstür, den ich erst jetzt wirklich beachte und der deshalb mittlerweile schon ein wenig sauer geworden zu sein scheint. Was zur Folge hat, dass ich, bereits als ich auf das Zollgebäude zugehe, unmissverständlich und etwas schroff zum Schalter für Menschen mit europäischer Staatsangehörigkeit geleitet werde – vorbei an den Flüchtlingen, iranischen Truckern und den, an vielen Grenzen schon zum guten Ton gehörenden Typen, die sich erhoffen, hier durch Geldwechseln und anderen dubiosen Geschäften etwas zu verdienen. Und wie schon so einige Mal auf meiner Reise zuvor, wird mir ziemlich schnell klar, dass ich hier bevorzugt behandelt werde.

Nachdem ich meinen Pass vorgelegt habe, geht alles ziemlich schell und reibungslos seinen Gang. Stempel hier, Durchfahrtschein da. Auch wenn ich mich eigentlich darüber freuen sollte, in Gedanken bin ich immer noch bei den Menschen, die hier wahrscheinlich schon tagelang warten und vielleicht nie auch nur einen Fuss in dieses Zollgebäude setzen werden. Und das nur, weil sie im falschen Land geboren sind und damit einen Pass haben, der es ihnen nicht erlaubt mit einem Motorrad in so gut wie jedes Land dieser Erde einreisen zu können. Einen Pass, der ihnen nicht noch ein dahergestammeltes „Wie geht es Ihnen? Ich war auch schon Deutschland, auf Oktoberfest. Very nice! Große Bier. You know?“ des lächelnden Kontrolleurs einbringt. Einen Pass der nicht mehr wert ist, als die Pappe, die ihn umgibt. Ich fühle mich extrem unwohl. Doch ändern kann ich es nicht. Und in diesem Augenblick will ich es auch irgendwie nicht – denn auch ich möchte ja so schnell wie möglich nach Europa.

Und so fahre ich, nicht einmal eine halbe Stunde später, von der iranischen auf die türkische Seite der Grenze – mit abgestempeltem Carnet de Passage und ohne auch nur eine Tasche öffnen zu müssen. Gut, ich habe dem Zollbeamten, der mich durch den ganzen Papierkram geschleust hat, die fünf Euro gegeben, nach denen er leise aber bestimmend, auf dem Weg zur Fahrzeugkontrolle, verlangt hat. Ich habe mich schon öfters gefragt, ob es überhaupt richtig ist, diese Korruption zu unterstützen, in dem man einfach bezahlt. Gerade an einem Ort wie diesem? Ich bin verwirrt und so uneins mit mir selbst, dass ich es fast verschlafe loszufahren, als sich das große Stahltor für mich öffnet.

Auf türkischer Seite ist man extrem nett zu mir. Alles scheint überhaupt kein Problem zu sein. Führerschein, Fahrzeugschein und meine grüne Versicherungskarte, die bereits ab hier wieder gilt. Keine Viertelstunde später bekomme ich den ganzen Stapel und ein nettes Grinsen zurück. Immer noch nachdenklich und zugleich ein wenig verdutzt darüber, wie einfach die Grenze für mich war, rolle ich auch schon in Richtung Doğubayazıt und damit in Richtung der ersten McDonalds, Nike-Stores und Schnapsläden. Alles Dinge, die ich schon seit längerem nicht mehr gesehen habe und die mir klar machen, dass ich nun eindeutig auf dem Weg in Richtung Westen bin.

Was ich wiederum noch nie gesehen habe, ist ein Hotel, für dessen Besitzer es selbstverständlich ist, das mein Motorrad in der Eingangshalle geparkt wird. Ich freue mich über so viel Nettigkeit, die wiederum den verstopften Abfluss und die feuchten Wände fast vergessen macht. Und dann ist da auch noch die Sonne, auf die ich am nächsten Morgen so gehofft habe. Und tatsächlich: Auch wenn es noch lange kein Frühling ist, schafft sie es die Temperatur deutlich über Null zu halten. Perfektes Wetter zum Motorradfahren also. + 10° Celsius und Sonnenstrahlen im Gesicht. Obendrein gibt’s an diesem Tag relativ gut ausgebaute Highways und schneeverschneite Berge am Horizont – die mir allerdings auch eine Vorahnung davon geben, was mir in den kommenden Tagen noch bevorstehen wird.

Eine ganz andere Form von Vorahnung überkommt mich wiederum schon, als ich an diesem Abend von meinem ersten Couchsurfer in der Türkei empfangen werde. Dass er schwul ist, das war mir zwar schon vollkommen klar, als er mich zuvor über WhatsApp mehr als nur umständlich gefragt hat, ob ich homophob sei. Zaghaft winkend, irgendwie schüchtern steht er nun vor seiner Haustür und scheint, als er mich und mein Motorrad sieht, vollends überfordert zu sein. Was auch dadurch klar wird, dass er vollkommen vergessen hat, was ich ihn mehrfach zuvor auf digitalem Wege gefragt habe. Dass ich nämlich einen Unterstellplatz für mein Motorrad benötige, da ich es ungern mitten in der Stadt am Straßenrand abstellen möchte. Was ein Drama! Ach je! Was ein Herzchen. Es ist ihm spürbar unangenehm. Ebenso wie mir die Tatsache, dass er sich dafür mehrfach entschuldigt. Auch noch, nachdem wir nach bereits zehn Minuten einen Platz in einer benachbarten Tiefgarage finden.

Angekommen in seiner bis ins kleinste dekorierten und perfekt aufgeräumten Wohnung, scheint ihm dann viel daran gelegen zu sein, mir ganz offiziell zu sagen, dass er schwul ist. Mich überfordert das ein wenig, eben weil ich die Aufregung darüber nicht nachvollziehen kann. Er scheint dennoch extrem aufgeregt zu sein. Und so versuche ich erstmal ein wenig Ruhe in die ganze Sache zu bringen und erkläre ihm ganz ruhig aber unmissverständlich, dass es mir völlig egal ist, ob er schwul, Vegetarier, Moslem, Astronaut oder der Papst persönlich ist. Das Resultat: Ein zaghaftes Lächeln eines 22-Jährigen, der scheinbar zum ersten Mal in seinem Leben jemanden getroffen hat, der so unterwegs ist wie ich.

So langsam scheint er aufzutauen. Und so folgen vielen Fragen und ein Paradebeispiel an türkischer Gastfreundschaft, wie ich sie in den kommenden Tagen und Wochen noch häufiger erlebe. Kaffee, Essen, Trinken, Süßigkeiten. Nur kurz zwischendurch: Ich habe in meinem Leben noch nie wirklich gemerkt, wenn – vor allem von femininer Seite – mir Interesse entgegen gebracht wurde. Und so bekomme ich es natürlich auch nicht mit, dass für ihn der emotionale Startschuss längst gefallen ist. Das ist erst um 23 Uhr soweit. Oder um genauer zu sein, zu dem Zeitpunkt, als ich, am Ende meiner langen emotionalen Leitung, irgendwann, nach achtundzwanzig Mal klingeln, endlich den Hörer abnehme. Zur Situation: Seine beste Freundin, mit der er sich stundenlang unterhalten hat, währenddessen ich am Laptop gesessen und ein wenig Bürokram gemacht habe, hat sich gerade verabschiedet. Plötzlich steht er neben mir und scheint mir irgendetwas sagen zu wollen. Ich schaue zu ihm hoch und ihn fragend an. Er weiß nicht so recht, wo er hingucken soll. Und da bricht es aus ihm heraus:

„Du kannst gerne in meinem Bett schlafen. Das Sofa im Wohnzimmer ist extrem unbequem und hart.“

Häh? Uiuii! Mit hochrotem Kopf und einigermaßen irritiert lehne ich ab und muss feststellen, dass er mir, in der Zeit als ich meinen Schlafsack ausgerollt habe, nicht nur ein sauberes Handtuch ins Bad gelegt, sondern auch ein Schaumbad eingelassen hat. Oh man! Jetzt bin völlig überfordert. Mit mir selbst und damit, die Unmengen an Schaum durch den Abfluss zu spülen. Als ich nach fünf Minuten fertig bin, ist bei ihm im Zimmer schon das Licht aus. Puh! Leise tippele ich, an dem überdimensionalen Regenbogenbild im Flur, zu meinem Schlafgemach. Geschafft! Doch als ich fünf Minuten später auf der Couch liege, passiert dann das, was ich in meinem tiefsten Inneren schon irgendwie befürchtet aber bislang erfolgreich verdrängt hab. Und los geht es mit dem ersten Pling. Diesem Pling, dass mir verrät, dass ich eine WhatsApp-Nachricht bekommen habe. Es ist er – von nebenan. Zwischen uns zwei Wänden und fünf Metern Flur. Soll ich? Soll ich nicht? Nach kurzem Überlegen öffne ich die Nachricht dann doch.

Alles gut bei Dir? Mein Antwort: Ja, alles gut bei mir. Danke für das Bad. Hab eine gute Nacht. Pling. Bist Du jetzt entspannt? Ja, ich bin jetzt entspannt. Danke nochmal. Pling. Kann ich Dich mal was fragen? Pling. Ach herrje, denke mir. Jetzt wird’s ernst. Ja, klar. Hau´s raus. Pling. Aber wirklich nur, wenn Du nicht sauer wirst. Pling. Kein Problem! Hau´s raus. Pling. Aber wirklich nur, wenn Du nicht sauer wirst. Pling. Mach Dir keinen Kopf, sag was Du willst. Pling. Wirklich? Ja, wirklich. Pling. Echt? Pling. Ja, in echt. Pling. Okay. Also, Du bist ja jetzt schon zehn Monate unterwegs auf Deinem Motorrad – ganz allein. Ja und? Pling.

Naja. Ich würde gerne mal einen unbeschnittenen Pimmel sehen. Und wenn Du nichts dagegen hast, würde ich Dir gerne einen blasen. Wäre das okay?

Was?! Ich meine, häh?! Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber?! Was?! Ich antworte ihm. Äähm nein, dass wäre nicht okay! Und ja: Ich hab etwas dagegen. Pling. Wirklich nicht? Nein wirklich nicht. Ich bin vollkommen überfordert und habe ein wenig Mühe, dem scheinbar Verknallten nebenan, dankend aber unmissverständlich klar zu machen, dass es aktuell maximal eine Person gibt, die mich Dinge in dieser Richtung fragen darf. Und dann der letzte Angriffsversuch seinerseits: Ob ich meine Entscheidung nicht noch mal überdenken wolle, schließlich gebe es ja auch Leute, die trotz einer Beziehung für so etwas offen sind. Nein, danke! Will ich nicht! Dann folgen unendlich viele Entschuldigungen seinerseits und abschließend irgendwann der beidseitige Wunsch einer guten Nacht.

Der nächste Morgen. Wer mich nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich alles andere als nachtragend bin. Doch auch wenn ich es noch so sehr versuche, ich kann mir das Schmunzeln einfach nicht verkneifen als ich in die Küche komme. Er versucht so zu tun, als sei er sehr beschäftigt damit Kaffee zu kochen. Wirklich anschauen mag er mich nicht wirklich. Sein schlechtes Gewissen ist extrem groß. Genau so der Abstand, den er zu mir hält. Was in der Mini-Studentenküche nicht ganz leicht ist. Tja, Strafe muss sein. Als ich dann aber vor seinen Augen die Pelle von der Salamiwurst ziehe, um sie anschließend in Scheiben zu schneiden, merke ich, dass der Höhepunkt des Ganzen erreicht und er genug gelitten hat. Fest steht: Hier ist noch mal ein Gespräch fällig!

Ich frage ihn schlicht und einfach, wie er sich fühlt und ob er mir irgendetwas sagen möchte. Ein Angebot, für das er sehr dankbar zu sein scheint. Erstmal mache ich ihm noch mal klar, dass er sich wirklich keinen Kopf zu machen braucht und ich ich ihm wirklich nicht sauer bin. Er ist extrem erleichtert und doch zugleich auch irgendwie bedrückt. Ob ich es irgendwem erzählen würde? Eine Frage, die dazu führt, dass wir uns noch eine ganze Weile unterhalten und dazu, dass ich trotz ein wenig Vorwissen über dieses, doch immer noch sehr konservative Land, erst jetzt wirklich verstehe, wie schwierig es für ihn sein muss, als junger Mann in der Türkei schwul zu sein. Öffentlich gedemütigt, angezeigt zu werden oder geschlagen zu werden, das ist scheinbar durchaus möglich und je nach Region auch übliche Praxis. Schwul zu sein gilt hier als psychosexuelle Krankheit und wird vielerorts belächelt und im Alltag zum Anlass für Belustigungen genommen. Die Angst in seiner Stimme ist kaum zu überhören. Vor allem als er von seinem Vater spricht, der niemals etwas von seinem Schwulsein erfahren dürfe. Dieser hätte, so wie er es mir erzählt, auch in heutiger Zeit das von einem Großteil der Gesellschaft gegebene Recht, ihn für diese unentschuldbare Demütigung zu töten. Man würde ihn zwar verhaften, aber mit einer wirklichen Haftstrafe sei deswegen in der Türkei erfahrungsgemäß nicht zu rechnen.

Kurze Zeit später sitze ich auf meinem Motorrad und bin, in mehrfacher Hinsicht, sagen wir mal „nachdenklich“ gestimmt. Was auch noch eine ganze Weile anhält. Und so bekomme ich gar nicht so recht mit, dass die verschneiten Berge, die ich gestern schon gesehen hatte, schnell näher kommen und es auch immer kälter wird. +5°C, +1°C. Verdammter Mist! -2°C, -5°C. Links und rechts türmen sich die Felswände auf. Mit einem Mal geht es hinab in ein tiefes Tal. Dann wieder bergauf. Immer weiter und weiter. Und mit jedem Meter, den ich an Höhe gewinne, wird es kälter und kälter. Schlagartig ist dann mit einen Mal auch die Sonne nicht mehr zu sehen. Nur noch eine dicke, graue Suppe, die leider auch in den kommenden Tagen nicht verschwinden wird. Zwei Stunden, drei Stunden. Es beginnt extrem windig zu werden. Und die Schmerzen in den Fingern werden langsam aber sicher immer heftiger. Der Blick auf mein Display verrät mir: -9° Celsius.

Und auch wenn es vielleicht beeindruckend und nach einem harten Kerl klingt. Aber ganz ehrlich? Es ist scheiße! Da kann mir jemand sagen was er will. Im Winter Motorradfahren braucht niemand.

Schon gar nicht mehrere Tage hintereinander, von morgens bis abends und ohne eine funktionierende Griffheizung – die irgendwie schon seit Teheran nicht mehr funktioniert. Passend dazu bekomme ich bereits seit einigen Tagen irgendwelche blinkenden Warnhinweise in Sachen Öl und Temperatur angezeigt. Und ja: Ich kann es nicht anders sagen. Die beunruhigen mich. Nicht zuletzt, weil die bayrische Lady und ich uns, nach fast achzigtausend Kilometern, mittlerweile etwas besser kennen und ich glaube relativ gut abschätzen zu können, ob sie wirklich krank ist oder nicht. Das heißt im Klartext: Ich muss dringend in eine Werkstatt und brauche jemanden, der sich mein Motorrad mal genauer anschaut. Das was da zu machen ist, werde ich nicht selbst machen können.

Wer hat mir geholfen? Mit wem habe ich die nächsten Tagen verbracht? Welche Orte und Landschaften habe ich gesehen? Welche witzigen Dinge habe ich erlebt? Welche Probleme und Schwierigkeiten hatte ich? All das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen und wird irgendwann, nach meiner Heimkehr, hoffentlich in bewegten Bildern zu sehen sein. Auch wenn das meine Stammleserschaft natürlich weiß und an es an dieser Stelle auch schon häufiger zu lesen war: Ich plane von meiner Reise und meinen Erlebnissen in einem Film zu erzählen. Wann und wo? Auch das sind Fragen, die ich an dieser Stelle noch nicht beantworten kann. Ebenso wenig, ob es eventuell auch ein Buch geben wird, in dem viele Erlebnisse und Geschichten Platz finden würden, die ich mit der Kamera nicht einfangen konnte. Es bleibt also spannend.

Gut zwei Wochen später. Nach meinem Weg von Istanbul durch Bulgarien, Serbien, Kroatien und Slowenien, müsste ich jeden Augenblick das Ortsschild vom österreichischen Villach sehen. Wow! Auch wenn es zeitweise arschkalt war, scheint schon den ganzen Tag die Sonne. Was ein geiler Tag! Unzählige Kurven lagen heute auf meinem Weg durch die Alpen. Jetzt muss ich nur noch schauen wo ich heute Nacht unterkommen kann. Nach eine wenig Umherfahren, finde ich endlich ein Einkaufszentrum. Hier muss ich erstmal ein paar Minuten investieren, um meine Telekom SIM-Karte in mein Handy zu bauen. Hoffentlich funktioniert die hier. Und da ich weiß, dass ich kein Guthaben mehr auf der Karte habe, hoffe ich insgeheim darauf, dass es hier kostenloses W-Lan für die Einkaufswütigen gibt. Und siehe da: Gibt es! Und es klappt einwandfrei. Cool! Das Problem: Die Anfragen über Couchsurfing hatte ich leider ein wenig spät gestellt. Um genau zu sein, erst gestern Abend. Aber bei all den Studenten hier in Villach dürfte das doch alles kein Problem sein, dachte ich mir. Aber wie so oft im Leben: Falsch gedacht! Und so folgt auch direkt die Ernüchterung.

Nicht einer von den Angeschriebenen hat sich auf meine Anfrage zurückgemeldet und möchte mich beherbergen. Nur ein Affe regt sich darüber auf, dass mein Profil nicht so ausführlich ist wie seins und tut dies in einer persönlichen Nachricht an mich kund. Auch die öffentliche Anfrage an die Couchsurfer-Community in Villach blieb leider ohne Erfolg. Mist! Was nun? Mittlerweile wird es dunkel. Mein nächster Schritt heißt also Booking.com. Doch als ich den Preis von 45 Euro pro Nacht für das günstigste Hotel sehe, wird mir anders. Tja, willkommen im wohlhabenden Teil Europas. Ach was eine Scheiße! Viel mehr als Sprit ist eigentlich nicht mehr drin. Was machen ich denn jetzt? Zelten? Ja klar, wenn es gar nicht anders geht. Kurze Recherche: Alle Camping-Plätze haben noch geschlossen. Puh! Soll ich also wild campen? Ich brauche erstmal ein paar Minuten und, auch wenn ich es mir eigentlich nicht mehr leisten kann, eine kleinen Kaffee von der Bäckerei gegenüber. Für’s Protokoll: Auch wenn ich seit meiner Zeit der Entbehrung in Indien mittlerweile schon ein paar gute Kaffee hatte, ich kann mich immer noch darüber freuen, wie ich merke. Und gerade als in den zweiten Schluck nehme und das schwarze Gold meine Speiseröhre hinunterfließt, sehe ich, dass sich in diesem Augenblick jemand über Couchsurfing meldet. Ein Klick, ein Blick. Prust! Ich spucke den ganzen Kaffee über meinen Sitz. Wie cool ist das denn? Ich muss laut anfangen zu lachen. Tatsächlich bietet mir jemand einen Schlafplatz an und das kaum zehn Minuten von hier entfernt. Doch nicht irgendjemand.

Und auch als ich schließlich an dem Studentenwohnheim ankomme, muss ich immer noch grinsen. Vor allem als ich schon nach den ersten Worten unserer Begrüßung den indischen Akzent von Abhimanyu höre. Wie cool ist das bitte? Dutzende, wenn nicht sogar hundert potentielle Möglichkeiten, in Villach unterzukommen. Und der Einzige, der mir tatsächlich einen Platz anbietet, ist ein Inder. Nicht dass Inder in unseren Gefilden extrem ungewöhnlich wären. Aber das gerade das mir das passiert, wo ich mir doch so fest vorgenommen hatte, so schnell nicht mehr mit diesem Land und seinen Bewohnern in Kontakt zu kommen. Tja, aber wie sagte mein irischer Reisekumpel in China immer so schön? „Things change. And that sometimes very fast!“ Und auch dieses Mal gibt mir mein erstes Gefühl sowas von Recht. Abhimanyu und seine Mitbewohner sind schwer in Ordnung. Und so bleibe ich schließlich, statt einem sogar zwei Tage. Und damit haben wir genug Zeit für eine Drahteseltour durch das wunderschöne Umland, die dank ihm wohl kaum cooler sein könnte. Ich erfahre, dass er nach seinem Elektrotechnik-Studium in München und Villach kurzer Hand hier geblieben ist, obwohl das alles andere als einfach war. Was ich mir gut vorstellen kann, im erzkatholischen, generell eher national-denkenden und als konservativ geltenden Österreich. Wir unterhalten uns überhaupt sehr viel. Über die aktuelle Asylpolitik in Deutschland und Österreich, Religion und natürlich auch über Indien. Was mir, mit ein wenig zeitlichem Abstand, unheimlich gut tut, wie ich merke. All die guten und vor allem negativen Erlebnisse mal von Aussen zu betrachten, war scheinbar längst überfällig. Am letzten Abend gibt es dann die obligatorische Wohnheimparty mit anschließendem Kater.

Als ich mich am nächsten Morgen dann wieder auf den Weg mache, wird mir mit einem Mal ganz anders als ich auf mein GPS gucke. Wahnsinn! Wenn ich wollte, wäre ich von hier innerhalb eines Tages locker zu Hause. das wird mir jetzt erst so richtig bewusst. Und auch wenn ich mich darauf extrem freue, auf meine Familie, meine Freundin und meine Freunde, merke ich doch gleichzeitig, wie sehr ich mich gegen diesen Gedanken sträube. Über zehn Monaten bin ich nun auf der Straße. Und eigentlich habe ich kein Geld mehr, um noch weiter zu fahren. Doch nein: Ich kann nicht nach Hause fahren – noch nicht. Vor allem nicht, wenn ich daran denke, wohin ich noch fahren müsste und später einmal behaupten zu können „einmal rum gefahren“ zu sein – Cabo de Roca in Portugal, der westlichste Punkt des europäischen Festlands.

Es ist früher Nachmittag und mittlerweile warm und stickig. Der Staub in der Luft wird immer dichter. Meter für Meter kämpfe ich mich auf meinem Motorrad durch Traktoren, Trucks und Autos, die hier zum Stehen gekommen sind. Gleichzeitig höre ich John Garica, der mir über meine Kopfhörer gerade King zum wiederholten Mal zum Besten gibt. Was ein geiler Song! Plötzlich hasten Männer schreiend an mir vorbei. Im nächsten Augenblick sehe ich mit einem mal dichten, schwarzen Qualm nur rund hundert Meter vor mir aufsteigen. Es stinkt nach verbranntem Gummi. Von überall her scheinen jetzt die Menschen herbeizueilen – einige bewaffnet mit Stöcken und Eisenstangen. Scheiße! Was ist hier los?! Die Schreie, das Gebrüll und das Hupen werden immer lauter. Links, rechts. Einige Männer laufen dicht an mir vorbei, in Richtung der brennenden Autoreifen. Nur einer bleibt stehen und starrt mich an, wie ein wildes Tier. Schnaufend vor Wut und von Dreck verschmiert, rinnt ihm der Schweiß vom Kopf. Die riesige Beule, die er sich scheinbar erst vor wenigen Minuten eingefangen hat, ist nicht zu übersehen. Puh! Jetzt steht fest: Ein normaler Stau, verursacht durch einen Auffahrunfall, ist das hier nicht. Und ich, ich bin einfach mal zur falschen Zeit am falschen Ort.

 

 

Ich bekomme Angst! Zentimeter für Zentimeter, vor, zurück. Da! Eine Lücke zwischen den Trucks. Nur mit Mühe schaffe ich es, in all dem Gedränge, meine Maschine und mich von der Straße zu rollen. Der Qualm, der Staub. Ich kann kaum noch etwas sehen. Nur die Umrisse von kleinen Hütten und Straßenständen. Und überall Menschen. Einige reißen ihre Knüppel in die Höhe und brüllen irgendetwas auf Farsi. Ich muss hier weg! Und zwar schnell! Doch wohin, in welche Richtung? In meinem Rückspiegel sehe ich plötzlich, wie sich mir jemand von hinter nähert. Ich kann kaum einen Meter weit gucken. Ich spüre einen festen Griff an meiner Motorradjacke. Was? Wer? Ich fingere nach dem Tränengas, dass ich immer in meiner Seitentasche habe. Mist! Ich bin zu langsam. Und dann, im nächsten Augenblick, schaut mich eine Frau an. Neben ihr taucht plötzlich ein Typ in schusssicherer Weste und mit Stahlhelm auf, der dem kleinen Kerl mal mindestens sechs Nummer zu groß ist. Ich erkenne ihre Uniformen. Es sind die der pakistanischen Polizei.

„Was machen Sie hier? Hier ist ein Kampf, zwischen zwei Familien. Folgen Sie uns! Sofort! Dort hinten zwischen unseren Fahrzeugen sind sie sicher.“

Schreit mich die Dame, nur zehn Zentimeter von meinem Visier auf schlechtem Englisch an. Flankiert von den beiden, bahne ich mir langsam meinen Weg aus der tobende Menge, in Richtung einer Tankstelle, vor der einige Polizeiautos stehen. Es sind maximal 100 Meter, doch von der Straße kaum zu erkennen. Freundlich, aber spürbar ärgerlich, werde ich gebeten mein Motorrad direkt zwischen ihnen zu parken. Kein Thema! Puh! Ich bin klitschnass geschwitzt und fertig wie ein Brötchen. Doch in Sicherheit. Beäugt von mehreren Dutzend Menschen, die dank der Polizei allerdings nun Abstand halten, setze ich den Helm ab und ziehe meine Jacke aus. Ich brauche einen Moment um mich zu sammeln. Schnell merke ich, wie durstig ich eigentlich bin. Ich ziehe also meinen Schüssel aus dem Zündschloss, um mit ihm meinen Alukoffer mit dem Wasser aufzuschließen. Rein, rumdrehen. Ach nö! Das Schloss harkt mal wieder. Ziehen! Ich höre und spüren das Knacken. Was? Nein! Nein! Nein! Obwohl meine Gedanken irgendwie immer noch bei den Irren da vorne sind, weiß ich sofort was passiert ist: Dieses verfickte, scheiß Plastikteil! Ich habe so eben den einzigen Schlüssel, den ich noch hatte abgebrochen – meinen Ersatzschlüssel. Und das mitten in Pakistan, 100 Meter entfernt von einem Straßenkampf.

Gut eineinhalb Wochen zuvor. Nach meiner Visums-Odysee in Indien bin ich nun endlich wieder in Pakistan angekommen. Garniert wurde das Ganze mit einem Grenzübertritt, wie er leichter kaum sein kann. Was vielleicht auch daran lag, dass ich schon fast die Hälfte der Belegschaft kannte. Einer der Herren in braun und mit Lametta an der Brust fragte mich sogar, wo ich den geblieben sei. Er hätte sich schon gefragt, was den wohl mit meinem Visum sei und wann ich hier endlich wieder auftauchen würde. Ich musste ein wenig lachen und habe mich gefreut. Auch darüber, dass ich nun wieder in dem Land und bei den Menschen bin, die ich bereits Monate zuvor kennen und schätzen gelernt habe. Schon seit zwei Tagen bin ich nun in einem kleinem Hostel mitten in Lahore, unweit der Grenze. Und ja: Mir geht es gut! Vor allem bei dem Gedanken, dass es von nun an immer in Richtung Westen geht. Immer in Richtung Heimat. Doch um da auch anzukommen, brauche ich neuen Reifen – zumindest einen für Hinten. Der Vordere sollte die Tour eigentlich noch eine Weile mitmachen, mich vielleicht sogar nach Hause bringen. Doch nach ein wenig Recherche im Netz bestätigt sich ziemlich schnell das, was ich schon befürchtet hatte. Reifen in meinen Größe zu bekommen wird in Pakistan und dem Iran so schwierig sein wie in Indien. Mein Glück: Ich kenne hier mittlerweile die Jungs vom Pakistan Bikers Club, mit denen ich schon im Oktober ein paar echt coole Tage hatte. Und wenn die mir nicht helfen könne, wer dann? Ich hatte sie schon zuvor informiert, dass ich wieder bei Ihnen aufschlagen werde. Und ja:

Die Freude ist groß, als wir uns wiedersehen. Ich werde geherzt, gedrückt und mit Tee abgefüllt. Wie war Deine Zeit in Indien? Wie geht’s Deiner Hand? Schön, dass Du wieder in Pakistan bist.

Muhammad Zahid, ihr Präsident, wirkt zwar auch dieses Mal ein wenig reserviert und kühl. Aber es gibt diese Momente, in denen man merkt, wie unfassbar cool und warmherzig er doch eigentlich ist. Ach, was ein schönes Gefühl irgendwo, am anderen Ende der Welt, willkommen zu sein. Was meinen Reifen angeht, macht er mir keine allzu großen Hoffnung. Denn hier in Pakistan gibt es im Grunde genommen, nur zwei Menschen, die solche Reifen importieren, beziehungsweise besorgen können. Der Grund: Kaum jemand fährt hier ein großes Motorrad, weil es so unfassbar teuer ist sie einzuführen. Vom Staat aufgedrückte Sanktionen in Sachen Zulassung erledigen für Normalsterbliche dann den Rest. Doch Zahid will sehen, was sich machen lässt. Bis wir uns wieder treffen habe ich Zeit, um hier beim Deutschen Honorarkonsul mein Visum für den Iran abzuholen, das ich hierher habe schicken lassen. Und ja, er selbst wie auch sein Privatsekretär sind so nett, wie es auch schon in den vorangegangenen E-Mails klang. Mit offenen Armen werde ich auch hier empfangen. Und mit dem besten Kaffee seit Monaten. Endlich! Was ein Genuss. Echter, richtiger Espresso. Ja, man wird eben doch bescheiden. Aber unter uns: Ich kann dieses ganzen Tee-Schiss auch nicht mehr sehen. Ob mit Milch, grün, schwarz, mit Früchten oder ohne. Es reicht! Kaffee ist das einzig Wahre und ich bin froh dass ich nun bald hoffentlich wieder in die Gefilde komme, in denen die Menschen klar bei Verstand sind und das ebenfalls wissen.

Drei Tage später. In einem vollkommen verdreckten Hinterhof in Lahore, der eine Werkstatt sein soll, bepacke ich früh morgens mein Motorrad. In meinem Händen halte ich dabei den teuersten Reifen, den ich in meinem ganzen Leben gekauft habe. Fast 300 verdammte Euro für einen TKC 80. Mir wird immer noch ein wenig schlecht, wenn ich an mein Gesamtbudget für diese Reise denke, dass ich mit diesem Kauf weiterhin extrem geschrumpft habe. Um ehrlich zu sein: Ich bin so gut wie blank! Der Unfall in Indien und viele, viele Kleinigkeiten, haben die Reise doch viel teurer werden lassen, als gedacht. Aber was will ich machen? Ich brauche den Reifen vielleicht schneller als gedacht, nicht zuletzt weil ich schon seit einem Monat mit einem Geflickten herumfahre, der jeden Moment den Geist aufgeben kann. Und das ein paar Meter entfernt von Afghanistan? Da hab ich keinen Bock drauf. Noch mal kurz zur Erklärung: Hier wie in Indien sind die Einfuhrsteuer auf Produkte aus dem Ausland einfach extrem hoch, um die lokale Wirtschaft zu fördern – die allerdings Reifen, wie meine, nicht wirklich produzieren. Obendrein bezahlt man dann noch die Frachtkosten und natürlich auch noch ein fürstliches Honorar, an denjenigen der einem das schwarze Gummi überreicht, als seien es ein Kilo Kokain. In diesem Fall war der Dealer meiner Vertrauens ein Bekannter von Zahid, der einen kleinen, exklusiven Motorradladen in Lahore nahe des Flughafens betreibt. Ein echt netter Typ, der allerdings auch weiß, dass er da mit exklusivem Zeug handelt. Dementsprechend ist seine Kundschaft, die ich kennenlerne. Gut verdienende älteren Herren aus der Wirtschaft und dem Musikbusiness. Eben Leute, die sich das Hobby eines großen Moppeds, hier in Pakistan, leisten können.

Also dann. Endlich geht’s weiter. Meine nächste Station ist Multan, das ich über den großen Highway in Richtung Südwesten an einem Tag erreichen möchte. Und ich bin erstaunt, wie gut das zu klappen scheint. Die Straße ist extrem gut ausgebaut und ein wahrer Genuss, zumindest im Vergleich mit vielen anderen Straßen, auf denen ich in den letzten neun Monaten unterwegs war. Obendrein bin ich froh, dass ich in diesem Teil des Landes noch auf keine Polizeieskorten warten oder ihnen folgen muss, was über den Tag verteilt, enorm Zeit in Anspruch nehmen kann. Doch ich weiß, das kommt schon bald wieder auf mich zu. 120, 130, ich komme gut voran und habe sogar die Zeit ein kleines Päuschen einzulegen und auf meine WhatsApp-Nachrichten zu schauen. Die bekomme ich schon seit gestern von Shoeab und seinem Freund Muhammad Iqbal, der in der internationalen Motorradreiseszene bekannt zu sein scheint, wie ein bunter Hund. Als ich noch darüber nachdenke, wie ich eigentlich den Kontakt zu ihnen bekommen habe, bekomme ich erstmal die Krise. Schon auf der Abfahrt, rein nach Multan, erschlägt mich mal wieder der dichte Verkehr. Eselskarren, LKWs und kleine Mopeds – so weit das Auge reicht. Und auch hier heißt es wieder einmal: Scheiß auf die Regeln! Jeder fährt wie es ihm gefällt. Es ist zwar nicht so schlimm wie im verfeindeten Nachbarland. Aber auch hier scheint jeder, den Sechs-Millionen-Dollar-Deal zu verpassen und fährt dementsprechend schnell und rücksichtslos. Zum Glück habe ich die Koordinaten einer Metallwerkstatt, wo ich schon von den Jungs erwartet und überschwänglich empfangen werde – mit einen traditionellen Kranz aus Rosenblüten, Cola und Pizza. Wie selbstverständlich werde ich kurze Zeit später ins Hotel eskortiert, dass – trotz meinem entschiedenen Protest – ebenfalls vollkommen selbstverständlich für mich bezahlt wird. Mir ist das extrem unangenehm. Aber: Es gibt keine Diskussion! Ebenso wenig wie Langeweile, die bei dem ausgefeilten Stadtbesichtigungsprogramm am kommenden Tag aufkommt. Der Besuch im Töpferladen des besten Freundes muss zwar nicht unbedingt sein, aber der Rest ist echt interessant. Uralte Moscheen, Kriege mit den Mongolen und den Brieten. Ein bisschen Geschichtsunterricht finde ich ja schon ab und zu mal ganz cool. Was ein toller Tag – mit tollen, warmherzigen, aufgeschlossenen Menschen.

Und wieder einmal werde ich darin bestätigt, dass das durchweg schlechte Bild, welches viele Menschen, auch bei uns in Deutschland, über Pakistan vermittelt bekommen und schlussendlich haben, schlicht und einfach falsch ist.

Nachdem ich von Iqbal, wie ihn seine Freunde nennen, mehrfach geherzt und umarmt wurde, mach ich mich wieder los. In der Tasche habe ich von ihm eine paar Tipps und Kontakte für Belutschistan, den Iran und die Türkei. Von der ist er erst vor wenigen Tagen zurückgekehrt und hat damit, den mir bevorstehenden Weg erst vor Kurzem hinter sich gebracht. Mein nächstes ZIel in Richtung Westen heißt Shikarpur, beziehungsweise Hafeez, ein Freund von Iqbal. Wie schon andere Reisende vor mir, soll ich bei ihm übernachten. Nicht zuletzt weil er English spricht, Kontakte zur Polizei und zum Militär und schon Erfahrung mit Touristen hat, was man verständlicherweise von 99 Prozent der Bevölkerung nicht behaupten kann. Klingt gut und fühlt sich auch so an. Vor allem, da ich weiß, dass es für mich danach in den, aus politischer Sicht, doch eher unsicheren Teil Pakistans geht – nach Belutschistan.

Und wie heißt es so schon bei Brösels Werner Beinhart? Freie Bahn mit Marzipan. Auch heute ist Matilda, die Göttin der Straße, wieder nett zu mir. Der Asphalt hat kaum Löcher, ist eben, trocken und breit. Die Sonne scheint und ich habe, wie so oft, Musik auf den Ohren. Und während ich so vor mich hin düse und darüber nachdenke, dass auch die letzten 250 Kilometer bei diesen Verhältnissen kein Problem sein sollten, wird der Verkehr mit einem Mal immer zählfließender. Ach Mist! Stau?! Ich richte mich auf, und versuche links und rechts an der Schlange vorbeizuschauen. Doch leider ist nichts zu erkennen. Nur Fahrzeuge bis zum Horizont. Was für ein Mist! Aus Erfahrung, habe ich keine Lust irgendwo im Dunkeln anzukommen – an einem Ort und bei Verhältnissen, die ich mal so gar nicht einschätzen kann. Also dann: Same procedure as every time. Wozu habe ich denn ein Motorrad? Und ja natürlich: Um am Stau vorbeizufahren. Kleiner Einwurf zwischendurch, für all diejenigen, die sich jetzt darüber und über all die Motorradfahrer, die das auch bei uns in Deutschland machen, aufregen. Erstens: Es ist mir scheißegal! Zweitens: Es gibt dafür gut Gründe dafür, die wir gerne mal bei einem Bier – oder aus aktuellem Anlass, auch gerne bei einem Kaffee – besprechen können. Ich fahre also runter von der Straße auf den sandigen, erdigen Standstreifen und schlängele mich an der Schlange vorbei. Leider bin ich nicht der Einzige, der auf diese Idee kommt. Auch der ein oder andere Auto- und LKW-Fahrer versucht sein Glück. Doch es klappt ganz gut, meiner – wenn auch noch so geringen – Offroaderfahrung sei Dank. Gut einen Kilometer kann ich machen. Doch dann geht mit einem mal nichts mehr. Die Lücken zwischen den Fahrzeugen werden immer enger und enger. Mein Bauch sagt mir, dass ich anhalten sollte. Doch im Kopf sehe ich mich schon bald wieder am Gashahn drehen, um nicht irgendwo mitten in der Nacht anzukommen. Und so schlängele ich mich weiter im Schneckentempo voran. Es ist früher Nachmittag und mittlerweile warm und stickig.

Eine halbe Stunde später. Nur rund 100 Meter von mir entfernt tobt ein Straßenkampf zwischen zwei muslimischen Familien, die sich um Grund und Boden streiten. Und ich Vollidiot habe gerade, weil ich nicht mehr daran gedacht habe, dass dieser bekackte Schlüssel nur aus Plastik ist, meinen Ersatzschlüssel für mein Motorrad abgebrochen. Nein! Was eine Scheiße! Noch gestern habe ich darüber nachgedacht, dass ich, nachdem ich meinen richtigen Schlüssel in Indien verloren habe, beziehungsweise mir dieser vielleicht auch in einem Hostel geklaut worden ist, mir endlich meinen Zweitschlüssel aus Deutschland schicken lassen sollte. Oh man! Obwohl ich zwischen all den Polizisten hier in Sicherheit bin, schießt mir gerade das Adrenalin ins Blut. Ich spüre wie nervös ich werde. Der nächste Transport meines Motorrads auf einem rostigen LKW in Richtung Islamabad, das Geld was ich dafür bezahlen würde, mein Pakistan-Visum, dass bald ausläuft. All das läuft vor der aktuellen Kulisse, mit seinen Protagonisten, gerade wie ein schlechter Film vor meinen Augen ab.

Doch wie schon so oft auf dieser Reise, kommen auch in dieser Szene wieder einmal Helden und Dinge ins Bild, die für ein Happy End extrem förderlich sind.

Was in den nächsten Stunden und Tagen genau geschehen ist, davon möchte ich gerne nach meiner Heimkehr erzählen. Wann und wo mein Film dann zu sehen sein wird, kann ich an dieser Stelle noch nicht sagen. Und wer weiß, vielleicht gibt es, auch auf Grund der schon zahlreichen Aufforderungen und Anfragen dazu, später auch ein Buch. In dem würden dann auch Erlebnisse Platz finden, die mit der Kamera nicht oder nur schwer einzufangen waren.

Fünf Tage später. Ich bin in einem kleinen Dorf, in der Nähe von Shikarpur, im Gästeanwesen einer der wohlhabendsten Familien der Regionen Sindh. Bis vorgestern habe ich mich zwei Tage komplett entleert. Mit der Konsequenz das ich bestimmt drei Kilo runter habe und jetzt starke Antibiotika nehme, die ich seit der USA in meinem Koffer habe. Mein Tipp an dieser Stelle: Tu Dir und Deiner Umwelt einen gefallen und sag nein zu Orangenschaft von Straßenständen in Pakistan. Nach einer groben und extrem witzigen Einführung in Sachen Cricket durch Hafeez und wieder einmal einem grandiosen Abendessen, das mir von der Frau des Hauses zubereitet wurde, hatte ich mein Motorrad schon so gut wie bepackt. Auch von ihm und seinem Bruder Zaib, mit dem ich ebenfalls eine tolle Zeit hatte, habe ich mich schon am Vorabend verabschiedet und über sie liebe Grüße an die Mutter ausgerichtet, die ich leider nie zu Gesicht bekommen habe. Irgendwie komisch, aber so ist das eben, in einem streng muslimisch Haushalt. Nur die beiden Bediensteten des Hauses, sind schon so früh auf den Beinen wie ich. Echt nette Burschen! Sie verstehen auch von dem was ich jetzt wieder zu ihnen sage, nicht ein einziges Wort. Doch ich merke wie schade sie es finden, dass ich jetzt wieder weiterfahre. Wie schon so oft auf meiner Reise, macht dies den Abschied auch nicht gerade leicht. Ebenso wenig die Tatsache, dass die für mich georderte Polizeieskorte einfach nicht auftaucht. Und das obwohl Hafeez gestern mehrfach mit den lokalen Zuständigkeiten telefoniert hat. Auch wenn ich mich noch nicht an der Grenze zu Belutschistan befinde, sollte ich dennoch bereits an diesem Morgen eine Eskorte bekommen, um mit dieser zusammen meinem Weg in den Norden anzutreten. „Sicher ist sicher! Hier weiß man nie. In Sachen Taliban erleben wir gerade wieder eine schwierige Zeit.“, sagte Zaib. Na super! Mittlerweile ist es schon halb neun. Ich warte schon seit einer Stunde. Doch es hilft alles nichts, ich muss los in Richtung Quetta. Und so stecke ich meinen neuen Schlüssel ins Zündschloss und lasse Tom Morello, so gut wie jeden Morgen, seinen Job machen.

Nach 100 Kilometern ist dann allerdings Schluss mit dem Alleingang. Von jetzt an fahre ich nicht mehr allein weiter. Was ich schon bei der Durchfahrt der Zollstation an der Gestik des wachhabenden Soldaten sehe. Oder ist der doch Polizist? So richtig weiß man das ab und zu nicht, da eben die Jungs zwar eine Wumme aber keine Uniform tragen. Also links ranfahren und erstmal, wie ich es schon im Oktober gemacht habe, meinen Namen, meine Pass- und Visanummer, mein Kennzeichen und mein Reiseziel in einem Buch eintragen. Das im Übrigen so aussieht, als sei es nach seiner Einführung im Spätherbst 1412 mehrfach von Eselskarren, Streitwagen und schlussendlich von LKW überrollt worden. Ziemlich vertauenserweckend, wenn man plötzlich statt einem, sechs Bücher in der Hand hat und es scheinbar vollkommen egal ist, auf welche Seite man seine Daten schreibt.

Woher kommst Du? Wohin willst Du? In welchen Ländern warst Du bereits? Was kostet Dein Motorrad? Wie immer beantworte ich auch dieses Mal diese Fragen gerne, wenn ich doch auch merke, dass meine Antworten mittlerweile schon sehr auswendig gelernt klingen müssen.

Eine gute halbe Stunde später geht es weiter. Kilometer für Kilometer durch die karge Landschaft im Süden Belutschistans. Vorbei an Kamelen, den ersten Dünen und unzähligen ärmlich wirkenden Häusersiedlungen. Ich bin mitten in Nirgendwo. Wie schon in Hunza, wechselt die Eskorte auch hier in unregelmäßigen Abständen. Mal nach einer halben, mal nach einer Stunde. Mal ausgestattet mit einem großen Jeep, mal mit einer kleinen 125er. Mal bis an die Zähne bewaffnet, mal nur mit einer Pistole. Aber: Immer sind die Polizisten, die den unterschiedlichen Bezirken angehören, mehr als nur nett. Stunde um Stunde, Eskorte für Eskorte, Bucheintrag für Bucheintrag geht es voran in Richtung Quetta. Das ich dann schließlich kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreiche. Was um Himmels Willen ist das? Am Eingang der Stadt wartet als letzte Eskorte ein blauer, vollgepanzerter Wagen auf mich. Ich bin baff! Eben weil ich mit dieser Form von Schutzmaßnahmen dann doch nicht gerechnet habe. Maschinengewehre, Pistolen und Sturmmasken, durch die einen tiefe braune Augen stumm anblicken – das alles habe ich bisher schon gesehen. Doch dieses fast schrottreife, stählerne Irgendetwas, das hier scheinbar notwendig sein kann, macht mir dann doch ein etwas mulmiges Gefühl. Was allerdings auch dadurch befördert wird, dass ich mich noch nicht wirklich fit fühle – mit den Antibiotika in den Knochen. Ich bin träge. Vor Müdigkeit fallen mir fast die Augen.

„Ja, doch! Ich mach ja schon.“ Immer wieder werde ich lautstark und durch Handzeichen harsch dazu aufgefordert, die Lücke zwischen dem Panzer und mir nicht allzu groß werden zu lassen und bis auf einen Meter aufzuschließen – bei 50 km/h. Und da, schon wieder. „Ja verdammt! Dann repariert ihr aber auch mal die Bremslichter an dem blauen Klo! Ihr Arschgeigen!“, brülle ich unter meinem Helm und muss dieses Mal voll in die Bremsen steigen. Oh, fuck! Und in diesem Augenblick rutscht auch schon mein Vorderrad weg. Wow! Erst im letzten Moment kriege ich wieder Grip. Puh, das war knapp! Fast hätte ich mich auf die Fresse gelegt bzw. wäre unter den LKW mit den Kühen gerutscht. Und schlagartig werde ich wieder daran erinnert, dass das ABS an meiner Machine bereits in Nepal seinen Geist aufgegeben hat. Was wiederum, bei dem extrem feinen Staub, der hier die Straßen und meine Bremsen belegt – in Kombination mit der doch sehr beleibten bayrischen Dame – extrem hilfreich wäre. Ich bin’s einfach nicht gewohnt. Oh man! Das kann mir ja was geben, in den kommenden Wochen und Monaten. „Das ist noch ein Stückchen bis nach Hause“, denke ich mir und rolle wie auf rohen Eiern nach rund zehn Minuten in die Einfahrt des kleinen Hotels, dass hier von Menschen wie mir gebucht wird. Nicht zuletzt weil es nahezu die einzig wirklich Möglichkeit einer Übernachtung bietet und zum anderen automatisch von der Armee und Polizei angesteuert wird. Womit ein für alle mal festzuhalten ist: Campen ist hier nicht!

„Hey, man. Wie geht’s Dir? Alles gut? Wie waren die Jungs von der Eskorte. Hast Du auch die blaue Blechdose gesehen? Willkommen in Quetta. Willst Du auch Richtung Iran? Ach übrigens, ich bin Tony.“

Sagt zu mir ein rot-blonder, vollbärtiger Typ und hält mir, breit grinsend, seine ölverschmierte Hand zur Begrüßung hin. Ich hatte ihn erst gar nicht gesehen, erst als ich mein Motorrad abgestellt und meinen Helm abgesetzt hatte. Und schon krabbelt er auch wieder unter seinen dicken Toyota Land Cruiser, mit dem es scheinbar ein paar Probleme gibt. Was ich auch daraus schließe, dass ein einheimischer Mechaniker die Szenerie abrundet. Als ich eine Viertelstunde später meine Klamotten auf mein Zimmer bringe, treffe ich dann auch Tonys Kumpel Dave, der allein im Innenhof sitzt und sein Tagebuch zu schreiben scheint. Und was soll ich sagen?! Ich habe schon seit Jahren eine große Schwäche für Briten, von denen ich einige zu meinen Freunden zählen kann. Und so kommt wie es, wie es kommen muss. Als jeder von uns alles für den Tag erledigt hat, sitzen wir, bei einem recht guten Hühnchencurry und hausgemachten Brot, zusammen auf dem Zimmer. Im Hintergrund brennt der offene Gasofen, der bei den hier doch empfindlich kalten Temperaturen nachts, extrem gut kommt. Wir quatschen über unsere bisherigen Reisen und tun das, was man als Deutsche und Briten eben gerne macht. Man trinkt ein paar Bier zusammen – in diesem Fall von Ihnen geschmuggeltes, thailändisches Bier. Und wieder einmal merke ich, wie ich das in den letzten Wochen – vor allem im fast ausnahmslos alkoholfreien Pakistan – vermisst habe. Man kommt eben doch nicht aus seiner Haut. Und so erfahre ich leicht angeschossen, durch ein paar Plastikbecher Bier und der letzten Antibiotika, dass die Jungs ihre Reise vor rund zehn Wochen in Malaysia gestartet haben und nun auf dem Weg zu ihrer Insel sind. Was so viel heiß, dass wir, zumindest für die kommenden Tage, denselben Weg vor uns haben.

Was schon am nächsten Morgen bedeutet, dass wir zusammen auf die hiesige Polizeistation müssen, um uns das so genannte NOC zu besorgen. Die offizielle Durchfahrtgenehmigung für Belutschistan, entlang der afghanischen Grenze. Ohne diesen Lappen fährt hier nämlich niemand Richtung Westen. Schon gar nicht zwei dauerlachende Briten und ein heute leicht verkaterter Deutscher, der das Saufen einfach nicht mehr gewohnt ist. Und es kommt wie es kommen muss, auf einem Amt, am anderen Ende der Welt. Wir verbringen, den ganzen lieben langen Tag mit Warten. Warten auf unterschiedliche Leute, auf unterschiedliche Stempel und das in unterschiedlichen Räumen und Gebäuden. Erst nach gefühlten 122 Tassen Tee – ich wiederhole: Tee – kommt am späten Nachmittag langsam Bewegung in die Sache und wir bekommen den Chef des ganzen Apparats zu Gesicht. Der dann wiederum die für uns so wichtige Genehmigung in Windeseile absegnet und uns eine gute Fahrt wünscht. Und auch wenn ich Gefahr laufe, damit komisch und unhöflich zu wirken: Nein, ich will keinen Tee mehr trinken. Vielen Dank!

Alles klar. Morgen früh soll´s also losgehen für uns drei. Einziges Problem: Wir alles müssen noch Geld wechseln. Oder besser: Wir alles drei müssen uns noch Bargeld beschaffen. US-Dollar oder Euro. Der Grund: Auch wenn sich die Sanktionen der USA langsam aber sicher locker, für Ausländer gibt es an Geldautomaten in unserem nächsten Reiseland, dem Iran, immer noch keine Geld. Und wenn es eine Möglichkeit gibt, dieses Problem zu lösen, dann ist das hier. Nach Sonnenuntergang ist für uns eigentlich Ausgangsperre in der Stadt, auch unter Polizeischutz. Eigentlich haben die Jungs schon Feierabend. Und so begleiten uns drei Polizisten sichtbar genervt von Geldautomat zu Geldautomat, bis endlich alle Teilnehmer der britisch-deutschen Reisegruppe ein paare hundert Euro bzw. Dollar an Bargeld in der Tasche haben. Einer von Ihnen ist extrem neugierig und will wissen, wie viel wir abgehoben haben. Doch alle schalten und vermeiden zu erzählen, wie viel sie tatsächlich abgehoben haben. Denn die Jungs, wie auch ich, haben zuvor gelesen, dass auch schon Polizisten und Soldaten in Raubüberfälle auf und Entführungen von Touristen verwickelt waren. Oh man!

Mit der in Pakistan zum guten Ton gehörenden einstündigen Verspätung, geht es am nächsten Morgen, samt Polizeieskorte, endlich aus der Stadt in Richtung Westen. Das ich wieder einmal nicht an mein nicht funktionierendes ABS und den ganzen Staub auf der Straße denke und dadurch fast in unsere Eskorte rutsche, erwähne ich an dieser Stelle nur mal so am Rande. Junge, Junge! Was für ein Erlebnis. Mit dem Motorrad durch Belutschistan. Erst am Vorabend und durch ein Gespräch mit Tony, ist mir wieder einmal klar geworden, was ich hier eigentlich gerade tue und erleben darf. Ich bin auf einer Weltreise und fahre gerade durch eine der vielleicht gefährlichsten Gegen dieser Erde. Und das auf meinem Motorrad. So richtig packe ich das nicht, was aber auch daran liegt das nur wenig Zeit zum Nachdenken bleibt. Die Herren In Uniform halten keine Minute länger als irgend nötig. Relativ zügig finden von nun an die Wechsel zwischen den Eskorten statt. Unsere Eintragungen in die hier relativ gut geführten Durchfahrtsbücher sollen schell von Statten gehen. Angehalten, auch zum Pickeln oder zum Essen, wird nicht einfach so, zumindest nicht auf offener Straße. Alles scheint zeitlich durchorganisiert und überlegt zu sein, um nicht leicht zu einem Zeil für einen Angriff zu werden. Und dennoch:

Ich haben hier in Belutschistan eine gute Zeit. Die so ganz anders ist, als ich sie mir vor vielen Monaten an meinem Schreibtisch ausgemalt habe. Spannend, anstrengend und voller wunderbarer Begegnungen.

Aber wie es genau war und was ich in den kommenden Tagen, zusammen mit meinen beiden Engländern erlebt habe, auch davon möchte ich in meinem Film erzählen, der hoffentlich nach meiner Reise entsteht.

Vier Tage und rund 1200 Kilometer später. Wir sind im Iran. Dave, Tony und ich stehen früh morgens vor unserem Backpacker-Hotel in Kerman und sind froh, dass wir jetzt endgültig wieder im Besitz unsere Pässe sind und von nun an keine Polizeieskorte mehr brauchen. Denn auch im südöstlichen Teil Irans hatte man uns diese angedeihen lassen. Was zum Schluss unser Vorankommen doch deutlich verlangsamt hatte und nervig wurde. Das heißt: Wir können uns endlich frei bewegen. In diesem Land, von dem ich schon so viel Gutes gehört und gelesen habe – in Reiseblogs und auf den Internetseiten von anderen Motorradreisenden. Fast niemand scheint aus diesem Land schlechte Eindrücke mitgebracht zu haben. Den beiden Briten geht es ähnlich, auch sie sind voller Erwartung, was nun in den kommenden Tagen auf uns zukommt. Was heute auf uns zukommt, steht allerdings schon fest. Wir wollen damit beginnen, uns einer der angeblich wunderschönsten, alten Orte anzuschauen, die Persien – wie der Iran mal genannt wurde – zu bieten hat. Und so geht es für uns, in ihrem Land Cruiser, bei bestem Sonnenschein, aber doch recht frischen acht Grad, rund 100 Kilometer in Richtung Süden. Dann erreichen wir das Schloss von Rayen. Eine Festungsanlage am Rand des Haraz Bergs, die schätzungsweise 1000 Jahre alt ist. Nachdem sie im Jahre 2003 fast vollständig durch ein schweres Erdbebens zerstört wurde, wird sie gerade wieder restauriert – mit einem immensen Aufwand. Jede Wand, jeder Winkel, jedes Haus wird aufbaut werden. Historisch korrekt aus einem Gemisch aus Stroh, feinem Kies und Sand. Wir sind beeindruckt!

Ebenso wie die Gastfreundschaft, die wir in den kommenden Tagen erleben dürfen. Wir haben beschlossen, zu versuchen, auf unserem Weg in Richtung Türkei, wenn es irgend möglich ist, bei Einheimischen unterzukommen. Was sich als viel leichter herausstellt als zuvor vermutet. Wir sind erstaunt, wie viele Leuten sich auf den – für sie doch gesetzlich verbotenen – Internetseiten, wie der von Couchsurfing, registriert haben. Und uns teilweise, schon eine Stunde, nach unsere Anfrage, einen Platz für uns und unsere Gefährte anbieten. Auch die Kommunikation über Facebook, dass nur über einen, ebenfalls illegalen, VPN-Zugang oder durch ähnliche Hilfsmittel zugänglich ist, funktioniert recht gut. Und so schlafen wir in den kommenden Tagen auf Sofas, Matratzen, rauchen stundenlang Wasserpfeife, haben tolle Gespräche und sind immer wieder erstaunt – nicht nur von all den Sehenswürdigkeiten, die mir ja – mal so unter uns – irgendwann schon ein bisschen zu viel werden. Trotz all den strengen Regeln des täglichen Lebens hier im Iran, zu dem auch der vom Staat geforderte Abstand zu Nicht-Muslimen gehört, ist fast jeder uns gegenüber extrem aufgeschlossen und hilfsbreit. Von Shiraz bis Teheran, das wir beschließen zu umfahren, treffen wir in jeder Stadt auf nette Menschen mit unzähligen Fragen an uns. Doch wir spüren auch, wie sehr doch gerade die junge Generation nach Veränderung strebt. Schnell geht es um Politik und Vergleiche zwischen unseren Ländern und dem Iran. Klar ist: Die Jungen hoffen hier sehr auf einen Wandel und darauf, dass all die alten Männer mit den grauen Bärten endlich die Grenze für jeden und – vor allem – für sie öffnen. Sie sind eingesperrt in einem Land, dass Ihnen nur wenig Perspektiven und so gut wie keine Freiheit bietet.

Umso verlockender sind dann Dinge, wie selbstgepresstes Haschisch oder selbstgebrannter Alkohol, der wie so vieles streng verboten ist, uns aber mit einem verschmitzten Lächeln offenherzig angeboten wird.

Fast eine Woche später. Bis Urmia, unserer letzten Station im Iran, sind es nur noch 100 km. Und während Tony und Dave ganz lässig, nur mit Pullover bekleidet, in ihrem dicken Jeep vor sich hincruisen, muss ich mir endgültig eingestehen, dass ich mir in den kommenden Wochen ziemlich sicher des öfteren meinem Arsch abfrieren werde. Da helfen auch keine zwei Lagen Thermounterwäsche, Sturmhaube und gefütterte Handschuhe. Fest steht: Auch wenn schon fleißig die Sonne scheint, bis der Frühling wirklich Einzug hält, das dauert noch. Aktuell haben wir noch entspannte 5 Grad über Null. Aber: Ich fahre von nun an immer in Richtung Norden. Was ein Mist! Aber nun denn, da muss ich wohl mit Leben. Genauso wie mit unserem Abschied, der jetzt langsam ansteht. Und der auch ihnen nicht allzu leicht zu fallen scheint. Was für ein paar tolle Tage! Doch während ich noch ein paar Tage hier bleiben möchte, um noch ein bisschen was vom iranischen Leben mitzubekommen und mich mal wieder ein wenig neu zu organisieren, müssend die Beiden leider Gas geben. Und das nicht zu knapp! Denn sie haben nur noch zwei Wochen Zeit, dann winkt in England wieder die Arbeit. Ganz im Gegensatz zu diesem Morgen, an dem winkt uns nämlich allen ein kleiner bis mittelgroßer Kater zu. Den wir dank ein paar Flaschen „irgendwie organisiertem“ Bier, einer Flasche chinesischem Reiswein und ein paar zu vielen Zigaretten haben. Aber das tut der eigentlichen Stimmung keinen Abbruch. Mit dem und ein paar tollen Erinnerungen stehen wir jetzt im Innenhof von Hosseins Guesthouse, der hier im Iran die Anlaufstelle für Overland-Reisende ist, und drücken uns noch mal und reißen ein paar schlechte Witze zum Abschied. Und fünf Minuten später biegen sie auch schon um die nächsten Ecke und ich verliere sie aus dem Fokus meiner Kamera. In rund vier Stunden sollten sie die Grenze zur Türkei erreichen – die auch das nächstes Ziel meiner Weltreise ist.

„Es wird kein gutes Jahr für uns. Unser Ochse ist vor einer Weile da vorne den Abhang hinunter gestürzt. Sein Verkauf hätte uns das Essen für viele Tage eingebracht“, sagt Yam leise und deutet in Richtung Flussufer, das am Rand des Slums liegt. Dann lächelt er wieder zuversichtlich und bückt sich, um mit seinen Händen den dampfenden Mist seiner drei Kühe auf eine Plastiktüte zu werfen. Gerade jetzt im Winter braucht er ihn, um den kleinen Garten neben dem Wohnhaus zu düngen. Hier wachsen, wenn es die Witterung erlaubt, ein paar Kartoffeln, Zwiebeln und etwas Salat. Das einzige was er einmal im Monat für seine Familie und sich kaufen kann, ist ein Sack Reis, Bohnen und ein paar Gewürze. Für mehr reicht das Geld, das er und sein Frau jeden Tag versuchen aufzubringen, nicht. Auch wenn er es sich noch so sehr wünscht, das Geld um seine drei Söhne zur Schule zu schicken, kann er allein nicht aufbringen. Ich lasse die Kamera sinken und schaue zu den beiden Ältesten herüber. An ihren dreckigen, rissigen Füßen tragen sie nur Sandalen. Ihre dünnen Pullover sind so löchrig, wie das alte Bettgestell, auf dem sie sitzen und lernen. Winterjacken und Spielzeug haben sie nicht. Nur einen Fußball und ein Paar viel zu große, alte Fussballschuhe. „Wie viele Kühe hast Du?“, fragt mich Pradeep, der Jüngere von den Beiden. Ich sage „Gar keine“ und setze mich neben ihn. „Wir haben drei und eine neue Ziege“, sagt er stolz und schaut mich etwas tröstend an. Mir fällt es schwer etwas zu sagen.

Mein Blick fällt auf den großen Riss in der Hauswand, den das Erbeben hier vor ein paar Monaten hinterlassen hat. Und dann schaue ich nach oben und sehe wieder die riesigen Adler über uns. Sie symbolisieren, hier in Nepal, den Erhalt des Lebens.

 

Fast drei Wochen vorher. Es ist früh am Morgen, als ich mit meinen Packtaschen aus dem Hostel in Amritsar vor die Tür trete. Ich hatte mir fest vorgenommen bis zum Jahresende Indien zu verlassen. Das Land, in dem ich so viel erlebt habe und das meine Reise so sehr geprägt hat – im Guten wie im weniger Guten. In drei Tagen haben wir Silvester, und bis zur pakistanischen Grenze brauche ich nur eine halbe Stunde. Es sieht also gut aus, dass ich das schaffe. Die letzten Tage waren entspannt. Vollkommen unerwartet hatte ich eine coole Silvester-Party in Amristar. Tagsüber habe ich stundenlang die Leute auf ihren Hausdächern beobachtet und mit ihnen Drachen steigen lassen. Und klar: Auch die berühmte Grenzzeremonie habe ich mir angeschaut – die zu den skurrilsten Sachen zählt, die ich je gesehen habe.

Nachdem ich mich und meinen Kram verstaut und mich von allen verabschiedet habe, rangiere ich mein Motorrad aus der kleinen Einfahrt. Ein Stück nach vorne, einschlagen, zurück und wieder nach vorne. Meine Hand und die Schraube in ihr merke ich dabei doch noch ganz ordentlich. Aber es hilft nichts, ich muss weiter – nach Wagah. Jeder, der jemals an diesem Grenzübergang war, weiß, was einen bei diesem Namen erwartet. Nirgendwo scheint die tief sitzende, vorwiegend politisch basierte Feindschaft zwischen Indien und Pakistan deutlicher zu werden, als hier. Wagah gleicht in Teilen eher einem Gefängnis, als einem Grenzübergang. Der Unterschied: Seine Insassen können es verlassen, nachdem sie strenge, langwierige Kontrollen über sich haben ergehen lassen.

Doch erstmal dort ankommen. Kilometerlang erstreckt sich auf indischer Seite die staubige Schlange der buntbemalten Trucks, die ebenfalls auf die andere Seite wollen. Viele der teils extrem jungen Fahrer – und wir sprechen hier von 16 und teilweise noch jünger – warten hier oftmals tagelang, bevor sie die Räder in Richtung Pakistan rollen lassen können. Nach den ersten beiden obligatorischen Passkontrollen werde ich, wie so oft als Tourist in Indien, auch hier bevorzugt behandelt und bei der Ausgabe des Kontrollbogens, der bis zu meinem tatsächlichen Verlassen Indiens mehrere Stempel bekommen soll, an der Schlange vorbeigeschleust und schnell abgefertigt. Mit ernster Miene weist man mir dann den Weg zur offiziellen Einreisestelle. Mal nebenbei: Auch wenn ich das hier alles vor fast drei Monaten schon mal gesehen habe, dennoch ist es mir extrem fremd.

Nachdem ich hier, nach über einer Stunde Wartezeit endlich meinen Stempel in den Pass bekommen habe, steht der Zoll auf dem Programm, der mein Motorrad, mein Carnet de Passages und meine Wenigkeit genauestens unter die Lupe nimmt. Jede Tasche, jeden Beutel und jeden Koffer muss ich öffnen und die Zöllner hineinblicken lassen. Was ist das? Was ist dies? Aha, ein GPS-Gerät? Wozu brauchen Sie das? Puh! Wonach sie hier wirklich suchen sind Satellitentelefone, Waffen und Falschgeld. Eben nach allem, das bekanntermaßen in Verbindung mit terroristischen Aktivitäten steht. Und so vergehen über zwei Stunden, bis ich endlich durch die eigentliche Sicherheitszone, mit seinen meterhohen rostigen Zäunen und Stacheldrahtrollen in Richtung der pakistanische Grenze fahren kann.

Hier nach fünf Minuten angekommen, erkennt mich der Hausmeister-Typ, der mir bei meiner Ausreise vor drei Monaten schätzungsweise illegalerweise Geld gewechselt hat, sofort. Unter uns: Leider wusste ich es nicht besser, aber der Kurs war extrem beschissen. Er begrüßt mich schon von einigen Metern Entfernung und grinst bis über beide Ohren. Auch einer der anderen Grenzbeamten scheint mich sofort zu erkennen und winkt mir freundlich zu. Mir wird klar, dass hier so viele Motorradreisende doch nicht durchkommen. Ich bin erstaunt und freue mich zugleich irgendwie. Wieder mal erlebe ich einen tollen Empfang in Pakistan – in diesem von Terrorismus und Vorurteilen gebeutelten Land. Guter Dinge fülle ich den obligatorischen Einreisebogen aus und gebe diesen, zusammen mit meinem Reisepass, der attraktiven jungen Dame hinter dem Schalter, die mich vollkommen untypisch für Frauen in diesem Land, anlächelt. Wow! Doch schon nach einigen Sekunden merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihr Blick hat sich, nach einer ersten Begutachtung meines Passes, schlagartig verfinstert. Was ist los? Sie blättert in meinem Pass hin und her. Dann ruft sie ihren Kollegen herbei. Über meinen Pass gebeugt unterhalten sie sich angeregt. Ich verstehe nur einige englische Wortfetzen wie „No“ und „Not possible“.

Wie bitte? Ihr Kollege, der scheinbar der Vorgesetzte der junge Dame zu sein scheint, schaut plötzlich streng zu mir hoch. Und ich habe plötzlich ein ganz mieses Gefühl. Ich frage ihn, ob es ein Problem gibt. In perfektem Englisch sagt er freundlich aber sehr bestimmend den folgenden Satz.

„Ja, gibt es. Wie es aussieht, können sie nicht nach Pakistan einreisen. Sie besitzen kein gültiges Visum.“ Als er diesen Satz ausgesprochen hat, wird mir ein bisschen schlecht.

Wie? Warum? Ich schaue ihn fragend an und bitte ihn um eine Erklärung, obwohl ich tief in meinem Inneren schon ahne, was beziehungsweise wer das Problem ist, oder besser war. Vorweg erstmal die Kurzfassung: Ich habe vor über zwei Monaten, vor meiner Einreise, auf die Aussage einer pakistanischen Beamtin vertraut – beziehungsweise musste ich das. Und das obwohl ich schon damals ein komisches Bauchgefühl hatte. Und die Rechnung dafür bekomme ich jetzt gerade in diesem Augenblick.

Und hier nun die wichtigsten Details der ganzen Geschichte: Mir war vor meiner Ausreise aus Pakistan, mit Blick in meinen Reisepass, beziehungsweise auf mein Visum bewusst, dass ich, wenn ich von indischer Seite Ende Dezember erneut in Pakistan einreisen möchte, eine Verlängerung für mein Visum benötige. Aus diesem Grund bin ich, circa eine Woche vor meiner Ausreise nach Indien im pakistanischen Innenministerium in Islamabad vorstellig geworden. Eine Verlängerung wurde mir dort allerdings verweigert, mit der Begründung, dass ich diese nicht benötigen werde, wenn ich im Dezember nach Pakistan zurückkehren möchte. Auf meine verwunderte Nachfrage, erklärte man mir weiter, dass die 90 Tage Gültigkeit meines Visums erst mit meiner ersten Einreise am Anfang Oktober begonnen hätten. Demnach sei eine erneute Einreise in Pakistan, wie von mir geplant, Ende Dezember ohne Probleme möglich. Wichtig sei nur und dies müsse ich bedenken, dass meine Visum seine Gültigkeit Mitte Januar, eben 90 Tage nach meiner ersten Einreise, verliert. Auch auf mehrfache Nachfrage hin, blieb sie bei dieser Aussage. Sie wurde zum Schluss sogar schon ein wenig böse, weil sie sich scheinbar in ihrer Kompetenz angegriffen fühlte. Zusammenfassend kann man sagen: Diese Auskunft war der geistige Dünnschiss einer Beamtin, die zwar – wie ich mich gerade erinnern kann – ebenfalls freundlich lächelte, aber leider mal vollkommen unfähig war.

Zurück ins hier und jetzt. Wie ein schlechter Film läuft alles noch mal vor mir ab. Mit einem Mal muss ich an Elyas, meinen pakistanischen Kumpel denken, den ich damals extra, für alle Fälle, als Übersetzer mit ins Innenministerium genommen habe. Auf dem Rückweg zum Auto sagte er mir: „Viele Leute auf den Ämtern hier haben keine Ahnung, von dem was sie machen. Sie haben nie eine Ausbildung genossen oder irgendeine Einarbeitung in ihrem Job bekommen. Einige von ihnen haben den Job sogar gekauft. Sie wissen nur, dass sie morgens um acht ordentlich angezogen an dem Schreibtisch sitzen und dann Stempel auf ganz bestimmte Formulare drücken müssen. Aber die Dame scheint ausnahmsweise gewusst zu haben, wovon sie spricht.“ Und nein verdammte Scheiße, wusste sie nicht. Ich ärgere mich gerade so dermaßen, dass ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört und nicht irgendwas unternommen habe damals.

Schon als ich bei der Hälfte meiner Geschichte angelangt bin, beginnt der Grenzbeamte genervt mit den Augen zu rollen und unterbricht mich etwas schroff. „Auch wenn Ihnen das jetzt an dieser Stelle überhaupt nicht hilft, muss ich Ihnen sagen, dass Sie mit diesem Problem leider nicht der Erste hier sind. Diese Regelung gab es mal, vor einigen Jahren, doch das ist schon längst wieder hinfällig.“ Wie bitte? Meine direkte Nachfrage, warum in Gottes Namen man diesen Schwachsinn dann nicht abstellt, ignoriert er völlig. Freundlich nickend gibt er mir zu verstehen, dass ich gerne fortfahren kann, um ihm meine Situation zu schildern. Doch schon bevor ich dazu komme, ihm zu sagen, dass ich extra mehrfach kritisch nachgefragt habe, merke ich wieder in meinem tiefsten Inneren: Es hilft alles nichts. Aber gut.

Nachdem ich meine Geschichte freundlich und mit dem berühmten vogelschen Dackelblick zu Ende erzählt habe, gibt er mir – nun flankiert von einem Kollegen mit Maschinengewehr, der meine doch sehr emotionale geladenen Ausführungen scheinbar mitbekommen hat – zu verstehen, dass ich hier heute nicht nach Pakistan einreisen werde. Und nein: Auch die Ausstellung einer Visumsverlängerung oder eines Transitvisums, mit der Gültigkeit von einem paar Tagen um das Land zu Durchqueren, ist nicht möglich. Was eine Scheiße!

Das heißt also, ich muss wieder zurückfahren? Zurück nach Indien? Dorthin wo ich eigenlicht nicht mehr sein wollte? Ich muss zurück in das Land, dass ich eigentlich verlassen wollte? Mist!

Die Augen des indischen Beamten, der vor rund einer Stunde als letztes den Kontrollbogen abschließend kontrolliert und einbehalten hat, werden immer größer, als er mich zurückkehren sieht. Seine Verwirrung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Freundlich und mit eine paar Brocken Englisch fragt er mich, warum ich schon wieder hier sei. Ich erkläre ihm, wahrscheinlich spürbar entnervt aber so freundlich wie es geht, meine Situation in Kurzform und darf dann wieder in Richtung Zollgebäude rollen, wo auf mich noch mehr verwirrte Grenzbeamte und ein bürokratischer Marathon warten. Der Grund: Eine Ein- und Ausreise an ein und demselben Tag – über diese Grenze – scheint nicht vorgesehen zu sein. Ganz zu schweigen von der Ein- und Ausfuhr eines Motorrads an nur einem Tag. Niemand scheint so recht zu wissen, was nun zu tun ist. Welchen Stempel benötige ich, um wieder einreisen zu können? Was passiert mit meinem Motorrad? Darf ich das wieder einführen? Zwischenzeitlich sieht es sogar so aus, als müsste ich es und mein gesamtes Gepäck hier an der Grenze lassen. Oh man!

Nur mit Glück bekomme ich gerade noch den Leiter des Zollabteilung zu fassen, der sich vor wenigen Stunden noch als dieser vorgestellt hat und eigentlich schon auf dem Weg in den Feierabend ist. Er hat von der ganzen Aktion scheinbar nichts mitbekommen, weil keiner seiner Untergebenen ihn damit behelligen wollte. Und was soll sagen: Ich mag ihn! Nicht zuletzt weil er es auf vollkommen unbürokratischem Weg möglich macht, dass ich in nur zwei weiteren Stunden, in denen mein Blutdruck mindestens auf 180 ist, meine Rückreise zurück zum 30 Kilometer entfernten Hostel in Amritsar antreten kann. Ich ärgere mich – am meisten über mich selbst. Warum habe ich nicht meinem Gefühl vertraut? Es ist gerade alles extrem frustrierend, doch leider nicht zu ändern.

Doch was nun? Wo bekomme ich auf die Schnelle ein neues Visum für Pakistan her? Wer kann mir helfen? Mittlerweile ist es fast fünf Uhr nachmittags. Doch ich muss es versuchen. Und tatsächlich, bei der Deutschen Botschaft in Pakistan erreiche ich noch jemanden. Doch schnell wird klar, dass ich dort mal an der völlig falschen Adresse bin und dass es wahrscheinlich unmöglich sein wird, ein neues Visum für Pakistan zu bekommen, wenn ich mich nicht in Deutschland befinde. Oh herre! Zurück nach Deutschland? Die Tour abbrechen? Die anschließende Recherche im Internet, die in solchen Fällen oft mühsam, wenig erfolgreich und zugleich verwirrend sein kann, gibt mir dann den emotionalen Todesstoß am Ende dieses beschissenen Tages. Fakt ist: Egal wohin auch immer, ich kann meinen Reisepass nicht mit der Post verschicken. Es ist in Indien gesetzlich verboten. Wer erwischt wird, hat mit einer empfindlichen Strafe zu rechnen.

Was mir in den kommenden Tagen bevorstand und wie ich diese schwierige Situation gemeistert habe, werde ich versuchen in meinem Film zu erzählen. Dieser soll entstehen, wenn ich wieder zu Hause angekommen bin. Wann und wo er zu sehen sein wird, kann ich an dieser Stelle noch nicht sagen. Nur so viel: Auch dieses Mal waren es, neben meiner Familie und meiner Freundin, einmal mehr auch fremde Menschen, die mir geholfen und dazu beigetragen haben, dass meine Motorradweltreise weitergehen kann.

Gut eine Woche später. Ich stehe wieder vor dem Hostel in Amritsar. Es hat die ganze Nacht geregnet, und somit ist es an diesem Morgen doch deutlich kühler als sonst. Wie mir der Bauarbeiter von nebenan auf gebrochenem Englisch versichert, ist nun endgültig der Winter im Nordwesten Indiens eingekehrt. Ein Zustand der für ihn und viele Inder hier unerträglich zu sein scheint. Wolldecken und gefälschte Daunenjacken sämtlicher Outdoor-Marken haben deshalb Hochkonjunktur. Das heißt konkret: Bereits bei +7 Grad Celsius packt man sich hier so dick ein, als stünde die nächste Polarexpedition kur bevor. Jeder scheint aus eigener Erfahrung zu wissen, dass ein Aufenthalt vor der schützenden Tür, von mehr als nur zehn Minuten schwerste Erfrierungen oder gar den sicheren Tod bedeutet. Dementsprechend betrachtet man mich so ungläubig wie einen Yeti beim Kuchenbacken, als ich kurz nach Sonnenaufgang mein Motorrad vor dem Hostel belade. Als ich dann auch noch mein nächstes Reiseziel verkünde, scheint einer der Bauarbeiter sogar Atemnot zu bekommen. Als ich Nepal sage, schnappt er unter seiner Decke aus Yakwolle nach Luft, als wolle er den Lappen am Stück inhalieren. Wahrscheinlich klang zwischenzeitlich auch Reinhold Messner so, als er damals den Mount Everest bezwang, denke ich mir und werde mir gleichzeitig darüber bewusst, dass ich scheinbar doch ein wenig mehr an Kälte gewohnt bin, als die Menschen hier. Schlicht und einfach weil ich als Deutscher gewohnt bin, mir mindestens einmal im Jahr richtig den Arsch abzufrieren.

Es ist so neblig, dass ich kaum die andere Straßenseite sehen kann. Also entschließe ich mich noch einen Kaffee zu trinken, bevor ich losfahre. In Motorradklamotten sitze ich also draußen vor dem Hostel, habe einen dampfenden Kaffee in der Hand und ein wenig Zeit zum Nachdenken – während auf der Baustelle nebenan jetzt der Hammer geschwungen wird, da der Hausherr eben um die Ecke gebogen ist. Die letzten Tage waren mal wieder so ganz anders als ich es geplant hatte. Eigentlich wollte ich bereits pakistanische Straße unter meinen Reifen haben und auf dem Weg zur iranischen Grenze sein. Oder besser: Ich wollte mich eigentlich schon auf dem Weg in Richtung Heimat befinden. Stattdessen habe ich volle zwei Tage in indischen Zügen verbracht, unzählige Telefonate geführt, Tonnen von E-Mails geschrieben, meine und fremde Pässe kopiert und Unterschriften organisiert. Jetzt kann ich nur noch darauf hoffen, dass mein Plan aufgeht. Obendrein brauche ich eine gehörige Portion Glück. Und dann und nur dann werde ich ein neues Visum für Pakistan bekommen. Und damit die Möglichkeit, über den einzigen aktuell einigermaßen sicheren Landweg zurück nach Deutschland zu fahren. Keine schöner Gedanke! Doch hier bleiben und auf Neuigkeiten warten, das kann ich nicht. Also mache ich mich auf den Weg nach Nepal. Auf den Weg in das Land, das ja eigentlich sowieso auf meiner Reiseroute lag und das ich zusammen mit meiner Freundin durchfahren wollte. Bevor zwei Inder auf einem Moped meine Pläne spontan und schmerzhaft geändert haben.

Wie geil! Endlich wieder Motorradfahren. Doch schon nach den ersten Kreuzung, die mich auf die Umgehungsstraße in Richtung Amritsar führt muss ich mir eingestehen, dass ich nach meinem Unfall hier großen Respekt vor dem indischen Verkehr habe.

Um genau zu sein: Vor allem was sich während der Fahrt hinter, neben, unter und sogar über mir befindet – egal ob humanen oder veterinären Ursprungs. Fakt ist: Hier in Indien muss man einfach auf alles und jeden gefasst sein. Unter uns: Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass kein Inder ein Auto und Moped besitzen oder gar steuern sollte. Zumindest nicht, so lange ich mich in diesem Land befinde. Aber da dies nicht allzu leicht durchsetzbar ist, muss ich mich mit der Situation abfinden und so vorsichtig wie möglich fahren. 735 Kilometer liegen nun von mir bis zur nepalesischen Grenze, wenn ich die Strecke auf kürzestem Weg zurücklegen möchte.

Ich lasse es langsam angehen. Denn mir wird schnell klar: Mehr als 250 Kilometer sind hier auf den Landstraßen, die ich obwohl ich schon über zwei Monate in diesem Land bin, zum ersten Mal wirklich befahre, einfach nicht drin. Und so verbringe ich die nächsten vier Tage auf dem Motorrad, was mir nach der langen unfreiwilligen Pause richtig gut tut, wie ich merke. Die Abende und Nächte wiederum verbringe ich bei und mit Menschen, die ich zuvor über Couchsurfing kontaktiert habe. Und ja: Es war ein gute Entscheidung, dieses Mal keine kleinen Hotels oder Hostels anzusteuern. Denn dadurch bekomme ich unverhofft noch einmal ganz andere und zum Teil überraschend coole Eindrücke von Indien – diesem Land, das tatsächlich kaum zu beschrieben ist.

So werde ich beispielsweise Teil der berühmten Zeremonie die allabendlichen in Haridwar abgehalten wird. An einigen Tagen versammeln sich hier Tausende von Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen um am Fluss Ganges, ihrer Mutter, wie sie den Fluss nennen, zu feiern und zu ihren Göttern zu beten. Ganz nebenbei: Auch wenn ich es interessant und zugleich irgendwie ganz witzig finde und es vielleicht sogar cool wäre – baden möchte ich in der kalten und teils doch recht dreckigen Brühe nicht. Danke für die Einladung Jungs. Aber ohne mich! Ebenso unverhofft mache ich durch einen Couchsurfer-Kontakt auch Halt in Rishikesh, der Stadt, die weltweit als Yoga-Hochburg gilt und die jährlich von tausenden Anhängern der angeblich so entspannenden Verrenkungen besucht wird. Was vielleicht auch ein wenig dadurch gefördert wird, das hier schon die Beatles Yoga praktizierten, kifften und dabei ihre Inspiration suchten.

Doch wie sangen die Pilzköpfe schon damals? „It’s all about the people.“ Und wenn dieser Satz auf jemanden zutrifft, dann auf Gurpreet und seine bezaubernde Familie, die ich kurz vor der nepalesischen Grenze in Rudrapur anfahre. Mit offenen Armen werde ich hier empfangen, unterhalten und verköstigt – mit den leckersten Gerichten, die die indische Küche zu bieten hat. Ich bin überwältigt von so viel Gastfreundschaft. Vielleicht auch weil ich zumindest in dieser Form, nach all dem was ich hier schon erlebt habe, nicht mehr damit gerechnet habe. Wobei ich sagen muss: Auch anderenorts habe ich hier in Indien viele sehr nette und aufgeschlossen Menschen kennengelernt. Doch das hier ist neu für mich. Was ein schönes Gefühl! Und zugleich macht es den Abschied nach zwei Tagen, bevor ich über die Westseite nach Nepal fahre, wieder einmal schwer. Doch vielleicht komme ich auf der Rückreise nochmal wieder, die Einladung zur Goldenen Hochzeit von Gurpreets Eltern habe kurz vor der Abreise noch zugesteckt bekommen – worüber ich unter dem Helm noch eine Weile grinsen muss.

Ziemlich leicht hingegen, ist der Grenzübertritt zwei Stunden später. Ich bin wieder einmal überrascht über so viel Nettigkeit und Unkompliziertheit – auf indischer, wie auf nepalesischer Seite. Ja, es gibt eben auch solche Grenzübergänge, denke ich mir. Ebenso überrascht mich, wie wenig hier auf den Straßen los ist. Was bedeutet, dass ich hier endlich mal wieder ein wenig Gas geben und meiner bayrischen Kuh den wohlverdienten Auslauf gewähren kann. Auch kurzfristige 120 km/h scheinen hier, auf dem gut ausgebauten zweispurigen Highway, der direkt an der Westgrenze beginnt und Richtung Osten verläuft, kein Problem.

Doch schnell fällt mir wieder ein, warum hier so wenig Verkehr herrscht – zumindest was motorisierte Gefährte angeht. Als ich innerhalb von nur 30 Minuten die zweite geschlossene Tankstelle erreiche, vor der rund ein dutzend LKWs abgestellt wurden, muss ich erstmal anhalten. Die Trucks stehen hier, weil sie keinen Sprit mehr haben und für den Fall, dass es wieder Benzin gibt, sie den Tank sofort wieder füllen können. Hier der politische Hintergrund für die Misere in Kurzform: Nepal befindet sich, wie in den vergangen Jahren schon häufiger, in einer Rohstoff- und damit Wirtschaftskrise. Was diesem Land und einem Großteil seiner Bewohner, neben dem sowieso schon geringen Lebensstandard, enorm zusetzt. Der Grund: Ein Teil der nepalesischen Bevölkerung besitzt indische Wurzeln. Viele dieser Menschen wohnen wiederum nahe der indischen Grenze im Süden des Landes, in Gebieten die sie gerne von Nepal abspalten würden. Was Indien, das für seine Übergriffe auf andere Länder und ihren Grund und Boden bekannt ist, befürwortet und auf teilweise – aus meiner Sicht – dubiosen Wegen befördert. So unterstützen sie inoffiziell Blockaden, die im Süden des Landes auf den großen Zufahrtsstraßen von Nepalesen errichtet und aufrecht erhalten werden, um Druck auf die Regierung auszuüben und die von ihnen gewünschte Abspaltung zu erreichen.

Im Klartext: Nepalesen schaden also dem eigenen Land und ihren Landsleuten, in dem sie beispielsweise keine Rohstoffe, wie Benzin ins Land lassen. Das wiederum kurbelt den Schwarzmarkt enorm an, der wiederum natürlich auch vorwiegend von den Leuten betrieben wird, die die Blockaden errichten. Alles in allem, eine Situation in der ich nicht stecken möchte. Doch leider tue ich das – zumindest für einige Tage und Wochen. Vorsorglich habe ich natürlich auch vor der Grenze noch zwei kleine 2-Liter-Kanister vollgetankt, was mich hoffentlich – wenn ich mich überwiegend mit 80km/h fortbewege – rund 600 km weit, bis zu meinem Ziel Pokhara am Rand des Himalaya bringen wird. Während ich also die teilweise wunderschöne Landschaft genieße und einen ersten zarten Eindruck von den Bewohner dieses Landes rechts und links der Straße bekomme, wandert mein Blick in den kommenden beiden Tagen immer wieder auf den Tacho und meine Tankanzeige. Hier den Bock trocken fahren, ist einfach keine gute Idee!

Die Nächte verbringe ich in kleinen Hotels, die leider nicht so günstig sind, wie man vielleicht meint – zumindest nicht für Touristen. Mit rund 15 bis 20 US-Dollar ist man also auf jeden Fall dabei. Der Grund: Für Ausländer gibt es, wie in vielen anderen Ländern dieser Erde übrigens auch, fast immer einen deutlich höheren Preis. Was für mich allerdings, trotz meines mittlerweile extrem klein gewordenen Gesamtbudgets, in Ordnung geht. Denn klar ist: Reisende sind eine der wenigen Einnahmequellen dieses Landes, das mich an der Grenze so freundlich empfangen hat. Und so komme ich schließlich, nach einer zeitweise atemberaubenden Fahrt durch die ersten kleinen Ausläufer des Himalaya, in Pokhara an – mit fast keinem Sprit mehr im Tank. Puh! Knappe Nummer. Mein erster Eindruck: Es ist eine staubige, diesige, quirlige, bunte und irgendwie sympathische Stadt. Wobei ich diesen Eindruck wahrscheinlich dadurch bekomme, dass mir von mehreren Seiten sofort Hilfe angeboten wird, als ich an der ersten großen Kreuzung anhalte, um mich zu orientieren und nach meinem Handy herumzukramen. Die neue SIM-Karte, die ich mit Hilfe eines Hotelangestellten in einer Nach- und Nebelaktion organisiert habe, ist mittlerweile freigeschaltet und funktionsfähig. Puh! Sehr gut! Umringt und wie so oft begutachtet von allen Seiten, wähle ich die Telefonnummer von Mr. Giri.

Diese habe ich mit der Hilfe von einer Arbeitskollegin bekommen, die sich mit ihrem Verein in Deutschland für eine Schule hier in Pokhara engagiert. Und dafür, dass zumindest einige der unzähligen armen Kinder dieses Landes eine ausreichende Schulbildung und damit eine Chance bekommen. Nach fünf Minuten, die ich mit dem für mich schon etwas zur Routine gewordenen Frage- und Antwortspiel verbringe, hält plötzlich eine 125er Honda neben mir. Und ja: Mr. Giri, der Direktor der Schule, ist genauso offen und warmherzig, wie er zuvor am Telefon klang. Sein breites, zartes Lächeln und seine gütigen braunen Augen, die schon etwas müde geworden zu sein scheinen, werde ich, glaube ich, so schnell in meinem Leben nicht mehr vergessen.

„Mr. Christian. Da sind sie ja endlich. Willkommen in Nepal, willkommen in Pokhara. Bitte verzeihen Sie, dass ich ein wenig dränge. Aber bitte steigen sie wieder auf und folgen Sie mir. Die Kinder warten schon auf Sie.“

sagt er so selbstverständlich wie nett, dass ich keine weiteren Fragen stelle. Kinder die warten? Ja klar, es ist eine Schule die ich besuche. Aber? Wie? Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Doch bereits nach zehn Minuten Fahrt durch die Stadt weiß ich schlagartig was er meint. Als ich in die Einfahrt der View Point Boarding School fahre, schauen mich mit einem Mal die großen Augen von rund 20 Kindern an – die scheinbar mindestens so erstaunt über mich sind, wie ich über sie. Ich bin ziemlich überwältigt von so viel Aufmerksamkeit und muss unter meinem Helm erstmal eine paar Sekunden verschnaufen, bevor ich das Motor ausmache. Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Als ich meinen Helm abgesetzt habe, begrüßt mich Man Bahadur Giri, der die Schule seit vielen Jahren zusammen mit seiner Familie betreibt, noch mal ganz offiziell. Ich werden gedrückt, geherzt, bekomme zur Begrüßung ein traditionelles nepalesisches Tuch um den Hals gehängt, viel Applaus und Blumen geschenkt. Die sind im übrigen wahrscheinlich genau so rot, wie mein Kopf in diesem Augenblick. Ich bin ziemlich überwältigt und weiß gar nicht was ich sagen soll. Was sich in den kommenden Tagen allerdings auch nicht wirklich ändern wird – aus unterschiedlichen Gründen.

Auch wenn ich entschieden dagegen protestiere, es hilft alles nichts. Ich bekomme meine eigenen zwei Räume im obersten Stock des Wohnhauses, das sich unmittelbar neben der Schule befindet. Schon beim betreten wird mir klar, die wurden extra für mich geräumt und hergerichtet. Was für ein Luxus, der mir ziemlich unangenehm ist. Eben weil ich spüre, dass dies, für die Zeit meines Besuchs hier, beengte Wohnverhältnisse für den Rest der Familie Giri bedeutet. Besonders für den ältesten Sohn Veezay, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ebenfalls hier wohnt. Er ist der stellvertretende Leiter der Schule und gleichzeitig Lehrer für Englisch. Und wie ich erfahre ist diese gerade ziemlich leer, da Ferien sind – zumindest für die Grundschüler und die Klassen fünf bis neun. Die Teenies in der Zehnten, die mich auch begrüßt haben, bereiten sich aktuell auf das Abschlussexamen vor. Das steht in wenigen Wochen landesweit an und sorgt natürlich hier gerade für eine etwas angespannte Lage. Schon Früh am Morgen wird hier gebüffelt und oft bis spät in die Abendstunden. Zwischendurch steht ein bisschen Sport und Toben auf dem Lehrplan. Geschlafen wird in der Schule. Was, wie ich von den Giris erfahre, ganz bewusst so gehandhabt wird. Nur am Wochenende geht es für die Kids nach Hause, eben weil sie sich dort erfahrungsgemäß oft nicht aufs Lernen konzentrieren können. Nicht zuletzt, weil sie von den Eltern unter Umständen wieder Arbeiten geschickt werden, wenn sich am Tag die Möglichkeit ergibt das Abendessen für die Familie reichhaltiger zu gestalten.

Wann immer es hier unterhalb des Himalaya Strom und damit Internet gibt, versuche ich zu erfahren, was der Stand meines Pakistan-Visums ist. Verdammt! Was ist da los? Was passiert, wenn ich es nicht bekomme? Was mache ich dann? Ist meine Reise um die Welt dann zu Ende?

Aber was kann ich tun? Gar nichts. Nur Abwarten. Fast jeden Morgen und jeden Abend sitze ich mit Mr. Giri und seinem Sohn zusammen – nachdem ich von den Damen des Hauses dick und rund gefüttert wurde. Unsere Gespräch sind so lang, wie spannend und aufschlussreich. Gerne erzähle ich natürlich etwas über mich, meinen Beruf, meine Motorradweltreise und welcher Weg mich schlussendlich zu ihnen geführt hat. Ich wiederum habe natürlich auch jede Menge Frage parat. Und so verstehe ich, neben alldem was ich bereits über Nepal und seine aktuell Situation weiß, immer besser, welche großartige Arbeit diese Familie hier leistet. Und wie so oft im Leben, beginnt die eigentliche Geschichte dieser in Nepal einzigartigen Schule, so wie sie wahrscheinlich beginnen muss, um so schön zu sein. Das heißt: Mr. Giri Senior ist selbst in Verhältnissen aufgewachsen, die nur mit „arm“ beschrieben werden können. Seine gesamte Kindheit hat er auf dem Fussboden geschlafen und sich mit seinen Geschwistern eine Bettdecke geteilt. Niemand konnte vor über vierzig Jahren für seine Schulbildung aufkommen. Nur durch viel Glück und der Unterstützung von etwas besser gestellten Leute, die das Potential des Jungen erkannt haben, war es ihm möglich das so wichtige Schuldgeld aufzubringen.

Und heute, viele Jahre später, möchte er dies zurückgegeben. Und so bietet er, im Gegensatz zu fast allen anderen Schulen in Nepal, einen Schulbesuch für ein Minimum an Schuldgeld an. Er möchte sich an niemandem bereichern. Eine Aussage, die ich nicht eine Sekunde bezweifele, eben weil ich sehe und selbst erlebe, dass sich die gesamte Familie nicht den geringsten Luxus gönnt. Ein Sonntag, wie mit mir auf der jährlichen Kirmes, sind da die Ausnahme. Die Überzeugung von Mr. Giri ist, dass jeder Mensch in Nepal die Möglichkeit haben sollte eine Schulbildung zu genießen, die ihm später im Leben eine reale Chance bietet – ein Ziel, das in Nepal nochmal ungleich schwerer ist, als in vielen anderen Teilen und Ländern dieser Erde. Um den Kreis zu schließen: Der Verein in Deutschland, in dem sich meine Arbeitskollegin engagiert, ist vor einigen Jahren gegründet worden und durch persönliche Kontakte zu Stande gekommen. Die mittlerweile regelmäßig überwiesenen Spenden, nutzt die Familie Giri, um Kindern von besonders armen Bauernfamilien, die nicht in der Lage sind, auch nur eine Rupie an die Seite zu legen, eine Schulbildung zu ermöglichen.

Eine dieser Familien ist die von Pradeep, der heute in die sechste Klasse gehen kann. Die Einladung seines Vaters, ihn und seine Familie am Stadtrand von Pokhara zu besuchen, wird mir von Veezay übermittelt. Auch wenn ich mich sehr darüber freue, fällt mir eine Entscheidung nicht leicht. Ich spüre wie unsicher ich doch bin, nicht zuletzt, weil ich schon durch meine Fahrt hier her und beim Anblick der Schule erahne, was mich erwarten könnte. Mein Pakistan-Visum? Wie geht meine Reise weiter? Was mache ich hier eigentlich? Ich ertappe mich dabei, wie ich stundenlang in den leeren Klassenräumen einfach nur da sitze und überlege. Mit einem Mal steht die kleine Tochter der Familie vor mir. Ich habe sie gar nicht gesehen oder kommen gehört. Sie scheint mich ein wenig beobachtet zu haben und steht nun direkt vor mir. Warum hast Du eigentlich ständig den Fotoapparat dabei, will sei von mir wissen und lächelt mich an – mit den selben gütigen, braunen Augen wie ihr Großvater. Ich schaue neben mich und betrachte meine Kamera, die ich nun schon so viele Monate mit mir rumtrage. Und mit einem Mal beginne ich zu bereifen, dass es vielleicht so sein sollte, dass ich vor ein paar Wochen nicht über die pakistanische Grenze fahren konnte und meinen Weg hierher nach Nepal, an diesen Ort, angetreten habe. Ich beginne zu begreifen, dass ich genau jetzt an diesem Ort richtig bin. Auch ich soll hier etwas lernen. Obendrein hab ich gerade eben eine Aufgabe bekommen. Und so sitze ich am nächsten Morgen neben Pradeep und betrachte mit ihm zusammen die riesigen Adler über mir.

Gut eineinhalb Wochen später. Die letzten Tage habe ich, wenn ich nicht Goldenen Hochzeiten in Indien beigewohnt und mich seit langer Zeit mal wieder betrunken habe, auf dem Motorrad verbracht. Fast eintausend Kilometer liegen gerade wieder einmal hinter mir. Und jetzt bin ich wieder in Delhi. In der Stadt, in die ich eigentlich als allerletztes noch mal wollte. Ungewaschen, unrasiert und mit dreckigen Klamotten sitze ich im Innenhof der Deutschen Botschaft. Seit rund zehn Minuten unterhalte ich mich mit einem Inder, der hier gerade ebenfalls warten muss. Was eine netter Typ. Und so erzähle ich wieder einmal bereitwillig meine ganze Geschichte. „Und was machen Sie nun heute hier?“ will er von mir wissen. Ich schaue auf die Glastür, die sich jetzt direkt vor mir öffnet und aus der ein Mann tritt. Ich bin also als Nächstes dran. „Ich?“, antworte ich mit einem breiten Grinsen. „Ich hole jetzt mein Visum für Pakistan ab. Das ist nämlich gestern hier angekommen.“

Um mich herum ist es dunkel und still. Als ich wieder zu mir komme, sehe ich vor mir einen von Blut überströmten Kopf auf der dreckigen Straße liegen. Ich versuche aufzustehen, doch ich kann nicht. Ich spüre das Gewicht meines Motorrads auf mir – das Vibrieren des Motors. Mein Bein wird heiß. Es wird wieder dunkel um mich herum. Ich spüre einen stechenden Schmerz in meiner Hand. Ich spüre das Adrenalin in meinem Körper. Ich öffne meine Augen erneut. Schlagartig wird es unerträglich laut. Der Kopf ist nicht mehr da. Nur noch das Blut und der Dreck. Von allen Seiten strömen Menschen herbei. Ich kann ihre Füße sehen. Mein Puls beginnt zu rasen. Dutzende Hände beginnen an mir zu zerren. Ich höre lautes Hupen und viele Stimmen. Kurz wird mir wieder schwarz vor Augen, der Schweiß rinnt mir am ganzen Körper herunter. Ich kann kaum schlucken. Mit aller Kraft stemme ich mich hoch. Irgendjemand hilft mir und richtet mich auf. Plötzlich stehe ich neben meinem Motorrad, das auf dem Boden liegt. Ich kann mich kaum auf den Beinen halten.

Jeder Atemzug tut weh. Ich ringe nach Luft. Ich schaue mich um und sehe wieder das Blut, Öl, Dreck, zerbrochenes Plastik und Scherben vor mir auf der Straße liegen. Schlagartig wird mir schlecht. Die Kotze schlucke ich runter.

Mir ist schwindelig. Wo bin ich? Links, rechts. Wieso? Um mich herum dutzende Augenpaare, die mich anstarren. Und es werden immer mehr. Ich höre lautes Lachen. Plötzlich schreit mich jemand an und schlägt mir vor den Helm. Jemand anderes fast mir an den Kragen, schüttelt mich heftig und droht mir. Ich hole aus. Meine Faust trifft mit voller Wucht sein Gesicht. Träume ich das nur? Alle weichen zurück. Jemand wirft mit Dreck nach mir. Ich drehe mich um und sehe wieder den blutigen Kopf, etliche Meter entfernt. Wohin? Mit einem Mal ist er weg, in der Menschenmenge verschwunden. Der Schmerz in meiner Hand wird mit einem Mal heftiger. Warum? Ich sehe meinen Kulturbeutel, meine Taschen in den Händen Fremder, mein Navi – es ist weg. Ich sehe die geöffneten Taschen meines Motorrads. Ich sehe Handys die Fotos von mir machen. Ich höre eine Polizeisirene. Ich zittere am ganzen Körper. Ich habe Angst. Ich begreife langsam was passiert ist: Ich bin in Indien. Ich hatte einen Unfall.

 

 

Fünf Tage zuvor. Wir haben Ende Oktober. Ich stehe am Ortsausgang von Manali im Nord-Westen Indiens. Ein letztes Mal blicke ich auf die schneeverschneiten Berge des Himalaya hinter mir. Wie gerne wäre ich nach Leh gefahren, in die berühmte Stadt in Ladakh, über einen der höchsten Straßenpässe dieser Erde. Doch es war unmöglich. Ich war einfach zu spät dran. Die Kälte und der Schnee kamen plötzlich und unerwartet. Und sie waren stärker als ich. Noch einmal betrachte ich die neuen Schrammen und den getrockneten Schlamm an mir und meinem Motorrad. Bestimmt zehn Mal habe ich die bayrische Dame auf die Seite gelegt – im Schnee und auf Eis. Verdammter Mist! Zum ersten Mal auf meiner Reise habe ich eines meiner Wunschziele nicht erreicht. Ich ärgere mich. Allerdings nur noch ein bisschen. Denn ich weiß: Die ersten beiden Wochen hier in Indien waren doch eigentlich wunderschön. Meine Ankunft in Amritsar, in dieser verrückten Stadt mit seinem goldenen Tempel, die unzähligen Postkartenmomente auf der Fahrt in den Norden und die großartigen Menschen, die ich hier in Indien bisher kennengelernt habe. Unterm Strich geht es mir echt gut, auch trotz des immer noch anhaltenden Kulturschocks. Und ich weiß: Ich werde hierher zurückkommen – in den Himalaya. Eines Tages, wieder auf einem Motorrad und hoffentlich mit dem Menschen an meiner Seite, den ich jeden Tag ein bisschen vermisse. Eigentlich rauche ich tagsüber nicht. Doch jetzt ist mir danach. Scheiß drauf! Ich stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren und höre Tom Morello. Diesen einen Song, der mich schon seit Monaten auf meiner Reise um die Welt begleitet und der nun gegen die vorbeifahrenden Rikshas und bunt bemalten LKWs ansingt. Die Sonne, die sich in den letzten Tagen sehr rar gemacht hat, scheint hier im Tal nun mit voller Kraft. Ich merke wie ich langsam auftaue. Und ich genieße es – einfach nur hier zu sein.

Die nächsten Tage verbringe ich auf kleinen Schotterstraßen in Richtung Süden. Mein Ziel: Der große Highway, der mich entlang der nepalesischen Grenzen nach Osten bringt. Nach Daarjeling, dort wo ich meine Freundin in eineinhalb Wochen vom Flughafen abholen will. Godwin, der mit seiner bezaubernden Frau ein kleines Hostel für Biker unterhalb des Rohtang-Passes betreibt, hatte mir geraten, mir diese Ecke nicht entgehen zu lassen – diesen Ausläufer von Ladakh. Und ja, er hatte recht. Aber so was von! Auch hier wird es Herbst und es ist wunderschön. Fast ein bisschen wie bei uns im Waldecker Land, denke ich mir immer wieder. Riesige Tannenwälder, kleine und große Bergkämme und unzählige Kurven. Nur die Affen und die reißenden, türkisblauen Flüsse gibt es bei uns nicht. Übernachten tue ich in kleinen Hotels, die mir ziemlich deutlich machen, was ich mit meinem geringen Budget in der kommenden Zeit erwarten kann.

Kakerlaken die einen schon beim Reinkommen mit Handschlag begrüßen, Badezimmer die ein Mal im Monat sauber gemacht werden und Matratzen, die so durchgelegen sind, dass meine Bandscheiben sich schon nach zwei Stunden beschweren.

Es ist noch dunkel als ich am frühen Morgen aus meinem Schlafsack krabbele und mein Zelt öffne. Das hatte ich gestern, am späten Nachmittag aus dem Norden kommend, am Rand des National Highway 1 aufgestellt, rund 30 Kilometer vor Delhi. Trotz Navi wollte ich mir die Umfahrung dieses Molochs, mit seinen für mich kaum zu fassenden 17 Millionen Einwohnern, bei abnehmendem Tageslicht nicht mehr antuen. Mayuk, der mit seiner Familie eines der unzähligen Restaurants am Rand des großen Highways betreibt, hatte mir gestattet mein Zelt bei ihm auf der Wiese aufzustellen. Seinen Kontakt hatte ich über einen der Motorradclubs in Delhi bekommen, die ich zuvor über Facebook kontaktiert hatte. Ein höllisch scharfes Chicken-Curry gab es kurz vorm Schlafengehen obendrein spendiert. Junge, Junge – so viel Scharf sind mein Magen und ich noch nicht gewohnt. Das muss ich jetzt erstmal loswerden. So wie einen der Mitarbeiter des Restaurants, der mich bereits gestern Abend, als der Chef nach Hause gefahren war, mehrfach um Geld gefragt hat. Leider war er recht unfreundlich und dreist. Schon von weitem sehe ich ihn erneut auf mich zukommen, als ich das Zelt einpacke. Und leider verspielt er auch seine letzte Chance, in dem er, wie so einige Inder die ich bereits getroffen habe, keine Anstalten macht, zumindest „Guten Morgen.“ oder „Hallo.“ zu sagen. Schon bei den Worten „You have big bike. You can give money, Sir.“ gebe ich ihm zu verstehen, dass ich mittlerweile die Schnauze voll habe. Was ich dann auch Mayuk nochmal zu verstehen gebe, als ich mich verabschiede. Als ich wieder auf den Highway rolle, beginne ich nachdenklich zu werden.

1600 Kilometer sind es bis Darjeeling. 1600 Kilometer bis ich meine Freundin nach einem halben Jahr in den Arm nehmen und sie hinten auf mein Motorrad setzen kann. Der Plan ist: Wir wollen zusammen vom Nord-Osten aus, einmal quer durch Indien, bis nach Goa an der Westküste fahren. Einen Monat lang nur wir Beide. Dafür hat sie extra, ohne es mir anfangs zu erzählen, ihren Motorradführerschein gemacht, um im Falle des Falles die Maschine bewegen zu können. Daran muss ich gerade denken und daran wie sie mich angestrahlt hat, bei unserem letzten Skype-Gespräch. Ich freue mich so sehr auf diese Zeit und auf sie. So sehr, dass ich es kaum noch ertragen kann. Und so ertappen ich mich dabei, wie ich mit fast 120 Sachen über den Highway auf Delhi zudonnere. Oh scheiße! Das war knapp, fast hätte ich in Gedanken versunken die Abfahrt auf die Umgehungsstraße verpasst, die Delhi im Norden wie einen Halbkreis umschließt. Boah, was ein Verkehr! Das übertrifft alles was ich mir vorgestellt und bisher hier auf den Straßen Indiens erlebt habe. Rikshas besetzt mit zehn Leuten, Eselskarren, Kleinlaster, die auch mal mitten auf der Autobahn wenden, Fahrräder, auf denen sechs Meter lange Wasserrohe transportiert werden und vollkommen überladene 40 Tonner teilen sich hier den Asphalt. Wer nicht drängelt und hupt, um irgendwie auf sich aufmerksam zu machen, verliert. Gnadenlos!

Auch wenn ich noch genug Zeit habe, ich will ein paar Tage vor meiner Freundin im Norden ankommen. Um mich zu sortieren, mich und das Motorrad mal richtig sauber zu machen, meine Fotos zu sortieren, meinen Blog zu schreiben und um ein wenig unsere Route vorzubereiten. Auch wenn ich immer die Augen aufhalten muss, hier kann ich endlich mal ein wenig Gas geben. 350 Kilometer, das muss heute drin sein. Leider muss ich feststellen, dass die Autobahn nicht durchgängig ausgebaut ist, auch wenn das auf meiner recht neuen Karte so aussieht. Mist! Immer wieder werde ich umgeleitet auf kleinere Straßen, durch Städte und Dörfer. Und hier merke ich wie fremd mir Indien doch noch ist. All die vielen Menschen die mich angucken wie einen Ausserirdischen, all der Dreck, der Müll, der Gestank, diese bittere Armut. Es fällt mir immer noch schwer mich mit dem Gedanken anzufreunden, einfach so anzuhalten und zum Beispiel etwas zu essen zu kaufen. Es ist alles so fremd, so anders als in vielen anderen Ländern dieser Erde. Auch wenn es vielleicht unbegründet ist, ständig habe ich das Gefühl auf meine Sachen aufpassen zu müssen. Nicht zuletzt, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sobald ich irgendwo zum Stehen komme, ich binnen weniger Minuten von Menschen umringt bin, die mir extrem nahe kommen. Zu nah, verdammt! Ich will das nicht! „What is price of bike?“. Auf diese Frage will ich nicht mehr antworten!

Ich fühle mich nicht wohl mit meinem Reichtum, mit dieser unendlich großen Freiheit, mit meinem Motorrad. Langsam begreife ich: Es ist eine Freiheit, die so gut wie kein Inder in seinem Leben jemals haben wird.

Mittlerweile ist es früher Nachmittag. Es ist heiß. Ich bin gestresst vom Verkehr. Und von all seinen indischen Beteiligten, die ihren Führerschein, insofern sie denn zu den zwanzig Prozent gehören, die überhaupt einen besitzen, aus dem Kaugummiautomaten gezogen haben. Nicht eine Sekunde darf man hier unaufmerksam sein. Endlich! Auch Bareilly, diese Kackstadt, habe ich erfolgreich umfahren. Ich erreiche Faridpur. Rikshas, Autos und unzählige von kleinen Mopeds versuchen sich in beide Richtungen aneinander vorbeizuschieben. Wie vielerorts kommt auch hier der Verkehr tagsüber mehrfach vollkommen zum Erliegen. Dazwischen kleine Kinder und Erwachsene, die Hühner, Süssigkeiten oder Handyladekabel den Fahrern der Fahrzeuge andrehen wollen. Der Staub, der Dreck. Alles hat sich mit meinem Schweiß vermischt und klebt am ganzen Körper. Dann, endlich geht es weiter. Stück für Stück! Alle um mich herum starren mich an auf ihren kleinen Mopeds. Langsam geht es Richtung Ortsausgang. Wieder höre ich „What is bikeprice man?“ Boah! Ich bin gestresst von allem was mich umgibt. Ich muss pissen! Ich will nur noch hier weg! Vor mir sehe ich eine Riksha. Ich überhole sie zügig. Dicht sausen auf meiner Fahrbahnseite Autos an mir vorbei. Die weiß gestrichelte Linie ist nichts anderes als eine Empfehlung, die zwar an dem Führerschein-Kaugummiautomaten klebt, aber niemand gelesen hat. Und da, wieder eine Kuh! Mitten auf der Straße. Rechts, links. Zack dran vorbei. Was ist das? Ich schaue nach links zu dem kleinen Tempel, der gerade knall-orange gestrichen wird und unweigerlich meinen Blick auf sich zieht. Als ich wieder nach vorne schaue, sehe ich ein Moped, dass direkt mit zwei Leuten auf mich zu rast – auf meiner Seite. Ich steige voll in die Bremsen, mein Oberkörper wird nach vorn gedrückt, ich weiche nach links aus – dort wo Platz ist. Es ist nur der Bruchteil einer Sekunde. Ich sehe wie mein Gegenüber, ebenfalls nach rechts ausweicht. Schlagartig! Den Knall, das Knacken, der Aufprall. All das höre und spüre ich noch. Dann wird es dunkel um mich herum.

Vom Hören der Polizeisirene bis zu ihrem Eintreffen vergeht eine Ewigkeit. Dicht gedrängt stehen mehr als fünfzig Menschen. Vielleicht sind es hundert. Ich weiß es nicht. Auch nicht was alles gestohlen wurde. Ich stehe unter Schock, doch langsam kann ich wieder einigermaßen klare Gedanken fassen. Okay! Reiß Dich zusammen, Christian! Alle schauen mich an, beschimpfen mich, lachen oder machen Fotos mit Ihren Handys. Doch mein Faustschlag und die blutende Nase haben scheinbar Wirkung gezeigt. Alles was indischer Herkunft und daher deutlich kleiner ist als ich, hält nun ein wenig Abstand von mir. Zumindest ungefähr einen Meter. Das ist meine Chance! Ich nehme all meine Kraft zusammen und versuche mein Motorrad aufzurichten. Ich stemme mit allem was geht den Lenker in die Höhe. Ich schreie. Mein Arm! Ich kann nicht. Doch! Verdammte Scheiße! Nur einer der Umstehenden hilft mir. Zaghaft drückt er meine Maschine am Gepäckträger nach oben. Seitenständer raus. Puh! Das Ding steht! In diesem Augenblick trifft nun auch die Polizei ein und prügelt sofort mit Stöcken auf die gaffende Masse ein. Mit voller Wucht! Ich bin erschrocken und zucke zusammen. Was passiert hier? Doch ich bin auch erleichtert. Was sich allerdings in Grenzen hält, als ich feststellen muss, dass nur einer der Polizisten ein paar brocken Englisch spricht und er mir damit direkt zu verstehen gibt, dass ich die Straße sofort freimachen und mein Motorrad zur fünfhundert Meter entfernten Polizeistation schieben muss.

Wie es mir geht? Ob ich ärztliche Hilfe brauche? Auch die Polizisten interessiert das nicht sonderlich. Ich werde wütend. Doch egal was passiert, ich spüre, ich muss mich beherrschen und cool bleiben. So gut es eben geht.

Sonst endet das hier in einem völligen Chaos. Die Polizei hat einen Bogen von mehreren Meter um mich herum geschaffen. Erst jetzt habe ich die Möglichkeit zu sehen, was tatsächlich alles an meinem Motorrad kaputt ist. Ich halte mir den Arm, der bei jeder Bewegung weh tut. Der Scheinwerfer, die Frontverkleidung, die Nebelscheinwerfer. Die Halterung der Armatur ist ebenfalls gebrochen. Okay! Das geht. Doch als ich mein Motorrad auch nur einen Meter schieben will, bemerke ich es: Die Gabel ist gebrochen. Scheiße! Schieße! Scheiße! Jetzt wird der Polizist sauer und gibt mir zu verstehen, dass ich sofort mein Motorrad wegzuschieben habe. „Ja verdammt, Du Arschloch!“, schreie ich ihn an. Aber wie? Meine Gabel, meine Hand. Bis heute weiß ich nicht, wer dieser Mensch war, doch er hat mir nicht nur geholfen mein Motorrad aufzurichten, er hilft mir auch, wenn auch anfangs nur sehr zaghaft, da er nicht von den anderen fotografiert werden will, mein Motorrad zur Polizeistation zu schieben. Meter für Meter. Meine Schmerzen werden immer schlimmer.

Ich schiebe mein Motorrad durch das große Eisentor der Polizeistation. Anfangs bilde ich mir ein, hier nun Hilfe zu bekommen. Doch es wird noch schlimmer. Statt die Schaulustigen auszusperren, so wie es auf einer deutschen Polizeistation Gang und Gebe wäre, werden sie hier ebenfalls auf den Vorplatz gelassen. Ebenso die Reporter der lokalen Fernsehsender und Käseblätter. Schon als ich eintreffe werden, ohne mich zu Fragen, wieder Bilder von mir gemacht und Videos von mir gedreht. Auch einer der Polizisten macht ein Selfie mit dem kaputten Motorrad. Ich kann´s nicht fassen! Was ein Wichser! Es fällt mir schwer ruhig zu bleiben. Doch irgendwann ist das Maß voll. Einem der Reporter reiße ich die Kamera aus der Hand und schmeiße sie mit voller Wucht in Richtung einer Mülltonne. Das ändert die Situation vollkommen. Mit einem Mal scheinen alle zu begreifen, dass ich die Situation alles andere als irgendwie lustig finde. Das zeitgleich der Polizeichef auftaucht, erledigt scheinbar den Rest. Alle Menschen die nicht hier her gehören, müssen sofort den Platz verlassen. Mir gibt man zum ersten Mal ein Glas Wasser. Und ich bekomme plötzlich einen Dolmetscher zur Seite gestellt, der sich in relativ gutem Englisch als Sohn des Polizeichefs vorstellt. Gib es hier ein Krankenhaus? Wo ist der Typ der den Unfall verursacht hat? Warum ist er abgehauen? Wie geht es ihm? Gibt es ein Hotel, wo ich mein Motorrad hinbringen kann? Gegen die Schmerzen hilft das alles allerdings leider überhaupt nicht. Wann und ob ich in ein Krankenhaus komme? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich die nächsten Stunden erstmal überstehen muss. Mein Brustkorb, meine Beine, mein Arm. Ich merke wie der Schock und das Adrenalin nun vollkommen verflogen sind. Die Schmerzen sind nicht mehr zu ertragen. Während die Polizei meinen Pass kopiert, öffne ich die Box meines Motorrads und krame meine Medikamente hervor und nehme zwei Tilidin, ein Schmerzmittel auf Opiatbasis. Etwas das mir Mark, mein amerikanischer Reisekumpel, in Russland für den Notfall in die Hand gedrückt hat. Woher er die Dinger ohne Rezept bekommen hat, ich will es gar nicht wissen.

Langsam geht die Sonne unter. Ziemlich eindeutig hat man mir zu verstehen gegeben, dass ich die Nacht über nicht hier bleiben kann. Man will mich so schnell wie möglich loswerden. Klar ist auch, wenn ich zu einem Arzt möchte, dann wird man mich und mein Motorrad zurück nach Bareilly – in die Kackstadt – bringen müssen. Aber wie? Nach unzähligen Telefonaten hat man scheinbar jemanden gefunden, der seinen LKW zur Verfügung stellen wird. Alle anderen wollen in meinen Unfall nicht im geringsten involviert werden. Bis der LKW allerdings eintrifft, kann es noch eine halbe Stunde dauern. Jetzt heißt es warten. Zum ersten Mal setzte ich mich auf einen Stuhl, etwas abseits von allen und allem. Ich kann mein Motorrad sehen, dass einige Meter entfernt steht. Und meine Jacke, die daneben in den Dreck gefallen ist. Ich sehe den kleinen Ölfleck unter meiner Gabel. Mehrere Minuten sitze ich einfach nur da. Ich spüre wie die Medikamente anfangen zu wirken und ich spürbar ruhiger werde. Mein Dolmetscher steht neben mir und fragt mich irgendwelche Sachen, ob ich verheiratet bin. Was weiß ich. Es ist mir scheiß egal, ich kann ihm nicht länger zuhören und nicht antworten. Doch mit einem mal muss ich an meine Freundin denken. Ich schaue wieder auf mein Motorrad und auf mein Handgelenk. Ich realisiere wie dick es mittlerweile geworden ist. Es ist gebrochen. Ich bin mir sicher. So wie meine Rippen, die es in jedem Fall sind. Mit einem Mal wird mir klar, dass das worauf ich mich seit so langer Zeit freue nun nicht sein wird. Ich werde mit meiner Freundin nicht durch Indien fahren. Ich beginne zu weinen. Ich starre auf meine dreckigen Hände, auf die meine Tränen fallen. Mein Motorrad, meine Weltreise. All das wo von ich so lange geträumt habe, auf das ich solange hingearbeitet habe, ist hier vorbei.

Was ist dann passiert? Wo habe ich die Nacht verbracht? Wer hat mir geholfen? Was ist mir in den nächsten Tagen und Wochen widerfahren?

All das werde ich versuchen, in meinem Film zu zeigen. Diesen möchte ich produzieren, wenn ich wieder zu Hause bin. Wann und wo er zu sehen sein wird, kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Ebenso wenig, wie glücklich ich bin, eine so großartige Freundin und Familie zu haben. Sie haben zusammen mit den besten Freunden, die man sich nur wünschen kann, mit völlig fremden und hilfsbereiten Menschen und tollen Projektpartnern dafür gesorgt, dass meine Reise weitergehen kann. Sie alle haben Dinge möglich gemacht, die ich, als ich dort auf dem Stuhl in der Polizeistation saß, nicht für möglich gehalten hätte. Jedem Einzelnen werde ich auf ewig dankbar sein.

Dreieinhalb Wochen später. Ich wache auf und schaue in die Augen meiner Freundin. Mir ist noch ein wenig schwummerig von all den Schmerzmitteln, die ich hier so verabreicht bekomme. Wie lange sie mich schon anschaut weiß ich nicht. Als meine Augen aufgehen, strahlt sie bis über beide Ohren und gibt mir einen Kuss. „Du wirst sehen. Bald geht’s weiter – für Dich und Dein Motorrad.“ sagt sie und schaut mir tief in die Augen. Dann gucken wir Beide auf das große Paket, dass vor meinem Bett im Krankenhaus steht und fangen an zu grinsen. Wir müssen beide an gestern denken und daran was wir für einen verrückten Tag wegen dieses braunen Pappkastens hatten. Wir müssen an dieses Postzentrum mitten in Delhi denken, an das Chaos, die Berge von Paketen, an die Zeit, die immer knapper wurde, an die Postbeamtin die lieber Katzenvideos auf ihrem Handy schaute, statt uns zu bedienen, an den 486er PC, der wahrscheinlich seit dem Spätherbst im Jahre 1996 nicht mehr ausgeschaltet wurde und mit seiner Exceltabelle das Logistikzentrum dieses indischen Irrenhauses darstellt. Und wir müssen an uns denken, wie wir mit unzähligen Zetteln unter meinem Gipsarm, versucht haben schon dort vor Lachen nicht die Kamera fallen zu lassen. Doch wir haben es geschafft! Zusammen haben wir die indische Post besiegt und ihr, in letzter Minute vor Feierabend, das Paket mit meinen Ersatzteilen entreißen können. Was ein toller Morgen! Ich habe lange nicht mehr so gelacht.

Wir sind in Gurgaon, einer für hiesige Verhältnisse kleinen Vorstadt im Süden Delhis. Ich merke, ich muss noch ganz schön vorsichtig sein mit meiner Hand. Zuerst hat niemand erkannt, dass sie wirklich gebrochen ist. Und so hat sie erst vor drei Tagen eine Schraube zur Stabilisation bekommen. Doch es hilft nichts, ich muss hier raus. Ich kann keine Minute länger im Krankenhaus bleiben. Das Entlassungsprozedere dauert allerdings noch mal eine gute Stunde, inklusive einem Gespräch mit dem netten Orthopäden, der mich auch operiert hat. Er ermahnt mich mehrfach nicht übermütig zu werden und in zwei Wochen, wenn ich wieder in Delhi bin, nochmals zur Kontrolle bei ihm aufzutauchen. Bevor er ein erneutes Röntgenbild gemacht hat, wird er mich nicht auf das Motorrad steigen lassen. Aye aye, Sir! Alles klar, wird gemacht! Jetzt aber, nichts wie raus hier. Mit dem Taxi fahren wir nach Faridabad, in die Industriestadt die stinkend, vollgemüllt und eingehüllt von Smog ebenfalls vor den Toren Delhis liegt. Dorthin wo ich bereits Tage und Wochen verbracht habe. Dorthin wo ich so viel telefoniert, geskypt, gebangt und gehofft habe. Dorthin wo es nach dem Unfall langsam wieder bergauf ging.

Ich kann es kaum erwarten, den Jungs von der Werkstatt endlich die aus Deutschland eingetroffenen Ersatzteile in die Hand zu drücken. Und ja: Die können, ebenso wenig wie ich, glauben, dass es endlich soweit ist.

Die Reparatur meines Motorrads kann endlich starten. Gleich am nächsten Morgen soll es losgehen. Das heißt für uns, dass wir jetzt erstmal in einem der nahegelegenen, schweineteueren Business-Hotels einchecken müssen. Etwas anderes bleibt uns allerdings nicht übrig. Die deutlich günstigeren Hostels gibt es, wenn überhaupt, nur in Delhi. Und dahin zu fahren, das wollen wir uns beide nicht nochmal antuen. Zwei Mal rein und wieder raus für Sightseeing reicht uns völlig. Auch wenn das echt witzig war – mit den Jungs, die ich zuvor in dem Arbeiterwohnheim kennengelernt hatte. Dort war ich nach dem Unfall untergekommen. Keine Chance! Dann lieber teure fünf Sterne. Und so steht nach dem Betrachten der Werbebildchen im Internet fest, dass das für uns, gerade nach alldem was in den letzten Wochen anstand, jetzt mal genau das Richtige ist. Und so hängt das Bitte nicht stören!-Schild schneller an der Tür, als unser Gepäck vom Hotelboy nach oben gebracht werden kann. Dieses riesengroße, weiche Bett mit den unzähligen Kissen. Es ist einfach schön. So schön, dass ich die eigentlich nun folgenden Erklärungen und Ausführungen aus Gründen des Jugendschutzes aus diesem Text streiche. Nur so viel: Am nächsten Morgen erwartet uns zu allem Überfluss auch noch ein großes Frühstücksbuffet.

Doch ich hab Hummeln im Hintern und kann es kaum noch abwarten. Am nächsten Morgen muss ich sofort in die Werkstatt. Meine Freundin muss natürlich mit, nicht zuletzt, weil sie maßgeblich daran beteiligt war, meine Ersatzteile überhaupt auf den Weg zu bringen. Auch wenn ich mit meinem kaputten Flügel erwartungsgemäß nicht viel ausrichten kann, sind wir natürlich die Ersten, die bei BMW morgens auf der Matte steht – zehn Minuten vor allen anderen. Als Deutscher kommt man eben nicht aus seiner Haut. Zusammen checke ich mit den Mechanikern erstmal, ob auch alle Teile, die mein fabelhaftes Backup-Team in Deutschland zusammengestellt hat, angekommen sind. Und ach ja, die getürkte Rechnung. Die lasse ich zusammen mit dem ganzen Papierkram, zwischendurch unauffällig verschwinden. Die war neben so machen organisatorischen Tricks notwendig, um deutlich weniger Einfuhrsteuer zahlen zu müssen und damit schlussendlich das ganze nicht noch teurer werden zu lassen, als es sowie so schon ist. Wo wir gerade beim Thema sind: Den Schaden an meinem Motorrad habe ich komplett selbst zu tragen. Nicht zuletzt weil es faktisch keinen Unfallgegner gibt, beziehungsweise dieser abgehauen ist. Was ich ihm, mit ein wenig Abstand betrachtet, nicht mehr wirklich verüble. Sehr wahrscheinlich hat er keinen Führerschein, kein Geld für irgendeine Form von Versicherung und einen Monatslohn, der im Bereich von vielleicht 200 Euro liegt. Mit diesen Voraussetzungen in einen Unfall mit einem Touristen verwickelt zu sein, das gleicht einem existenziellen Selbstmord. Ein weiterer Grund warum niemand für die Reparatur aufkommen wird: Der Unfallbericht, den ich nach einem langen, irrwitzigen Kampf von der indischen Polizei bekomme habe, ist so viel Wert wie das Klopapier, mit dem ich mir morgens den Arsch abwische.

Fast einen Monat ist mein Unfall nun her. Und endlich geht es spürbar voran. Ich bin so ungeduldig und aufgeregt. Irgendetwas muss ich doch, neben der ganzen Filmerei, tun können. Klar ist: Am liebsten würde ich natürlich alles selbst machen. Doch alles was ich in meiner Verfassung wirklich tuen kann, ist versuchen den Jungs in der Werkstatt zur Hand und nicht auf die Nerven zu gehen. Es gibt ja bekanntlich nichts schlimmeres, als jemanden, der neben einem steht und Dir sagt wie Du Deine Arbeit zu machen hast. Für mich im hier und jetzt ein schmaler Grad. Ich kann nicht anders: Ich muss zumindest aufpassen, dass die Jungs mit meiner bayrischen Dame gut umgehen. Mit meinem Motorrad, dass mich bald über mehrere tausend Kilometer Straße wieder bis nach Hause bringen soll. Und tatsächlich scheint das nötig zu sein. Leider muss ich mit angucken, wie die indischen Schrauber das eine oder andere doch nicht so genau nehmen. Und naja, was soll ich sagen? Ich nehm´s genau! Und so rege ich mich zwischendurch auch mal auf, spätestens als einer der Kandidaten meint, mit einem Hammer die Welle meines Vorderrads rausdreschen zu müssen. Null Gefühl, der Kollege! Das ich auch mal kurz laut werde, wird aber wiederum mit viel Humor genommen. So sind die Inder eben. Das habe ich in den letzten Wochen gelernt: Eigentlich sind sie schon ziemlich in Ordnung. Wenn man sich denn auf sie und diese vollkommen andere Welt einlässt. Indien, das Land das so anderes ist, als alles andere was ich in meinem Leben zuvor gesehen und erlebt habe. Die wichtigste Übung, um hier keinen Herzinfarkt zu bekommen: Dinge die für uns, beispielsweise in der Arbeitswelt, vollkommen selbstverständlich sind, darf man hier nicht voraussetzen. Wichtig ist: Hier ist niemand faul oder gleichgültig. Doch Ordnung, Pünktlichkeit oder Effektivität sind Dinge, die hier eher kleingeschrieben oder schlichtweg vollkommen weggelassen werden. Hinzu kommt, dass der ein oder andere Tee, der hier vollkommen selbstverständlich während der Arbeit serviert und eingenommen wird, alles ein wenig in die Länge zieht. Und da dies die einzige BMW-Werkstatt für die Megacity Delhi ist, bin ich natürlich nicht der einzige Kunde hier. Und so müssen die Jungs, mit denen ich zwischenzeitlich richtig Spaß habe, erstmal andere Autos und Motorräder fertig machen. Was aber auch verständlich ist. Denn ich werde meine Maschine ja erst in zwei Wochen abholen.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Dieselbige muss ich nämlich noch ziemlich schonen, bevor ich mit ihr wieder irgendeine Kupplung werde ziehen können. Spätestens wenn ich im Eifer des Gefechts mit dem Gips irgendwo drandotze oder meine, meine Reifen durch die Gegend tragen zu müssen, werde ich ziemlich schmerzhaft daran erinnert. Doch was noch viel wichtiger ist: Jetzt steht erstmal Urlaub an. Und zwar mit dem Menschen, dem ich so viel zu verdanken habe, ohne den ich jetzt nicht hier wäre, der einzig und allein wegen mir nach Indien gekommen ist und in diesem Augenblick zwischen Schraubenschlüsseln und Ölkanistern mitten in der Werkstatt sitzt und mich angrinst. Meine Freundin.

Auch wenn ich dafür noch ein wenig gebraucht habe, für sie stand schon ein paar Tage nach meinem Unfall fest: Wir lassen uns unsere gemeinsame Zeit hier in Indien nicht vermiesen.

Und so sind wir bereits nach Ihrer Ankunft, vor rund zwei Wochen, ohne große Umschweife in den Zug gestiegen, was schon ein tolles Abenteuer für sich war, um uns etwas von Indien anzugucken. Vielleicht oder gerade deshalb, weil es eben nicht geplant war. Alles kam anders als wir uns das vorgestellt hatten. Auch die Diagnose, dass meine Hand doch gebrochen ist und die Tatsache, dass ich nochmal ins Krankenhaus musste. Um es kurz zu machen: Am nächsten Tag sitzen wir im Flieger von Delhi nach Goa und anschließend in einem Taxi, das uns entlang der Küste bis nach Gorkana bringt. Und damit zu all dem, was man ohne die geringste Einschränkung unter der Überschrift „Palmen, Strand und Sonnenschein “ verbuchen kann. Doch wie es immer so ist, Probleme und Herausforderungen gibt es auch hier. Einige der drängendsten Fragen, auf die es Antworten zu finden gilt: „Ich finde ja der Kokos- schmeckt besser als Mangolassi, oder?“, „Heute lieber Rotwein oder Mojito?“, „Sag mal, kifft hier jemand?“, „Gedünsteter Thunfisch in Zitronensauce oder doch lieber gebratene Riesengarnelen?“, „Sind einhundert Meter von der Hütte bis zum Meer wirklich standesgemäß?“, „Wann geht nochmal die Sonne im Meer unter?“, „Wann fahren wir nochmal weiter zum nächsten Strand?“, „Ist heute Dienstag oder Donnerstag?“. Puh! Obendrein müssen wir stundenlang am Meer liegen, den Wellen zuhören und die Sterne angucken. Von den Besuchen auf kleinen Märkten, indischen Straßencafés und Hippie-Läden möchte ich an dieser Stelle gar nicht sprechen. Nein, ich will nicht weiter klagen. Aber so schlimm haben wir es uns wirklich nicht vorgestellt. Doch auch das haben wir zusammen überstanden.

Ich drücke meine Freundin noch ein bisschen fester an mich. Ich spüre ihren warmen Atem durch mein T-Shirt. Wie lange wir hier schon so stehen weiß ich nicht. Ich weiß nur, die Tage mit ihr hier in Indien sind viel zu schnell vorbei gegangen. Wir stehen leider nicht mehr fast nackt am Strand neben Kühen, sondern nun neben unseren Koffern in der trostlosen Abflughalle am Flughafen Goas. Ich muss eigentlich jetzt los – zu meinem Gate, vorher noch durch sämtliche Sicherheitskontrollen und dann in den Flieger, der mich wieder nach Delhi bringen wird. Für sie geht es in ein paar Stunden zurück nach Deutschland.

„So, dann hau mal ab. Du muss jetzt los, sonst verpasst nun noch Deinen Flieger. Wir sehen uns wenn Du wieder nach Hause kommst.“ sagt meine Freundin leise und lässt mich langsam los.

In ihren Augen kann ich sehen, dass sie das genauso wenig möchte wie ich. Noch ein Kuss, einer noch. Und dann drehe ich mich um, schnappe meine Tasche und gehe auf die Rolltreppe zu. Als ich fast da bin, bleibe ich stehen. Ich kann nicht anders, als sie nochmal in den Arm zu nehmen. Ich weiß, dass werde ich in den kommenden Monaten nicht mehr haben. Da zählt jede Minute, jede Sekunde. So wie anschließend bei meinem Sprint zum Flieger.

Am nächsten Morgen wache ich wieder im Arbeiterwohnheim in Faridabad auf. Ich kann hier wieder illegalerweise noch ein paar Tage verbringen, solange bis ich auf meinem Motorrad aus der Stadt rolle. Leider sind viele von den Jungs, die ich hier vor Wochen kennen- und schätzen gelernt habe, nicht mehr da. Wohin? Was sie jetzt machen? Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich mit keinem von ihnen tauschen möchte – überhaupt mit keinem Inder. Jetzt, wo es so aussieht, als wenn ich tatsächlich meine Reise fortsetzen kann, wird mit bewusst, was für ein Privileg diese doch ist. Das Privileg eines Menschen, der das Glück hat in Deutschland geboren zu sein. In einem Land, in dem ich nicht, nur weil ich der untersten Kaste angehöre, mein Leben in einem Slum verbringen muss. Ich werde nicht zwangsverheiratet, um die wirtschaftliche Situation meiner Familie zu verbessern. Ich habe eine Schulbildung genossen und kann zum Arzt gehen, wenn ich krank bin. Ich muss keinen Ausländer auf einem Motorrad um Geld fragen, um mir vielleicht in ein paar Woche die Busfahrt zu meiner Familie leisten zu können. Und: Ich kann reisen wohin ich möchte. In meinem Fall mit dem Motorrad um die Welt.

Ich kann eine Reise fortsetzen, die fast vorbei gewesen wäre. Aber eben nur fast und die dank vieler glücklicher Umstände und Menschen nun weiter geht.

Drei Tage später. Endlich! Ich stehe vor meinem Motorrad, dass vollbeladen vor der BMW-Werkstatt in der Sonne geparkt ist. Hinter mir steht das gesamte Werkstattteam und der Chef der Kundenbetreuung. Sie alle haben in den letzten Wochen mitgefiebert und sich ein dickes Dankeschön verdient. Die Testfahrten in den letzten Tagen haben zwar dann doch nochmal die ein oder andere Nacharbeit notwenig gemacht, doch nun scheint alles in Ordnung zu sein. Die Maschine fährt sich extrem gut, der Rahmen scheint tatsächlich nichts abbekommen zu haben. Ganz im Gegensatz zur Aufhängung meiner Frontverkleidung, meines Windschilds und meinem Sturzbügel. Um ehrlich zu sein: Die bayrische Lady hat neben den bekannten Hängetitten nun auch einen etwas hängenden Mundwinkel. Ja, irgendwie ist ihr Gesicht ein wenig krumm und schief. Und obendrein hat sie jetzt ein paar richtige Schrammen – so wie ich. Meine Schiene trage ich schon seit ein paar Tagen nicht mehr. „Ach, die brauche ich nicht mehr.“, habe ich meinem Doc bei der Nachuntersuchung versucht möglichst glaubhaft zu versichern. „Wie wollen Sie damit auch Motorradfahren?“, fragte er mich anschließend. Sein Grinsen hab ich immer noch vor Augen. Wir haben uns dann auf einen Plastiküberzieher geeinigt, der meine Hand zumindest ein bisschen vor den Stößen meines Lenkers schützen soll.

Kurz um: Ich bin startklar! Ja, verdammt! Es geht weiter! Alles ist noch ein bisschen ungewohnt. Fast sechs Wochen bin ich nicht Motorrad gefahren. Als ich meine große Tasche, in dem Schlafsack und Zelt sind, noch mal festzurre, zucke ich kurz zusammen und halte mir die Hand. Ich gucke mich um. Puh! Das hat zum Glück keiner gesehen. Ich reiße mich zusammen und versuche den Augenblick zu genießen – in vollen Zügen. Ich ziehe meine Motorradklamotten an, meinen Helm, meine Handschuhe. An ihnen klebt der Staub von 11 Ländern und über 35.000 Kilometern. Ich verabschiede mich ein letztes Mal von dem unheimlich coolen Pförtner, vom dem ich nicht ein Wort verstanden habe. Ich sehe, dass ich ihm damit eine große Freunde mache. Der Truppe hinter mir winke ich nochmal zu. Und dann drehe ich den Zündschlüssel rum. Boah! Wie geil! Mir kommen fast die Tränen, so dermaßen freue ich mich gerade. Ich fahre durch das große Tor in Richtung Hauptstraße. Und hier warten sie schon wieder auf mich: die Rikshas, die Eselskarren, Kleinlaster und die Mopeds mit Fahrern ohne Helm. Ich halte ein letztes Mal und schalte meinen MP3-Player an. Und da ist er auch schon: Tom Morello, der diesen einen Song nur für mich geschrieben hat.

Mein nächstes Ziel: Ich will zurück nach Pakistan.

Ich kann ihn riechen, so nah steht er nun vor mir. Unweigerlich muss ich an die Kernseife meiner Oma denken. Seine tief braunen Augen schauen abschätzig tief in meine, die fast starr vor Angst sind. In seiner Hand hält er ein Handy. Mit wem er spricht, weiß ich nicht. Ich versuche gelassen zu wirken, doch ich schaffe es nur wenige Augenblicke seinem Blick standzuhalten und versuche so schnell wie möglich mein Motorrad startklar zu machen. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper. Verdammt! Wo habe ich diesen scheiß Schlüssel? In mir steigt Panik auf.

 

 

Es waren nur wenige Meter von dem Geldautomaten in dem kleinen pakistanischen Ort am Rande des Karakorum-Highway, bis zu meinem Motorrad. Doch schon beim Öffnen der Tür stand er vor meinem Motorrad und telefonierte. Von dem, was er jetzt in sein Handy spricht verstehe ich nichts, nur Wortfetzen wie: german, motorcycle, blond und beard.

Unter seiner enganliegenden, verschlissenen Militärjacke ist deutlich die Silhouette einer Pistole in einem Holster zu erkennen. Er scheint die Person am anderen Ende nur schwer zu verstehen und wird deutlich lauter. Es ist heiß. Mir läuft der Schweiß am ganzen Körper herunter.

Er beginnt sich ständig umzusehen und schaut mit einem Mal nicht mehr nur mich und mein Motorrad an. Um uns herum haben sich mittlerweile rund dreißig Menschen versammelt. Alte, langbärtige Männer in den landesüblichen langen Leinengewändern, die nur starr dreinblicken, und kleine Kinder, die mich abwertend anstarren und, zaghaft aber zielsicher, Dreck in meine Richtung werfen. Er steht immer noch so dicht neben mir, dass ich es kaum schaffe, mein Bein über den Sitz zu schwingen. Noch immer begutachtet er mich und telefoniert. Nun allerdings deutlich schneller als zuvor. Für einen Moment habe ich den Eindruck, als würde er das Gespräch schnell beenden wollen. Als ich endlich meinen Schlüssel ins Zündschloss stecke, merke ich, dass sich mein Beobachter, wie auch alle Herumstehenden, plötzlich von mir abwenden – fast ein wenig fluchtartig. Nur wenige Sekunden später kommt ein Jeep, besetzt mit Polizisten, neben mir zum stehen. Der aufgewirbelte Staub lässt mich einen kurzen Augenblick nichts sehen. Ich sehe und höre das Entsichern und Durchladen mehrere Maschinengewehre. Während der Fahrer des Wagens in ein Funkgerät spricht, steigt der Beifahrer aus und tritt dicht an mich heran. Vollkommen ruhig aber bestimmend sagt er in kaum verständlichem Englisch: Fahren Sie bitte los! Sofort! Folgen Sie uns so lange, bis wir anhalten.“

Fünf Tage zuvor. Es ist früher Nachmittag, als ich mit meinem irischen Reisegefährten Fergal über die die chinesisch-pakistanische Grenze fahre. Er in seinem fetten Jeep, ich auf meiner BMW. Bis zur ersten Kontrolle am Kunjirap-Pass sind es nur noch wenige Kilometer. Wir haben Kaiserwetter – perfekt zum Moppedfahren. Die Sonne scheint, wir haben 13 Grad und es geht ein leichter Wind. Die Kurven werden immer enger und am Horizont zeigen sich die ersten schneeverschneiten Berge des Karakorum Gebirges, auf dessen gleichnamigem Highway wir gerade dahinrollen. Mit dem Hindukusch im Rücken fahren wir Meter für Meter bergauf. Schon von weitem ist der große Betonbogen zu sehen, der einen der höchsten Straßenpässe der Welt markiert und den ich von etlichen Bilder kenne. Was ein geiles Gefühl!

Doch schon als wir ihn durchfahren, erkenne ich am Ende seines Plateaus zwei pakistanische Soldaten, die uns schon von Weitem auffordern anzuhalten. Voller Anspannung und all den, auch teils negativen, Bildern über Pakistan in meinem Kopf, halte ich an und blicke in die frischpolierten Fliegerbrillen der beiden Grenzsoldaten. Nach einem zögerlichen „Salam aleikum“ fange ich sofort an etwas nervös, wie schon aus China und anderen Länder gewohnt, den hoffentlich richtigen meiner drei Reisepässe aus dem wasserdichten Beutel zu fingern. Verdammt, warum habe ich mich nicht vorbereitet? Als ich ihn habe, steige ich unverzüglich ab, da ich fest davon ausgehe, meine Koffer öffnen zu müssen oder dergleichen. Mit etwas Abstand strecke ich meinen Pass den Beiden Soldaten entgegen. Scheinbar etwas verwundert über meine schnelle Handhabe der ganzen Situation nimmt ihn einer der Beiden entgegen, während sein Kollege an mich herantritt und mich einfach mal fest umarmt.

„Aleikum Salam und herzlich willkommen in Pakistan. Ich hoffe Sie hatten einen gute Reise“, entgegnet er mir freudestrahlend, als er mich wieder loslässt. „Wie geht es Ihnen?“, fragt er noch. Ich bin sprachlos und so überrascht, dass ich ohne ihm zu antworten, anfangen muss erleichtert zu lächeln. „Ich sehe, es geht Ihnen gut. Wohin möchten Sie hin in Pakistan?“

Fergal und ich können es noch immer kaum glauben, was wir da gerade erlebt haben. Mit so viel Freundlichkeit und Offenheit haben wir einfach nicht gerechnet. Nicht wenn man bedenkt, dass wir gerade erst China und seine Beamten hinter uns gebracht haben. Nach rund einer viertel Stunde, in der von uns Fotos gemacht und unsere geplante Route protokolliert wird, befinden wir uns bereits wieder auf der Straße. Und: Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus. Gigantische Berge mit weißen Spitzen ragen links und rechts der altehrwürdigen Seidenstraße in den klaren Himmel, soweit das Auge reicht. Unter meinem Helm kann ich meine Freunde kaum unterdrücken. Wir haben das atemberaubende Hunza erreicht. Scheiße, ist das geil!

Im Hinterkopf habe ich allerdings das, was uns einer der Soldaten bereits angekündigt hat. Wir werden auf unserer Fahrt von Pakistans Norden in den Süden, ab einem gewissen Punkt, ständig von der Polizei eskortiert werden. Eine Sicherheitsmaßnahme die nach der Ermordung von elf Bergsteigern durch Taliban am nahegelegenen Nanga Parbat im Sommer 2013 wieder eingeführt wurde. Wir sind extrem spät dran, doch auch den rund dreißig Kilometer entfernten Zoll, bei dem ich zum ersten Mal auf meiner Reise mein Carnet de Passages nutzen muss, packen wir noch. Auch dank der Hilfe der wegen uns Überstunden schiebenden Zollbeamten, die mich mit ihrer Nettigkeit erneut ins Staunen versetzen. Die erste Nacht verbringen wir in Karimabad, einem kleinen Ort unweit des Highways. Das Hotel gehört dem Onkel von Nazim, dem ich auf ewig dankbar sein werde, dass er mir bei der Beschaffung meines pakistanischen Visums behilflich war. Oder besser gesagt: Er hat es erst möglich gemacht, dass ich mit meinem Motorrad in diesem Land einreisen konnte. Er in den USA und ich in der Mongolei – tagelang hat er für mich und zusammen mit mir via Skype und in E-Mails bürokratische Hürden überwunden und nach einer Möglichkeit gesucht, mich in sein Land zu bringen.

Wahrscheinlich werde ich ihn niemals in meinem Leben persönlich treffen oder mich gar erkenntlich zeigen können. Als ich ihm das zum Schluss gesagt habe, hat er nur gelacht und mir eine schöne Reise gewünscht.

Immer noch vollkommen fertig von der langen Fahrt, stehe ich am nächsten Morgen bereits um halb sechs auf. Ich kann einfach nicht anders. Was ein schönes Fleckchen Erde! Mit einem extrem beschissenen Kaffe blicke ich über eine Stunde erneut auf das gigantische Gebirge, dessen Gipfel von der Sonne langsam zum Glühen gebracht werden. Ganz im Gegensatz zu den Lampen in unserem Hotel, die, wie so viele in Pakistan, für viele Stunden am Tag nicht glühen. Der Grund dafür ist das vollkommen desolate Stromnetz, dieses von starken wirtschaftlichen Krisen gebeutelten Landes. Ein Problem, dessen sich bislang kein politisches Oberhaupt ernsthaft angenommen hat, auch wenn es in nahezu jedem Wahlprogramm als großes Versprechen auftaucht. So genießen wir die kalte Dusche, den Abend bei Kerzenschein, das hervorragende pakistanische Essen und versuchen uns auf die uns nun erwartenden Gegebenheiten einzustellen. Das heißt: Geld abheben, erfolglos versuchen eine SIM-Karte fürs Handy zu kaufen, erste „Es geht mir gut“-E-Mails schreiben und die Route für die nächsten Tage planen.

Doch es liegt etwas in der Luft. Etwas, was viele Reisende kennen und auch ich schon auf meinen Reisen mehrfach erlebt habe. Das heißt konkret: So langsam aber sicher spüren Irland und Deutschland, dass eine Trennung ansteht. Im Gegensatz zu Fergal verspüre ich nämlich das Bedürfnis diesen Ort noch ein wenig zu genießen. Ich kann hier nicht einfach so weg. Er hingegen möchte so schnell wie es eben geht weiter, nach Möglichkeit mit einem persönlichen Guide, um nicht das geringste Risiko einzugehen. Obendrein hängen ihm die ganzen Halbmarathons im Nacken, die im Rahmen seines Projekts noch ausstehen. Und so kommt es, wie es kommen muss. Nach dem Frühstück am zweiten Tag verabschieden wir uns – nachdem wir uns mehrfach in den Arm genommen haben. Was ein cooler Typ! Mit dem ich auch eine echt gute Zeit hatte. „But things change. You know?!“, fügt er noch mal an. Ein Insider, den wir unserem extrem faulen Guide in China zu verdanken haben, der uns keine Sehenswürdigkeiten zeigen konnte, da sich die Straßen und Wege dort hin so schnell ändern würden, dass niemand sie überblicken und spontan befahren könne. Wir müssen nochmal herzlich zusammen lachen. Obendrein versprechen wir uns in Kontakt zu bleiben und nach einer Möglichkeit Ausschau zu halten, uns vielleicht in Indien wiederzusehen. Ich bleibe noch zwei weitere Tage in Hunza, bevor ich mich auf den Weg in Richtung Islamabad aufmache. Und mit jedem Kilometer, den ich zurücklege bereue ich es, hierhin wahrscheinlich so schnell nicht mehr zurückzukommen.

Es ist Herbst, und das Wetter wieder eimal so schön, wie all die Täler, Flusspassagen und Berge, die in unendlich vielen Farben vor und neben mir auftauchen und so schnell wechseln, dass ich kaum Zeit habe, alles mit der Kamera festzuhalten.

Ich träume ein wenig vor mich hin – mit My Sleeping Karma in den Ohren und der Hand locker am Gas. Zumindest solange bis ich die erste Polizeistation erreiche, die mir auch von dem unheimlich netten Hotelbesitzer angekündigt wurde. Hier werde ich freundlich aber bestimmend aufgefordert in ein dickes, altes Buch, so wie bereits hunderte Ausländer vor mir auch, meine Daten einzutragen. Um genau zu sein: meinen Namen, die Nummern meines Passes und des Visums, mein nächstes Reiseziel, sowie mein Kennzeichen. Auf meine Nachfrage wird mir, übereinstimmend mit meiner Recherche in Internetforen und auf den Seiten des Auswärtigen Amtes, versichert, das meine Route schon seit einigen Jahren sicher ist, beziehungsweise dass es hier in der Vergangenheit zu keinen Entführungen kam. Zumindest zu keinen, die öffentlich bekannt wurden, denke ich mir. Denn auch davon hatte ich gehört und gelesen, diese Infos aber sofort wieder verdrängt. Dennoch: Diese Sicherheitsmaßnahme des Registrierens gibt es, um im Fall des Falles sehr schnell handeln und eingrenzen zu können, wo und wann ich zuletzt gesehen wurde. Natürlich wird auch mein Pass kontrolliert und mein Motorrad kurz inspiziert, wobei Letzteres der Neugier der Uniformierten geschuldet ist. Im Anschluss an die Prozedur werde ich höflich gebeten, doch bitte solange zu warten, bis sich drei Beamte der örtlichen Polizei in einen Jeep gesetzt haben, um mich auf meinen nächsten Kilometern zu eskortieren. Und so kommt es dann auch: Zwei Uniformierte vorne und einer auf der Ladefläche mit einer AK 47 im Anschlag. Puh! Ich kann´s nicht anderes sagen. Es ist schon ein komisches Gefühl, was sich da in mir breit macht, wenn so viel Höflichkeit zeitgleich mit dem Sturmgewehr daher kommt, das bis heute weltweit abertausende Menschen den Tod beschert hat. Aber das gehört nun mal dazu, wenn man so wie ich durch dieses Land reist.

Ich bin ein wenig verdutzt, als ich zusammen mit meiner Eskorte bereits nach fünfzehn Kilometern die nächste Station erreiche, an der mich dasselbe erwartet wie vor einer halben Stunde, nur mit dem Unterschied, dass sich die Beteiligten ändern. Eintragen meiner Daten, Passkontrolle, der kurze Plausch über mein Motorrad und mich und dann das Weiterfahren unter polizeilichem Begleitschutz. Mein Ziel des Tages ist Chillas, das ich leider sehr spät erreiche. Nicht zuletzt deswegen, da sich das Gefährt der kommenden Eskorten in einem Fall auf eine 80ccm Maschine beschränkt, die mit der Zwei-Mann-Besatzung und den Bergen vor den Reifen stellenweise nicht schneller als 45 km/hm vorwärts kommt. Wer da wen wie beschützen will, erschließt sich mir nicht ganz, aber nun denn. Ich brauche dringend eine Unterkunft, bevor es vollkommen dunkel ist. Vor allem eine, die ich mit meiner VISA-Karte bezahlen kann. Die letzten Automaten im Norden Pakistans haben keine meiner Karten angenommen, so dass ich so gut wie kein Bargeld mehr in der Tasche habe – bis auf ein paar amerikanische Dollar, die ich immer für den Notfall dabei habe. Eine Übernachtung sollte noch drin sein, doch dann weiß ich nicht, wie ich morgen meinem Tank füllen soll, was hier nur per Vorkasse und mit Bargeld geht.

Schneller als ich reagieren kann, verabschiedet sich meine Polizeieskorte von mir mit einem kurzen Winken und lässt mich allein vor den Toren der kleinen Stadt stehen. Blitschnell sind sie weg. Häh? Warum? Mist! Wohin soll ich jetzt? Leider habe ich es auch mal vollkommen verpennt, irgendeine Unterkunft vorzubuchen oder mich nach einer zu erkundigen. Ich bin so schlecht vorbereitet wie nie und ich spüre innerlich, dass ich das jetzt bereuen werden. Ohne Plan fahre ich also in die Stadt, vorbei an unzähligen kleinen Holzverschlägen und Hütten, die aus rostigem Wellblech und alten Holzbrettern zusammengezimmert sind. Kühe und Hühner suchen auf Müllhalden nach irgendetwas Essbaren. Kurz darauf sehe ich ein Kind, das in einem Autowrack seine Notdurft zu verrichten scheint. Überall am Straßenrand wird der Abfall des Tages verbrannt. Der Gestank von Plastik und Abgasen liegt in der Luft. Langsam wird es dunkel. Die kleinen Feuer zeigen die teils verschmutzen Gesichter und Hände, derer die sich daran wärmen.

All die vielen Augen, die mich anstarren, machen mir unmissverständlich klar, dass es scheinbar nicht so oft vorkommt, dass jemand wie ich hier vorbeikommt.

Ich halte an und versuche mich durchzufragen. Doch ich muss feststellen, dass mich hier niemand versteht oder verstehen will. Mir werden diese Art von Blicken zugeworfen, die einem deutlich machen, dass man hier als unendlich reicher Weißer nichts verloren hat und unerwünscht ist. Oder bilde ich mir das ein? Als ich ein weiteres Mal anhalte ein Hotel für die Nacht zu finden, werde ich sofort von rund einem dutzend Männern umringt, die wild in irgendwelche Richtungen zeigen und mir Fragen stellen, die ich nicht verstehe. Mein Handy hat hier keinen Empfang und auch mein Navi zeigt keine Übernachtungsmöglichkeit an. Mit einem Mal merke ich, dass ich mittlerweile vollkommen übermüdet bin. Ich fühle mich alles andere als wohl in meiner Haut.

Und dann auf einmal, sehe ich das große, recht neue Schild das ein Hotel ausweist. Jawohl! Auf der Suche nach Schutz fahre ich zügig in die Hofeinfahrt, die nur mit einer flackernden Glühbirne beleuchtet ist. Voller Anspannung blicke ich mich um und erkenne mehrere kaputte Autos, die hier abgestellt wurden. Im ganzen Ort scheint der Strom ausgefallen zu sein und so ist nicht ein Fenster des Hotels beleuchtet. Was eine Scheiße! Ein älterer Mann in traditioneller pakistanischen Kleidung steht plötzlich neben mir und betrachtet mich von oben bis unten. Mit seiner Taschenlampe gibt er mir zu verstehen, dass er hier der Wachmann zu sein scheint und dass ich doch in die einzige freie Parkbucht fahren soll. Die Einfahrt hat sich mittlerweile mit Neugierigen gefüllt, die allerdings etwas zögerlich hinter dem Angestellten zurückbleiben. Was habe ich für eine Wahl? Noch bevor ich die Kupplung kommen lass und ein paar Meter nach vorne rolle, sehe ich wie ein freundlich dreinschauender Mann aus der Dunkelheit aus dem eigentlichen Eingang des Hotels auf mich zu kommt. „Good evening Mr. You search for a hotel? Please park your bike. You are more than welcome.“

Puh! Deutlich erleichtert, jemanden zu hören der English spricht und scheinbar an einem sicheren Ort angekommen zu sein, setzte ich meinen Helm hab und versuche sicher aufzutreten. Was mir all die Herumstehenden, die mittlerweile sehr nah an mich herangetreten sind, nicht unbedingt leichter machen. Einige von Ihnen reden auf mich ein, andere schauend fragend oder aber gucken mich einfach nur an. Doch mein erster Eindruck bestätigt sich. Der Chef des Hauses scheint auf Reisende eingestellt zu sein. Er gibt mir in dem ganzen Durcheinander zu verstehen, dass er nahezu ausgebucht ist und nur noch ein Zimmer frei hat – in der untersten Kategorie. Was nach einer kurzen Inspektion, die ich so kurz wie möglich halte, da ich mein Motorrad hier eigentlich nicht eine Sekunde unbeaufsichtigt lassen möchte, bedeutet, dass das Bad mit einem Loch im Boden als Toilette schätzungsweise seit dem Spätsommer 1983 nicht mehr sauber gemacht wurde, ich mir das Zimmer eventuell mit jemandem teilen muss und die schon einmal aufgebrochene Tür nicht mehr abschließbar ist. Die Matratze ist so verdreckt und durchgelegen, dass ich sie keinem Hund anbieten würde. Oh ha! Ich versuche ruhig zu bleiben und mich auf die Situation, in der ich da gerade stecke, einzulassen. Es hilft ja nichts.

Von einem jungen Kerl, der scheinbar ebenfalls ein wenig Englisch kann, möchte ich wissen, ob es noch andere Übernachtungsmöglichkeiten hier gibt oder ob er mir sagen kann, wo ich die nächste Polizeistation finde. Doch er kann mir nicht helfen. Ich schaue mich um und merke, dass immer mehr Leute in den Innenhof kommen, die die Nachricht über meine Ankunft scheinbar sehr schnell erfahren haben. Doch niemand ist unfreundlich oder gibt mir das Gefühl unerwünscht zu sein. Ganz im Gegenteil. Ständig werde ich gebeten mich doch bitte hinzusetzen und einen Tee zu trinken. Beides Dinge, die ich jetzt unmöglich kann. Handy oder gar Internetempfang – immer noch totale Fehlanzeige. Ich wende mich wieder an den Chef des Hauses, der permanent telefoniert. Auf die Frage, ob ich meine Übernachtung mit einer Karte bezahlen kann, bekomme ich ein energisches Nein, das obendrein plötzlich gar nicht mehr so freundlich wirkt. Verdammt! Mittlerweile ist es stockfinster und kalt geworden. Was soll ich tun? Wo soll ich hin? Ach wenn es genau hier vielleicht besonders störend ist, möchte ich an dieser Stelle den von mir geplanten Film erwähnen – der hoffentlich nach meiner Heimkehr entstehen wird. Was in dieser schwierigen Situation passierte, werde ich versuchen in diesem zu erzählen.

Am nächsten Nachmittag. Vor mir fährt die mittlerweile zehnte oder elfte Polizeieskorte. Dieses Mal ausnahmsweise nur ein Polizist, dafür ist dieser schwerer bewaffnet als sonst.

Direkt neben ihm liegt eine Schrottflinte, die er mir noch vor der Abfahrt stolz präsentiert hat. Ich kann immer noch nicht so recht begreifen, was ich in den letzten Stunden erlebt habe. Ich bin so gerührt, dass mir unter meinem Helm eine kleinen Träne die Wagen herunterollt, vor Freude darüber, einen ganz besonderen Menschen kennengelernt zu haben. Von der angenehmen herbstlichen Kühle ist nichts übrig geblieben. Mit jedem Kilometer Richtung Süden, wird es deutlich heißer. Sobald wir langsamer werden, um auf den schmalen Passstraßen die tiefen Schlaglöcher zu umfahren, fange ich an höllisch zu schwitzen. Junge, Junge! Ich muss nach über zwei Monaten meine Motorradklamotten mal wieder waschen. Wir kommen nur langsam voran, weil wir auf den schmalen Passstraßen Unmengen von Schlaglöchern umfahren müssen. Der Staub der Straße ist dicht, dass ich zwischendurch mein Visir mit dem kostbaren Mineralwasser sauber machen muss. Mein Tank ist voll und sollte bis nach Islamabad reichen. Doch noch immer funktioniert meine Kreditkarte nicht, ebenso wenig wie mein SIM-Karte, die ich gekauft habe. Beides Dinge, die man so nicht braucht, wenn man allein in Pakistan unterwegs ist. Doch ich kann es nicht ändern. Und das nervt mich tierisch!

Kurz nach einem kleinem Ort gibt mir mein Aufpasser zu verstehen, dass ich doch bitte hier warten soll – auf seine Kollegen der benachbarten Polizeidirektion, meine nächste Eskorte. Scheinbar scheint etwas schief gelaufen zu sein in der Kommunikation, was bedeutet, dass die sie sich ein wenig verspäten werden. Und so stehe ich plötzlich allein am Rand des Karakorum-Highways und warte, dass es weiter geht. Zehn Minuten, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde. Ständig schaue ich auf die Uhr und denke daran, wie schnell es hier dunkel wird und dass ich doch ganz gerne das von mir angedachte Hotel erreichen möchte, bevor es dunkel ist. Mein Gefühl sagt, mir, dass es besser ist, zu warten. Doch was ist, wenn es dunkel wird und Du wieder irgendwo rumirrst? Was dann? Weit und breit ist keine Polizeieskorte zu sehen, und so entscheide ich mich schließlich, allein weiterzufahren. Eben bis zur nächsten Eskorte beziehungsweise Polizeistation. So weit wird das schon nicht sein.

Nach rund zehn Minuten erreiche ich einen kleinen Ort, in dem ich einen ATM-Automaten entdecke, von einer Bank, von der ich gelesen hatte, dass hier Geld abheben ohne Probleme möglich sein sollte. Also links ran und nichts wie rein da. Leider scheint dieser Automat grundsätzlich nicht zu funktionieren. Zumindest soll mir diese ein handbeschriebener Zettel, der auf den Monitor geklebt wurde, zu verstehen geben. Als ich wieder auf die Straße trete, sehe ich einen Mann direkt neben meinem Motorrad stehen. Es scheint so, als telefoniere er mit seinem Handy bereits seit dem ich die Bank betreten habe, ständig den Blick in meine Richtung gerichtet. Ich versuche unerschrocken zu wirken und gehe lässig auf ihn zu, in der Hoffnung, dass er, wie viele hier in einer solchen Situation, auf Abstand geht. Doch mit jedem Meter den ich auf ihn zugehen, begreife ich, dass dies nicht geschehen wird.

Was folgt, ist ein Moment in meinem Leben, in dem ich große Angst habe und den ich vielleicht nur mit Hilfe von oben unbeschadet überstanden habe. Zumindest habe ich dieses Gefühl bis heute.

„Warum haben Sie nicht auf uns gewartet? Das war dumm. Sie können hier in verdammt große Schwierigkeiten geraten“, scheißt mich der scheinbar ranghöchste Polizist zusammen, nachdem wir am nächsten Kontrollposten angehalten haben. „Wir bitten Sie heute nicht mehr weiterzufahren, sondern da vorn im Hotel zu übernachten. Einer unserer Wachposten wartet dort bereits auf Sie“, fügt er noch etwas ärgerlich hinzu. Ohne mich auf irgendeine Diskussion einzulassen, nicke ich etwas demütig und mache mich auf den Weg zum Hotel – zu meiner Bleibe, die einer Festung gleicht. Mit mir übernachten hier einige Mitarbeiter eines staatlichen Wasserbauprojekts, das hier 100 km vor der Hauptstadt am Rand der Karakorum-Highways scheinbar gerade gestartet wird. Dementsprechend lungern bestimmt rund ein Dutzend Polizisten und Securityleute in der Lobby herum und kauen gelangweilt auf ihren Kaugummis. Nach ein paar Skypegesprächen und einer notdürftigen Wäsche meiner Unterwäsche im Waschbecken, liege ich noch lange wach und denke darüber nach, in welcher Situation ich mich heute befand. Und wie haarscharf ich vielleicht tatsächlich in „große Schwierigkeiten“ geraten wäre. Eine Entführung? Ein Raubüberfall? Ich habe keine Ahnung, möchte mir aber auch sämtliche Szenerien nicht wirklich vorstellen. Ich bin ganz schön aufgewühlt. Das einzig Gute daran: Mir wird wieder einmal klar, wie angreifbar man allein auf einem Motorrad doch ist. Und dass ich noch mehr auf mein Gefühl hören muss, auch wenn alles um mich herum dagegen spricht und der Kopf einem wieder mal irgendeinen Mist vorplappert. Puh! Gar nicht so leicht.

In Islamabad verbringe ich nur drei Tage, nicht zuletzt, um zusammen mit Elyas, einem ziemlich netten Typen, den ich in Hunza kennengelernt habe, eine Verlängerung meines Visums anzugehen – was in Pakistan einem Papierkrieg mit apokalyptischen Ausmaßen gleicht. Im Zentrum der bürokratischen Hölle: das Pakistanische Innenministerium, das mir einen Nachmittag meines Lebens raubt. Leider muss ich hier in der Hauptstadt obendrein in einem vollkommen überteuerten Hotel übernachten. Der Grund: Viele kleine Hotels und Hostels lassen Individualreisende wie mich nicht so ohne weiteres bei sich übernachten. Sie möchten jegliche Form von Polizeipräsenz, was ein Besuch meinerseits vielleicht mit sich bringen würde, vermeiden, um keine einheimischen Gäste abzuschrecken. Zwar bekomme ich einen etwas vergünstigten Preis, da ich von einem netten Kerl, den ich in einem Hotel am Rand des Karakorum-Highways kennengelernt habe, über einen Kumpel und dessen Schwippschwager dritten Grades den Kontakt zum Sicherheitschef des Hotels bekommen habe. Dennoch muss ich 50 Euro pro Nacht berappen, was einfach mal viel zu viel für meine Reisekasse ist. Ganz generell merke ich wieder einmal, dass ich mit dem von mir angedachten Gesamtbudget für meine Weltumrundung nicht auskommen werde. In den vergangen Monaten gab es einfach viel zu viele kleine und größere Finanzposten, die ich nicht vorausgesehen habe oder aber es einfach auch nicht konnte. Von spontan eingeführten Wegzöllen, über überteuerte Ersatzteile, bis hin zu korrupten russischen Beamten, die mir so dreist das Geld aus der Tasche gezogen haben, dass ich mich auch jetzt noch – viele Wochen später – darüber aufregen kann. Die blöden Kanisterköppe!

Wir haben mittlerweile Mitte Oktober. Ich bin früh morgens aufgebrochen. Bis nach Lahore im äußersten Osten von Pakistan ist es nun nicht mehr weit. Hier hält man Polizeieskorten nicht mehr für notwendig. Warum auch immer?! Dementsprechend komme ich gut voran und kann auf der gut ausgebauten Grand-Truck-Road ordentlich Gas geben. Ich bin gut gelaunt und voller Anspannung. Wenn man monatelang nur Kontakt via E-Mail und Sykpe hatte, ist man einfach extrem neugierig , wie das Gegenüber wohl im realen Leben so sein wird. Noch zwei Tage zuvor hatte ich von Muhammad eine nette Nachricht bekommen, in der er nachfragte, wo ich denn nun sei, wann ich denn komme und ob es in Ordnung ist, wenn er ein Hotel für mich sucht. Und genauso zuvorkommend und höflich ist dann auch am späten Nachmittag der Empfang vom Vorsitzenden des größten pakistanischen Motorradclubs, der weltweit unter Bikern bekannt ist. Ob ich möchte oder nicht, meine Zeit hier ist von vornherein verplant – mit großartigen pakistanischem Mahlzeiten, dem Kennerlernen sämtlicher Mitglieder, tollen Gesprächen über Motorräder und meine Reise sowie coolen Besichtigungstouren durch diese chaotische aber zum Teil wunderschöne Stadt.

Nach zwei Tagen bekommen ich sogar die Möglichkeit umzuziehen und privat bei einem der pakistanischen Biker zu übernachten. Umso befremdlicher der Alltag in einem muslimische Haushalt, in dem man als Fremder beispielsweise die Frau des Hauses in der Regel nicht zu Gesicht bekommt, auch ist, um so eindrücklicher ist die Erinnerung über die tiefe Gastfreundschaft und Offenheit, die diese Menschen scheinbar schon in die Wiege gelegt bekommen. Die Tage vergehen schnell – leider zu schnell. Mir fällt es schwer mich wieder auf den Weg zu machen und Pakistan hinter mir zu lassen. Dieses Land, das so eine so tolle Landschaft, viele kulturelle Extreme, negative Erlebnisse und wunderbare Menschen für mich bereit hielt. Doch ich komme wieder. Zumindest ist das der Plan, wenn ich auf meine geplante Route schaue die mich gegen Ende des Jahres wieder zurück nach Deutschland führen soll. Doch bevor es soweit ist, schaue ich Richtung Süden – nach Indien, dem nächsten Ziel meiner Reise um die Welt.

Erst als ich das zweite Mal nachfrage, bekomme ich eine Antwort von unserem chinesischen Guide. „In den Kartons sind kleine Mitbringsel für die letzte Polizeistation, die wir später passieren müssen. Die machen es mir einfacher, Euch wieder aus diesem Land zu bringen“, erklärt er etwas widerwillig und scheint es auch eine Sekunde später bereits zu bereuen. Nachdem, was ich in den letzten Tagen hier in China erlebt habe, wundert mich das allerdings kein bisschen. Während meine irische Reisebegleitung unseren sonst eher weniger kompetenten Aufpasser mal wieder ein wenig aufzieht, ziehe ich mich ein wenig wärmer an. Trotz strahlender Sonne ist es nur sieben Grad über Null. Wir stehen am Rand des Karakorum-Highways, vor uns glitzert ein türkisgrüner See, und zwei von uns hoffen morgen an der pakistanischen Grenze zu sein.

 

 

Gut zwei Wochen vorher in Tadschikistan. Es wird langsam dunkel und meine Karte verrät mir, dass ich mittlerweile wieder auf 3500 Meter sein müsste. Der Wind ist so kalt, dass die Finger bereits anfangen weh zu tun. Und: Mein Tank ist fast leer! An der letzten Tankstelle hat man mir kein Benzin verkauft. Stattdessen hagelte es wüste Beschimpfungen auf Tadschikisch und eindeutige Gesten mich schnell wieder vom Acker zu machen. Meinem australischen Reisekumpel Beau hatte ich am Morgen auch noch zwei drei Liter aus meinem Tank spendiert, die fehlen jetzt natürlich auch. Obendrein habe ich die Distanz zurück zur kirgisischen Grenze ein wenig unterschätzt. Und das obwohl ich die Strecke doch schon mal gefahren bin. Verdammter Mist! Hoffentlich reicht das noch bis zur nächsten Tanke. Doch das sehe ich morgen, erstmal muss ich von der Straße runter und mein Zelt aufbauen. Aber wo? Bereits seit einigen Kilometern habe ich auf meiner rechten Seite einen bestimmt drei Meter hohen Grenzzaun. Zu meiner Linken geht es steil bergab. Weit und breit ist niemand zu sehen. Ich komme mir vor wie auf dem Mars, nur dass der mittlerweile eine ausgefahrene Teerstraße besitzt. Als ich schließlich doch einen schmalen Pfad in ein kleines Tal finde, zeigt mein Thermometer minus vier Grad Celsius. Mittlerweile ist der Wind so stark, dass ich es kaum schaffe mein Zelt aufzustellen und es zu allen Seiten abzuspannen. Zu allem Überfluss wird es ziemlich schnell dunkel.

Ich kann keine Minute länger draußen verbringen. Meine Motorradklamotten sind so steif wie meine Knochen. Mir fällt es schwer sie auszuziehen. Ich spüre meine Fingerspitzen nicht mehr. Als ich endlich die zweite Lage Thermounterwäsche angezogen habe, zittere ich bereits am ganzen Körper.

Und so dauert es bestimmt eine Stunde, bis ich im Schlafsack einigermaßen aufgetaut und schließlich eingeschlafen bin. Als ich aufwache, ist es noch stockdunkel. Ein Blick auf mein mittlerweile vollkommen verschrammtes Handy verrät mir, dass wir fünf Uhr haben. Doch es hilft nichts – ich muss raus in die Kälte und weiterfahren. Wer weiß, welche langwierige Tortur mich wieder an der Grenze erwartet. Und ausserdem möchte heute noch das Hostel von Stanislav in Osh erreichen, in dem ich bereits auf dem Hinweg eine tolle Übernachtung hatte und wo ich meine Weiterfahrt nach China vorbereiten möchte. Ich ziehe noch im Zelt meine Motorradklamotten an, die ich durch meine Körperwärme im Zelt scheinbar einigermaßen aufgetaut habe. Draußen hingegen ist alles gefroren. Auch die Feuchttücher, die ich eigentlich immer als Toilettenpapier benutze. Ich Idiot! Das hätte ich auch vorher wissen können. Fest steht: Ich muss dringend die Trockenfrüchte und die Dose Fisch von gestern loswerden. Und es wird für immer mein Geheimnis bleiben wird, wie ich diese Situation gelöst habe, ohne Kleidungsstücke oder ähnliches zu missbrauchen.

Der Grenzübertritt von Tadschikistan nach Kirgistan ist erstaunlich einfach und geht entsprechend schnell. Und siehe da: Dieses Mal ganz ohne Geld, das man für irgendwelche „ganz neuen“ Umweltabgaben zu zahlen hat, zu denen es leider noch kein Erklärblatt auf Englisch gibt. Hinter mir verschwindet die Silhouette des gigantischen und wunderschönen Pamir-Gebirges, das ich in jedem Fall noch ein weiteres Mal in meinem Leben bereisen möchte – mit jemandem, den ich Tag für Tag vermisse. Und siehe da: Viel zügiger als gedacht befinde ich mich wieder auf der gut ausgebauten Straße in Richtung der rettenden Tankstelle, die ich so eben mit dem letzten Liter Sprit im Tank noch erreiche. Und dann? Dann genieße ich es mal wieder richtig Mopped zu fahren. Ohne auf jemanden warten zu müssen oder auch nur einen Gedanken an die Spritkosten zu vergeuden, gebe ich einfach mal wieder Gas und lasse mich treiben. Drei Stunden über kleine Pässe, durch enge Kurven und Baumaleen, vorbei an wunderschönen Landschaften, vielen Kindern, die einem am Straßenrand zuwinken und einer Polizeistreife, deren Kelle ich wild wedelnd nur noch im Rückspiegel sehe.

Als ich in Osh ankomme, erwartet mich Stanislav und seine reizende kleine Familie bereits. Und eine heiße Dusche. Was ein Luxus, den man erst so richtig zu schätzen weiß, wenn man sich tagelang den Arsch abgefroren hat. Doch leider ist nicht alles so rosig wie ich es gerne hätte. Noch immer habe ich mein Pakistan-Visum nicht, das ich dringend benötige um in vier Tagen in China einzureisen. Dort möchte man nämlich wissen, dass ich auf der anderen Seite auch wieder rausfahre. Das Problem: Mein dritter Reisepass, den ich mir mit Hängen und Würgen noch kurz vor meiner Abreise besorgen konnte, hängt bei der Iranischen Botschaft in Berlin. Diese will mir zu diesem Zeitpunkt noch kein Visum ausstellen und obendrein auch meinen Pass nicht rausrücken, da aktuell irgendwelche islamischen Feiertage Einzug halten und sich niemand zuständig fühlt. Das man es nicht für nötig gehalten hat, meiner Visa-Agentur das mitzuteilen, brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Fest steht: In diesem Pass ist bereits mein Pakistan-Visum, das ich wie gesagt dringend benötige. Was folgt. sind etliche E-Mails mit verschiedensten Leuten und Institutionen sowie zahlreiche Skypegespräche mit meiner Freundin, die einigen Beteiligten gehörig Feuer unterm Hinter macht. Fürs Protokoll:

Wie schon so einige Male während dieser Reise wäre ohne meine Freundin auch diese Nummer mal gehörig in die Hose gegangen.

Um eine lange Geschichte abschließend kurz zu machen: Mit der Hilfe von Patric, einem Schweizer, der hier in Osh seit einigen Jahren Enduro-Touren anbietet, schaffe ich es um Haaresbreite meinen Pass zu bekommen – einen Tag vor meiner geplanten und bereits voll bezahlten Einreise nach China. Freunde von Patric, die ihn und seine Familie hier in Kirgistan besuchen, bringen den Pass schließlich mit. Die Visaagentur in Berlin hat es irgendwie geschafft meine Pass aus der Iranischen Botschaft zu bekommen und ihn anschließend via Overnight-Express nach Zürich zu schicken, wo er dann eine Stunde vor Abflug in Empfang genommen wurde. Puh! Was eine knappe Aktion! Aber: Nochmal alles gut gegangen.

Noch am Abend vor der Abreise trifft dann auch Fergal im Hostel ein, meine irische Reisebegleitung für die kommenden Tage. Ihn hatte ich bereits Wochen zuvor im Internet ausfindig gemacht. Um die Kosten für die vollkommen überteuerte Ein- und Durchreise zu minimieren, werden wir, wie so viele andere China-Reisende vor uns ebenfalls, unsere Reise zusammen antreten. Was ein cooler Typ! Er hat sich in den Kopf gesetzt in 13 Wochen von Dublin nach Delhi zu fahren und in 13 Städten einen Halbmarathon zu laufen. Alles im Rahmen einer Wohltätigkeitsaktion für vernachlässigte Kinder und Jugendliche, die durch den Laufsport wieder zurück ins Leben finden sollen. Mit seinem dicken Mitsubishi-Jeep rollt er am späten Abend in die Hofeinfahrt des Hostels und genehmigt sich so gleich mit Stanislav drei bis acht Wodka und ein paar Zigaretten. Ire halt!

Nach einem deftigen Mittagessen starten wir in Richtung chinesische Grenze – wieder Richtung Süden, von wo ich erst vor einigen Tagen gekommen war. Einen halben Tag Fahrzeit haben wie eingerechnet, um bis vor die Grenze zu kommen, die wir am nächsten Morgen passieren wollen. Als die Sonne untergeht, kommen wir am Rand des Pamier-Gebirges an und genießen den Blick auf die schneeverschneiten Berge. Ich kann mich da einfach nicht dran satt sehen und freue mich sehr, diesen Anblick nochmal genießen zu dürfen. Doch es ist bitter kalt, so dass mir Fergal anbietet, mit in seinem Jeep zu übernachten, den er bislang zumindest für einen Schlafenden bereits genutzt hat. In Gedanken an vergangene Metal- und Pseudo-Hippie-Festivals mache ich es mir so gut es geht in meinem Schlafsack bequem – auf dem umgeklappten Fahrersitz, bei laufendem Motor, mit dem Lenkrad zwischen den Füßen. Junge, Junge! Man ist halt auch nicht mehr der Jüngste! Aber immerhin besser als wieder bei Eiseskälte das Zelt aufbauen.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Was in Verbindung mit meinem frischgebrühten Kaffee, dessen Inhaltsstoffe ich immer versuche in meinem verschrammten Alukoffer zu haben, die unbequeme Nacht schnell vergessen macht. Wir sind spät dran. Also: Klamotten zusammenpacken und los. Eine Stunde später passieren wir den ersten Schlagbaum. Ich bin erstaunt: Das Verlassen Kirgistans ist mit Blick auf das Grenzprozedere relativ einfach, und zugleich wird es ebenfalls von erstaunlich netten Grenzbeamten begleitet. Fast schon unheimlich das Ganze, gerade wenn ich da so an meine Erfahrungen der letzten letzten Monate denke. Doch die Freude wehrt nicht lange. Auf chinesischer Seite sieht das ganze Spiel wieder anders aus. Wobei das uns Beiden eigentlich schon klar war, nachdem was wir unabhängig voneinander im Netz recherchiert hatten. Und so kommen wir erst nach zwei weiteren Passkontrollen und etlichen Fotos, mit allerdings ebenfalls netten Soldaten, überhaupt in die Nähe das riesigen Zollgebäudes, das majestätisch, kommunistisch protzend am Rand eines Bergkamms steht.

Hier lernen wir dann auch ziemlich schnell unseren Guide kennen, der uns in den kommenden Tagen auf Schritt und Tritt begleiten wird. Zumindest sobald wir auch nur Anstalten machen, mit unseren eigenen Fahrzeugen fahren zu wollen. Zwar ist er ganz nett und spricht gut English, doch schnell wird uns klar: Der Typ hat keine Ahnung. Zumindest nicht mehr als notwendig ist, um uns durch die nun anstehende Bürokratie zu schleusen. Kontrolle der Motor- und Fahrgestellnummer, Durchleuchten aller Gepäckstücke, die obligatorische Fragestunde und nochmals zwei Passkontrollen inklusive Abstempeln, lassen den kompletten Nachmittag leider nicht gerade wie im Flug vergehen. Und somit dauert es bis zum frühen Abend, bis wir nach einer sich anschließenden mehrstündigen Fahrt durch eine beeindruckende Felslandschaft und kleine Dörfer ziemlich geschafft in Kashgar ankommen. Und zwar in dem Hotel, in dem wir die nächsten sechs Tage verbringen werden – beziehungsweise verbringen müssen. Leider wird unser Aufenthalt hier so lange dauern, da in den kommenden Tagen mal wieder ein landesweites Festival in China ansteht und in diesen Tagen die Grenzen weitestgehend geschlossen sind.

Wie alle anderen Touristen auch werden auch wir in einem der größeren und teureren Hotels der Stadt untergebracht, welche wiederum permanent von der Polizei überwacht werden – wie alles andere in in diesem riesigen Land auch. So verwundert es uns nicht, dass unsere Pässe eingescannt, mehrfach kopiert und mit den Unterlagen unseres Guides abgeglichen werden. Obendrein folgt, in unserem Beisein, nahezu direkt eine telefonische Anmeldung unserer Personen bei der örtlichen Polizeistation. Was ein Akt! Damit habe ich dann doch nicht gerechnet. Nach über einer Stunde in der Hotellobby, können wir endlich unser Zimmer beziehen, das wir teilen um Geld zu sparen. Nach einem kalten Willkommensbierchen gehen wir direkt ins Bett und schlafen erstmal aus.

Was mich allerdings schon bald wieder nachdenklich und anschließend für einige Stunden ziemlich sprachlos macht, ist die etwas kryptische E-Mail, die ich am nächsten Morgen in meinem privaten Postfach habe. Irgendein chinesisches Yin-Yang-Unternehmen, beauftragt von der chinesischen Regierung, bittet mich zu bestätigen, dass diese Internetseite hier meine ist und fragt zugleich an, ob ich an einem Verkauf der Seite interessiert sein. Alles mit persönlicher Anrede und einer Aufforderung diese E-Mail umgehend zu bestätigen. Es dauert ein paar Minuten, aber dann wird mir klar: Man hat mich hier in China im Visir. Mist! Das bedeutet nämlich wiederum, dass man hier nun weiß, dass ich von Beruf Journalist bin und zugleich versuche einen Film über meine Motorradweltreise zu drehen. Bislang hatte ich alles daran gesetzt, möglich inkognito unterwegs zu sein. Was ich hier ab jetzt wohl mal vergessen kann. Oh man, was ein komisches Gefühl! Aber genau das ist scheinbar das Ziel. Man soll wissen, dass man kontrolliert wird – so wie viele andere Millionen Menschen in diesem Land auch. Dass Internetseiten wie Facebook und Google hier nicht erreichbar sind, sei nur am Rande erwähnt. Bis tief in die Nacht stehe ich am Fenster und schaue über die Stadt, deren Lichter man aufgrund des extremen Smogs leider nur schemenhaft erkennen kann.

Was kommt da wohl noch auf mich zu? 500 Kilometer sind es von hier bis zur pakistanischen Grenze – ein langer Weg, auf dem schon jetzt etliche Polizei- und Armeekontrollen auf uns warten.

Fergal und ich verbringen die kommenden Tage damit uns neu zu organisieren, was ich mal wieder dringend nötig habe. Genug Zeit haben wir ja. So widmet er sich zum Beispiel fast zwei Tage lang seinem Jeep. Der steht, wie auch mein Motorrad, im vermüllten und schmutzigen Hinterhof des großen Hotels. Erst jetzt fällt mir wirklich auf, was mein Ire da für ein riesige Kiste durch die Weltgeschichte kutschiert. Gerade unter Reisenden wie wir ist das Problem bekannt: Leider war in der japanischen Bimmel genug Platz, um vor der Reise jede Menge Klamotten anzuhäufen. Alles Kram, den er, vielleicht auch aufgrund seiner nicht allzu großen Reiseerfahrung mit dem eigenen Fahrzeug, glaubte vor der Reise auf jeden Fall zu brauchen. Und sei es nur für den Notfall! Da hätten wir zum Beispiel zwei zusätzliche Wolldecken, ein Solarpannel zum Aufladen von Handys, falls er nirgends Zugang zu Strom hat, und so viele Essen-Notfallrationen, um die gesamte chinesische Armee wohlgenährt über den nächsten Winter zu bringen. Wahnsinn! Kistenweise stapeln sich die Dinge neben seinem Jeep, die er nun schon seit Wochen unangetastet von Dublin bis nach China gefahren hat. Natürlich mache ich mich ein bisschen darüber lustig und nerve ihn ein wenig mit der Kamera. Was ich allerdings sehr gut finde ist: Die Hälfte aller Sachen verschenkt er direkt vor Ort, vor allem an die extrem schlechtbezahlten Bediensteten des Hotels, die sich sehr zu freuen scheinen. Ich wiederum widme mich meinem neuen Blog-Eintrag, mit dem ich mal wieder hinterher hänge. Es ist aber auch immer was anderes los. Ebenso wusele ich mich endlich mal durch mein Filmmaterial und all die Fotos, die ich in den letzten Tagen und Wochen gemacht habe.

Und auch wenn mein Guide mich mehrfach ermahnt hat besser nicht zu filmen und Fotos zu schießen, mache ich mich natürlich jeden Tag auf, um auch meine Zeit in Kashgar mit der Kamera festzuhalten – allein oder mit meinem Bettnachbarn. Allerdings immer zu Fuß, denn mit dem eigenen Fahrzeug dürfen wir uns ohne unseren Aufpasser nicht bewegen. Den wiederum werden wir erst wieder in einem paar Tagen treffen, wenn wir uns in Richtung Pakistan aufmachen. Er wohnt um die Ecke und hatte angeboten, dass wir uns jederzeit bei ihm melden können, wenn wir Probleme haben. Was auffällt ist: In der Stadt wimmelt es nur so vor Polizei und Soldaten, die jeden Ausländer scheinbar besonders kritisch zu beäugen scheinen. Der Grund für die immense Präsenz ist, wie ich von unserem Portier erfahre, dass nicht nur ein Festival ansteht, sondern die Republik China in diesem Tagen ihren alljährlichen Nationalfeiertag begeht. Vor allem gegen Abend scheint die gesamte Stadt auf den Beinen sein. Laut hupend und mit allerlei Instrumenten bewaffnet fahren Jung und Alt auf Pickups durch die Metropole im Westen dieses riesigen Landes. Rote und gelbe Blumen, Lampionketten und zigtausend Fahnen schmücken alle öffentliche Plätze und größere Straßen. Auf gigantischen LED-Leinwänden wird die Bevölkerung darauf eingestimmt, dieses – zumindest aus meiner Sicht – moralisch und politisch vollkommen marode Land, aufrecht zu halten. Oder zumindest die Fassade, dass hier doch alles in Ordnung ist und sich alle wohl zu fühlen haben. Stärke, Freude und Sicherheit werden ebenso stark propagiert wie das Gefühl in Einigkeit gegen den bösen Kapitalismus bestehen zu können. Allzeit bereit, immer bereit. Die DDR lässt grüßen!

Während Fergal sich auf seinen fünften Halbmarathon vorbereitet, den er dann kurz vor unserer Abreise an einem nicht ganz so versmogten Morgen läuft, starte ich den Versuch am dritten Tag eine billige SIM-Karte für mein Handy zu besorgen. Was damit endet, dass die zierliche und später ziemlich aufbrachte Parteigenossin hinter dem Schalter des Handyladens Anstalten macht, die Polizei zu rufen. Auf ihr stoisches Verneinen meiner Bitte mein Handy nutzbar zu machen, hatte ich es drauf angelegt und sie einfach mehrfach nach dem Grund dafür zu fragen. Kein Chance! Ich mache mich schleunigst vom Acker, schließlich habe ich wenig Interesse daran, einer Befragung auf einer chinesischen Polizeistation beizuwohnen.

Fast täglich essen Fergal und ich in unserem kleinen Stammrestaurant um die Ecke hervorragend gut und günstig. Am Abend sitzen wir dann bei einem Bier in der Hotellobby zusammen und quatschen über alles mögliche. Doch vor allem darüber, wie sehr einen Reisen verändern – vor allem wenn man länger allein unterwegs ist. Bislang hatte ich mir da so in der Form noch gar keine Gedanken drüber gemacht, wobei es mir auch schwer fällt, dies zu beurteilen. Und auch wenn ich mit ihm nicht in allen Punkten konform gehe, glaube ich auch, dass man die Veränderung, die man durch eine Reise erfährt, erst beurteilen kann, wenn man wieder in seinen gewohnten Umgebung ist.

Wie lange das bei mir noch dauern wird, bis ich wieder zu Hause bin? Vier, fünf Monate? Ich muss mir eingestehen, ich habe keine Ahnung, wie lange ich noch brauche um die Welt einmal mit dem Motorrad zu umrunden.

Um diesem Ziel allerdings einen kleines Stückchen näher zu kommen, machen wir uns am nächsten morgen auf in Richtung pakistanische Grenze. Endlich raus aus diesem Hotel und raus aus dieser lauten Stadt, die unter den riesigen Industrieanlagen am Stadtrand, die wiederum gewaltige dunkle Wolken in den Himmel pusten, heute scheinbar extrem zu leiden hat. Mit in meinem Gepäck habe ich allerdings die Befürchtung, dass besonders ich, der ja scheinbar in jedem Fall auf der Roten Liste steht, bei den nun fast halbstündig anstehenden Polizei- oder Armeekontrollen Probleme bekommt. Eine Befürchtung, die sich zum Glück nicht bestätigt – zumindest am ersten Tag unserer Fahrt Richtung Süden. Bis auf kleinere Wartezeiten scheint sich die teuer bezahlte Vorarbeit unserer Reiseagentur gelohnt zu haben. Nur an einem der Schlagbäume muss unser Guide tatsächlich aussteigen und wirklich alle seine Dokumente vorzeigen, die dem Beamten zu verstehen geben, dass wir rechtmäßig durch ihr Land reisen.

Jede Menge Dreck und Staub erwarten uns auf dem berühmten Karakoram-Highway, den wir nach gut zwei Stunden unter unserer Reifen haben. Hier wird gebaut, was das Zeug hält. Egal ob neue Streckenabschnitte, Tunnel, Brücken über Flüsse oder Abfahrten zu Nebenstraßen – hunderte LKW und tausende von Arbeitern scheinen in diesen Tagen hier im Einsatz zu sein. Was uns dann allerdings hinter einem kleinen Anhöhe erwartet, verschlägt mir den Atem – der Kala Kule See. Was ein Anblick. Schon von einigen Kilometern ist dieses türkisgrüne Nass in dieser kargen Landschaft zu sehen. Tausende von Sternen scheinen auf seiner Oberfläche zu funkeln. Im Hintergrund ragen die schneeverschneiten Berge in den Himmel. Was ein wunderschöner Ort. Es ist das schönste, was ich in China bislang gesehen habe. Wow! Hier haben wir die Möglichkeit ein paar Minuten zu verschnaufen. Die Gelegenheit unserem Guide mal etwas genauer auf den Zahn zu fühlen und mal nachzuhaken, was denn in den beiden Tüten ist, die er seit gestern permanent mit sich herum schleppt und auf die er scheinbar ständig ein Auge hat. Seine Antwort erstaunt mich nicht wirklich, umso mehr allerdings der Inhalt, den ich nur  kurz zuvor, in einem unbemerkten Augenblick bereits in Augenschein genommen habe: Kinderturnschuhe in sechseinhalb und ein Teeservice.

Das Problem an diesem Tag. Aufgrund der vielen Baustellen und einem weiteren Tee-Stop kommen wir leider nicht sonderlich schnell voran. Als langsam die Sonne untergeht, können wir bereits die ersten Ausläufer des Himalya erkennen. Und so ist es bereits dunkel, als wir unserer letzte Schlafstätte in Tashkurgan erreichen – wieder einmal ein recht pompöses Hotel, mit Polizeiwache in der Nachbarschaft. Wen wundert´s? Das Frühstück ist so bescheiden wie schlecht, doch damit vielleicht die Vorbereitung auf das was uns nun bei unsere Ausreise erwartet. Die gestaltet sich ähnlich wie die Einreise in China, nur in umgekehrter Rheinfolge und mit mehr Wartezeit. Kontrolle der Motor- und Fahrgestellnummer, Begutachten aller Gepäckstücke, die obligatorische Fragestunde sowie mehrfache Passkontrollen. Alles begleitet auf meiner Seite von dem mulmigen Gefühl vielleicht doch noch befragt oder gar auf unerwünschte Fotos und Filmmaterial durchsucht zu werden. Aber nichts dergleichen passiert. Puh! Ich bin erleichtert. Ganz besonders, als wir abschließend unsere Pässe in die Hand gedrückt bekommen und sich unser Guide von uns verabschiedet. Von hier aus werden wir, genauso wie ein vollbesetzter pakistanischer Reisebus, einem Polizeiwagen bis zur eigentlichen Grenze folgen, an der die Ausreise dann nur noch ein finales Vorzeigen der eben erhaltenen Ausreisebescheinigung ist. Good bye China!

Doch was und wer wird mich nun erwarten? Auf den ersten Metern im Grenzgebiet schießen mir die vielen Bilder, Schlagzeilen und Geschichten durch den Kopf, die ich aus unseren Medien kenne und irgendwie mit Pakistan verbinde. Unvergleichlich schöne Orte, aber auch Entführungen und Terrorismus. Erst jetzt wird mir bewusst, wie nah ich alldem jetzt schon bin – meinem nächsten Abenteuer, das Pakistan heißt.

„Das da? Das ist gekochter Pferdepimmel. Und das hier, das ist geräuchertes Bauchfett. Hier probiert mal. Ey, bring mal einer den Schnaps. Ihr wollt doch sicher einen, ne?!“, fragt einer der Kasachen bestimmend und deutet erklärend auf die Plastiktüten, die er innerhalb von Sekunden auf seiner staubigen Motorhaube ausgebreitet hat. Er und der Rest der bereits leicht angeschossenen Herrenrunde hatte angehalten, als wir ein wenig Luft von unseren Reifen lassen wollten. Und schneller als gedacht werden wir gerade Gäste einer kasachischen Mittagspause auf der staubigen Straße in Richtung Süden. Wir haben 12 Uhr mittags. Es ist 32°C im Schatten. Mit ziemlich eindeutigen Gesten und ein paar Brocken Englisch bekommen wir das erlesene Tagesmenü erklärt und die Straße ist so schlecht, dass wir ab jetzt nicht schneller als 60 Sachen fahren können. Und ich? Ich kann vor lachen kaum die Kamera halten.

 

 

Gut zwei Wochen vorher. Es regnet in Strömen. Als ich in Olgii, meine letzten Station in der Westmongolei, verlasse, ist bereits zehn Uhr morgens. Das Einpacken aller Klamotten dauert doch immer ein wenig länger als man denkt, auch nach fast vier Monaten regelmäßigen Trainings. Obendrein merke ich doch, dass ich noch angeschlagen bin. Scheiße, was tut die Rippe weh! Gerade beim Aufstehen wenn die Muskel noch entspannt sind und beim Aufrichten der vollbepackten Maschine, merke ich deutlich, dass da was nicht stimmt und muss an den Stunt denken, den in der Steppe hingelegt habe. Doch es hilft nichts, ich muss los. Meine beiden Reisekumpanen Beau und Mark sind bereits in Novosibirsk. Dort wo auch ich hin will, bevor es in nach Kasachstan gehen soll.

Wie fast jeden Morgen stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und rolle mit Tom Morello in den Ohren aus dieser eher weniger schönen Stadt, die bei Regen noch trostloser wirkt.

Nach gut eineinhalb Stunden komme ich am letzten Kontrollposten der Mongolei an. Ich habe noch nicht mal mein Motorrad abgestellt, da bekomme ich von einem älteren Herrn – mit der hier gebietsweise schon zum guten Ton gehörenden Wodkafahne – erklärt, dass ich hier noch mal eine Straßengebühr zu bezahlen habe. Mein Gefühl sagt mir sofort, dass hier etwas überhaupt nicht stimmt. Nichts hier scheint echt zu sein. Schon gar nicht die recht hübsche Dame mittleren Alters, die man in eine viel zu große Männeruniform gesteckt und offensichtlich dafür abgestempelt hat, hier noch mal einen Art Wegezoll einzutreiben. Ich versuche dem korrupten Treiben Einhalt zu gebieten, doch es hilft nichts. Auch mit dem mittlerweile schon einstudierten, treudoofen Blick, der allen zu verstehen geben soll „Ich habe keine Ahnung und verstehe kein Wort, von dem was ihr sagt.“, komme ich hier nicht weiter. Die Schranke bleibt unten. Als ich abschließend zähneknirschend nach einer Quittung für die rund zehn Euro frage, wird mir erklärt das doch leider der Quittungsblock leer ist und man auf einen neuen warte.

Kaum komme ich nach der ersten Passkontrolle an der eigentlichen Grenze an, bewahrheiten sich dann auch leider obendrein meine schlimmsten Befürchtungen. Kurz um: Die Ausreise aus der Mongolei ist ähnlich chaotisch und potentiell nervenaufreibend wie die Einreise. Wobei mir das ganze Gedränge und Geschiebe der Mongolen mittlerweile schon deutlich weniger ausmacht. Man gewöhnt sich eben doch an alles und vieles wird einem irgendwann einfach egal. Allerdings schaffen es dieses Mal die Russen mich doch noch zu überraschen. Denn kaum scheine ich endlich mal an der Reihe zu sein, gibt mir der mehr als nur untersetzte Uniformträger zu verstehen, das nun endlich Mittagspause sei und ich doch jetzt erst mal warten müsse. Zu meinem Erstaunen verlassen allerdings nicht nur er, sondern auch alle anderen Beamten nahezu fluchtartig das Zollgelände und sperren zu – beziehungsweise mich und den diensthabenden Schäferhund auf dem Zollgelände ein. Für alle scheint dieser Vorgang vollkommen normal zu sein, so ist das Interesse des Vierbeiners an mir eher gering. Zumindest so lange ich in der Nähe meines Motorrads bleibe. Nach über einer Stunde, die ich nutze um die Zolldokumente auszufüllen und mir einen heißen Kaffee zu machen, geht es dann endlich weiter. Der Dicke hat sich scheinbar gestärkt und ist nun bereit mir die nötigen Stempel und die, aus meiner Sicht vollkommen sinnlosen, Kopien irgendwelcher Dokumente zu geben. Drei Stunden später bin froh, endlich wieder russische Teerstraße unter meinen Reifen zu haben und kann es kaum erwarten durch´s berühmte Altai-Gebirge zu fahren. Leider sehe ich davon allerdings so gut wie gar nichts, da es noch immer in Strömen regnet und der Nebel die schönen Berge einhüllt.

Die Nacht im Zelt und die Weiterfahrt am nächsten Morgen sind entsprechend ungemütlich und kühl. Für mich ein eindeutiges Zeichen, dass ich mich endlich in Richtung Süden auf machen muss.

Doch vorher geht es nochmal kurz in den Norden. Der Weg nach Novosibirsk dauert allerdings deutlich länger, als ich mir vorgestellt habe. Doch gerade als ich am späten Nachmittag ein wenig angenervt bin, überhole ich Pavel, seine liebe Freundin Natalia und ihren Kumpel Oleg. Ich hatte die drei in dem kleinen privaten Guesthouse in Olgii kennengelernt und ihnen bei einem Bier am Abend versprochen, dass ich Sie in Novosibirsk besuchen werde. Sie waren einen Tag vor mir losgefahren, deuteten allerdings schon bei der Verabschiedung an, dass sie sich Zeit lassen und nicht nach Hause rasen wollen. Dutzende Jeeps wie ihren hatte ich an diesem Tag bereits überholt und dann habe ich unterbewusst den kleinen blauen Aufkleber auf der Heckscheibe im Augenwinkel wahrgenommen. Was für eine tolle Überraschung! Die drei scheinen sich eben so zu freuen wie ich. Und wie so oft, kommt es so, wie es kommen soll. Sie eskortieren mich netterweise sogar, bis zum örtlichen Motorradclub, an dem wir dann doch erst ankommen, als es bereits dunkel ist. Leider streikt mein Navi gerade mal wieder, so dass ich das Clubhause der Wildrivers – in mitten von Industrieanlagen und verfallenen Wohnblocks – wohl kaum allein gefunden hätte. Nicht zuletzt um mich dafür zu bedanken, treffen wir uns zwei Tage später in der Stadt und haben einen tollen Abend zusammen. Zu Gast ebenfalls: Das beste Rindersteak das ich seit Monaten gegessen habe.

Der Aussie und der Ammi sind bereits seit vier Tagen hier und scheinen schon voll integriert, in den doch sehr angenehmen und bestens organisierten Motorradclub. Wir erfahren einen Luxus, wie er größer kaum sein könnte. So haben wir selbstverständlich unser eigenes Zimmer, bekommen saubere Bettwäsche, fast jeden Abend wird der Grill für uns angeworfen, ein Platz zum Schrauben wird bereitgestellt und das Öl für den echt nötigen Wechsel gibt es zum Einkaufspreis. Ich nutze die Zeit um meine Wunden der Mongolei zu kurieren und die selbigen an meinem Motorrad zu begutachten. Neben den üblichen Schrammen und Macken, klebe ich beispielsweise meine seitlichen Windabweiser, die durch die Stürze und die Waschbrettpisten beachtliche Risse davongetragen haben. Doch auch Mark und Beau haben ihre ganz eigene Mongolei-Erfahrungen gemacht, die kaum weniger anstrengend und fordernd klingen als meine. Mark ist beispielsweise der Kühler seiner BMW auseinander geflogen und Beau musste fast ohne Öl in seiner Federgabel bis nach Russland fahren. Kurz um: Auch Sie haben, nachdem sie scheinbar die ersten Tage nur gesoffen und die hiesige Damenwelt begutachtet haben, noch einiges zu tun, bevor wir uns nach fast einer Woche in Richtung kasachische Grenze aufmachen.

Diese ist überraschender Weise so einfach zu überwinden, dass es schon fast unheimlich ist. Kein Gedränge, die nötigen Stempel gibt’s ohne Murren und der diensthabende Zollbeamte, der eigentlich die Motorräder begutachten soll, winkt uns durch, ohne sich auch nur ansatzweise aus seinem Schaukelstuhl im Schatten des runtergekommenen Grenzgebäudes zu bewegen. Nach den Erzählungen von anderen Bikern, die hier ganz andere Erfahrungen gemacht haben, hätten wir damit nicht gerechnet. Schneller als erwartet erreichen wir also Semey, dass uns am späten Nachmittag mit dicken Dieselwolken und so viel Smog begrüßt, dass uns das Atmen schwerfällt. So schnell wie möglich klappern wir die üblichen Station ab: Proviant kaufen, Geld in der lokalen Währung organisieren und eine SIM-Card erstehen. Einstimmig und schweren Herzens beschließen wir, die Einladung des lokalen Motorradclubs zu ignorieren und so schnell wie möglich aus der dreckigen Stadt zu kommen. Unsere Zelte schlagen wir leider erst bei Dunkelheit auf, da wir uns dann nochmal gehörig verfahren und es obendrein länger als üblich dauert, bis wir einen geeigneten Platz abseits der Straße finden.

Mit einem Blick auf´s GPS stellen wir am nächsten Morgen fest, dass der Rückweg zur großen Straße doch nicht ganz unerheblich wäre, so beschließen wir, über eine kleinere Straße unseren Weg in den Süden anzutreten. Was wiederum ein großer Fehler ist, wie wir nach gut zwei Stunden feststellen müssen. Die Straße ist so schlecht, dass sie uns teilweise sogar an mongolische Verhältnisse erinnert. Das Resultat: Wir kommen nur sehr langsam voran. Keiner von uns hat Interesse daran, sich mit Hilfe der, teilweise einen halben Meter tiefen, Schlaglöcher das Fahrwerk kaputt zu machen. Um die Nummer perfekt zu machen, verwandet sich die Schotterstraße zeitweise in eine Sandpiste, die uns schnell dazu veranlasst, wie üblich Luft von unseren Reifen zu lassen. Als ich gerade den Reifenprüfer das letzte Mal ansetzen will, hält direkt hinter uns ein Auto an, dass wir heute bestimmt schon drei Mal überholt haben. Was folgt ist die bislang witzigste Mittagspause meines Lebens – inklusive gekochten Geschlechtsteilen vom kasachischen Pferd und spontan gastfreundlichen, offenherzigen Menschen, wie ich sie selten erlebt habe.

Die beiden Tage und Nächte sind recht anstrengend und wenig ereignisreich. Langsam fahren, schwitzen und bevor es dunkel wird die Zelte aufschlagen. Dass das von Beau hochgelobte Raghu aus frischen Pilzen, die wir am Straßenrand gekauft haben, mir neben einer schlaflosen Nacht auch eine Komplettentleerung beschert, sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt und nicht näher ausgeführt. Dementsprechend entkräftet komme ich dann allerdings am Abend des zweiten Tages allerdings in Almaty, der Hauptstadt Kasachstans, an. Gegen neun Uhr abends können wir endlich das Zimmer in der billigen Absteige beziehen, die uns ein russischer Biker als bezahlbar empfohlen hat. Nachdem ich mir mit den Jungs noch ein Bier in der benachbarten Karaokebar genehmigt habe, falle ich hundemüde und abgekämpft auf die, bis zum Anschlag durchgelegene, Matratze. Doch ich bin zutiefst zufrieden und mir geht es sehr gut, was dran liegt, dass ich kurz bevor mir die Augen endgültig zufallen, noch ein wunderschönes Skypegespräch geführt habe – mit dem Menschen, den ich am allermeisten vermisse.

Mark hat erhebliche Probleme mit seiner Vorderbremse und Beau muss auf Grund seines, noch nicht vorhandenen, Tadschikistan-Visums die üblichen Behördengänge hier in der Hauptstadt erledigen. Ich wiederum muss mich um meine neuen Reifen kümmern, die ich dringend benötige. Das heißt: Unsere Wege trennen sich mal wieder und ich mache mich alleine auf. Für mich geht es in Richtung Bishkek, Kirgistans Hauptstadt, die locker innerhalb eines Tages zu erreichen ist. Auch Dank der extrem einfach Grenzüberquerung, die der Einreise in Sachen Lässigkeit der Zollbeamten in nichts nachsteht. Ganz anders stellt sich wiederum die Abholung meiner Reifen dar, die mir die Firma HEIDENAU nicht nur gesponsert, sondern auch freundlicherweise mit Türkisch Airlines hier her geschickt hat. Da ich mich nicht noch mal an den Rand eines Wutanfalls bringen möchte, halte ich es an dieser Stelle recht kurz: Unabhängig von seinen teilweise sehr netten Mitarbeitern, ist der kirgisische Zoll und die sich angrenzenden Institutionen am Flughafen in Bishkek ein riesengroßes Arschloch! Für all, die jemals diese Möglichkeit des Transports in Betracht ziehen: Ich kann diesen Transportweg in keinem Fall weiterempfehlen. So hat es mich einen ganzen Tag meines Lebens gekostet, die Reifen schließlich zu bekommen. Was allerdings auch nur mit der Hilfe von Dmitry so schnell geklappt hat, einem netten Bekannten aus Bishkek, den ich über viele Umwege kennengelernt und schon vor Wochen kontaktiert habe. Im Klartext: Zwei Menschen haben einen kompletten Tag ihres Lebens vergeudet, 19 Stempel wurden auf 16 Seiten Formulare gepresst, undurchsichtige und zugleich hohe Zoll- und Lagerungsgebühren wurden widerwillig bezahlt, kostspielige Übersetzungen der Originalrechnung auf Russisch mussten angefertigt werden (was allein eine zweistündige Fahrt vom Flughafen zurück in die Stadt zu Folge hatte), sieben Telefonate mussten getätigt und mehrere kirgisische Postbeamte vor der Tötung durch Strangulation meinerseits bewahrt werden. Alles Dinge die ich so nicht noch mal brauche.

Nachdem unsere Truppe wenige Tage später wieder komplett ist, machen wir uns früh am morgen auf, Kirgistan zu durchqueren – in Richtung Süden. Dmitry, der uns allen am Vorabend noch eine großartigen Sauna in seiner Datsche spendiert hat, hatte uns eindringlich gewarnt. Und so verwundert es uns überhaupt nicht, dass mit jedem Höhenmeter den wir in Richtung des ersten Passes zurücklegen, die Temperatur – von anfangs über 25 Grad Celsius – schnell abfällt. Doch als uns bald die ersten Schnellflocken auf die Visiere fallen, müssen wir eine Pause einlegen und uns mit langen Unterhosen und Ähnlichem ausstatten. Nicht zuletzt zur Freude einer kirgisischen Oma, die grinsend mit ihrem, in die Jahre gekommenen, Viehtransporter extrem langsam an uns vorbeifährt und anschließend mehrfach lautet aus dem Fenster pfeifend die kurvige Passstraße hinauf zuckelt. Null Grad, minus eins, minus zwei, minus drei.

Die eiskalten Windböen pressen die Schneeflocken durch jede noch so kleine Ritze meines Helms. Meine Arme und Finger sind so steif, dass ich sie kaum bewegen kann. Die Straße wird zu einer Eisplatte, die uns alle mehrfach fast auf die Schnauze fliegen lässt.

Als wir auf der Spitze des Passes ankommen, zeigt das Thermometer meiner BMW minus fünf Grad an. Hier oben liegen 20 Zentimeter Schnee, was für die Polizisten, die hier jeweils für drei Monate am Stück stationiert sind, vollkommen normal zu sein scheint. Nach den üblichen Fotos und dem schon perfekt einstudierten Frage- und Antwortspiel, bietet einer von ihnen uns dann auch einen heißen Kaffee an, den wir, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, annehmen. Das Gespräch in seiner kleinen Stube dauert um einiges länger, als von uns geplant, nicht zuletzt um festzustellen, dass wir mit ihm nicht tauschen möchten. Wir sind verblüfft, wie offen er mit uns spricht. Besonders, weil sein Englisch, wie zugleich unser Kirgisisch, schlecht sind. Von oben erzwungene Korruption, ein zugleich beschissenes Gehalt und Einsamkeit scheinen seinen Alltag hier zu prägen. Und es scheint ganz so, als ist er froh mit jemanden mal darüber sprechen zu können. Ein wenig traurig gestimmt, machen wir uns wieder auf den Weg – in Richtung Tadschikistan.

Doch bevor wir das Pamirgebirge und seine Bewohner zu Gesicht bekommen, verbringen wir noch zwei Tage in Osh, der zweitgrößten Stadt dieses bislang doch eher kargen Landes. Besonders leicht macht es uns hier Stanislav, der sich nach Abzug der ganzen NGOs aus der Stadt, nun auf Biker spezialisiert hat und uns zusammen mit seiner kleinen Familien fürsorglich und zugleich geldbeutel-schonend umsorgt. Und zwar solange, bis wir früh morgens in Richtung Tadschikistan aufbrechen, dessen Grenze von hier aus gut in einem halben Tag, über größtenteils sehr gute Straßen, zu erreichen ist. Was allerdings im totalen Gegensatz zur eigentlich Grenzüberquerung steht, die neben der für uns schon üblichen und sich in die Länge ziehende Bürokratie, es doch noch schafft uns zu überraschen. Angekommen vor der Schranke auf gut 4000 Metern Höhenmetern, werden wir nämlich nicht wie sonst auf der ganzen restlichen Welt üblich, nach unserem Pass gefragt, sondern ob wir Zigaretten dabei haben – während im Hintergrund gerade, der Müll der letzten Tage und altes Öl in den alten Kanonenofen geworfen wird. Wir verneinen die Frage erst einmal, was zur Folge hat, dass hier alle mindestens einen Gang zurückschalten und wenig Anstalten machen uns schnell passieren zu lassen. Was dann – nach gut einer halben Stunde – nur noch dadurch getoppt wird, dass wir selbst den Beamten, der unsere Motorräder kontrollieren soll, aufwecken müssen. Um ihm zum Schluss der ganzen Prozedur, die er schlaftrunken in dreckiger Jogginghose vollzieht, mit zorniger Miene, die von ihm verlangten und von uns zuvor hart runtergehandelten Zehn Dollar pro Person, in seine schmierige Hand zu drücken.Nur für´s Protokoll:

Dafür habe ich ihm, als er mit dem finalen Abstempeln der Pässe beschäftigt war, hinter seiner Hütte in den Eimer mit dem gerade klein gemachten Feuerholz gepisst.

Kaum rollen wir den Pass hinunter, sind unser Frust und meine Schadenfreude allerdings schnell verflogen, denn vor uns türmen sich am Horizont die ersten Spitzen des wunderschönen und gewaltig anmutenden Pamirgebirges auf. „Just wow!“, wie der Amerikaner unter uns in seiner oftmals sehr nüchternen Art anmerkt. Was ein einzigartiger und zu gleich unwirklicher Ort, den wir im Übrigen alle auf unserer Weltreise-Wunschort-Bereisungsliste haben. Wir können es kaum erwarten, den Bergen und den kurvigen Straßen näher zu kommen. Doch: Es ist bitterkalt, so dass wir uns an diesem Abend mit dem Kochen nicht lange aufhalten und uns alle ziemlich schnell in unsere Schlafsäcke packen. Obendrein sind wir alle, aufgrund der deutlich spürbar dünneren Luft, sehr kurzatmig und bekommen fast gleichzeitig Kopfschmerzen. Unser Rezept: Einen guten Schluck aus den Wodkaflasche und eine von mir spendierte Ibuprofen.

Zwei Tage fahren wir auf schlechten Teerstraßen und ausgefahrenen Schotterpisten und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Jede Kurve, jeder kleine Anhöhe, jedes Tal und jeder Berg hält ganz etwas schönes bereit, was ich zum Leidwesen der anderen Beteiligten sehr zeitintensiv versuche, mit meiner Kamera festzuhalten. An einigen Stellen fühlt man sich wie auf einem anderen Planeten, so skurril wirken die teils intensiven Farben der Felsen und Schwefelseen, die sich hier über Jahrtausende gebildet haben. Doch leider ist hier nicht alles so schön, wie die Landschaft die wir genießen dürfen. Die ländliche Bevölkerung ist vielerorts bitterarm und zugleich über unseren Besuch wenig erfreut. Im Gegensatz zu Kirgistan, in dem uns die Kinder in einigen Orten am Straßenrand zugewunken haben, schmeißen hier Erwachsene mit tennisballgroßen Steinen nach uns. Frust und Zorn über die, von den hiesigen Medien propagierte westliche Überheblichkeit, schlägt uns eiskalt entgegen. So schaffen wir es beispielsweise kaum, in einem kleinen Ort etwa zu Essen zu kaufen.

Nur widerwillig verkauft man uns hier einen kleinen Sack Reis und ein bisschen Wasser, während sich draußen vor dem Laden eine kleine Gruppe von Männern formiert, die sich scheinbar schnell einig ist, uns von hier wieder zu vertreiben.

Einige Tage später erfahre ich einen möglichen Grund für diese Abneigung gegen westliche Länder: Einige Zeitungen und lokale Fernsehsender erzählen der hiesigen Bevölkerung beispielsweise, das Deutsche ihren Urlaub vom Staat bezahlt bekommen und das sie eine kostenlose Krankenversicherung haben. Etwas verstört und traurig über diese tiefe Ablehnung, realisieren wir alle drei allerdings auch, dass hier nun ein Abschied ansteht. Der Grund: Unser Wege trennen sich endgültig voneinander. So haben Mark und Beau jetzt eine vollkommen andere Route in Richtung Europa als ich. Sie möchte über Tadschikistan und Usbekistan den doch deutlich kürzeren Weg nach Westen antreten, während es für mich erst weiter nach Süden geht – auch wenn ich gerne mehr von Pamir gesehen hätte, dass ich bislang gerade mal nur berühren konnte. Doch bevor es soweit ist machen wir uns, soweit es geht, einen schönen Abend vor unseren Zelten – mit einer Flasche billigen Cognac, ein paar Dosen Fisch, Smarties und übel schmeckenden Zigaretten. Am nächsten Morgen ist es dann soweit und ich muss, nach fast zwei Monaten, zwei wunderbaren, coolen und einfach geilen Typen Tschüss sagen – umgeben von riesigen Bergen im absoluten Nirgendwo. Es dauert ein Weile, bis wir uns das letzte Mal in den Arm genommen haben und ich die Beiden endlich in Richtung Westen schicken kann. Was auch keine Sekunde länger hätte dauern dürfen, denn ich kann die kleine Träne, die sich da in meinen Augen angesammelt hat, jetzt nicht mehr zurückhalten. Junge Junge, das ist aber auch staubig hier!

Doch auch die Freunde auf etwas Neues kommt in mir auf. Und so brauche ich noch eine Weile bis auch ich mich auf den Weg mache, mit einem breiten Grinsen unter meinem Helm. Ich fahre zurück nach Kirgistan. Von hier aus geht bald nach China und Pakistan – einem neuen Abenteuer.

Meine Hände zittern ein bisschen, sodass es einen kleinen Augenblick dauert, bis ich den Verschluss meines Helms geöffnet habe. Zwei Sekunden war mir bestimmt schwarz vor den Augen, so brauche ich ein wenig um zu begreifen was passiert ist und knie mich neben mein Motorrad – das nun schon zum sechsten Mal vor mir auf der Seite liegt. Mit einem Mal merke ich, wie erschöpft ich wirklich bin. Die letzten Tage haben viel Kraft gekostet. Um mich herum: Vollkommene Stille und unendliche Weite. Zu jeder Seite ragen am Horizont die Berge in den Himmel, der hier den Falken gehört. Es ist das größte Tal, dass ich in meinem Leben gesehen habe. Ich denke kurz darüber nach, ob ich heute bereits jemanden überholt oder gesehen habe. Und ich muss einsehen: Ich bin hier ganz allein, und das wird sich auch in den kommenden Tagen wahrscheinlich nicht ändern. Ich höre nur den Wind, der immer stärker wird und das Gewitter ankündigt, das gerade über die Berge kommt.

Drei Wochen zuvor. Wieder einmal ist es fast Mittag bis Mark, ich und unsere überholten Motorräder endlich den Weg aus dem russischen Irkutsk finden. Ich für meinen Teil hätte ja gerne meinen Hintern noch einmal in den Baikalsee gehalten, aber mein amerikanischer Reisegefährte kann es kaum erwarten die mongolische Steppe unter seinen Reifen zu haben. Wobei: Ich eigentlich auch nicht. Schon seit Tagen habe ich immer wieder dieselben Bilder im Kopf, die ich aus Fernsehdokumentationen und in Reiseblogs gesehen habe.

„Mach Dich darauf gefasst Dinge zu erleben, auf die Du nicht vorbereitet bist. Und mach Dich darauf gefasst zu scheitern. Die Mongolei tritt Dir in den Arsch, mein Freund!“

Hatte mir Dima, ein Tscheche, gesagt, den wir kurz vor Ulan Ude an der Straße treffen. Er hatte die Mongolei gerade hinter sich gebracht und war nun wieder auf dem Weg nach Europa. Er saß vollkommen dreckverschmiert auf seiner kleinen Suzuki und sah ziemlich mitgenommen aus – aber irgendwie auch glücklich und zufrieden.

 

 

Jetzt heißt es Gas geben. In maximal zwei Tagen wollen wir an der Grenze sein. Beau, der Australier, wird nachkommen, sobald er für seine in die Jahre gekommene Kawasaki Zusatzscheinwerfer und Griffheizungen gefunden hat, die für die kommenden Monate mit Sicherheit auch keine Fehlinvestition sind. Spätestens in Ulan Bator wollen wir uns dann wiedertreffen. Kilometer für Kilometer fahren wir, zusätzlich mit unseren Stollenreifen auf dem Buckel, in Richtung Mongolei. Ganz allein unter meinem Helm denke ich noch mal über die letzten Wochen nach – über meine Zeit in Russland. Und ja: Sie war ganz anders als ich es mir vorgestellt habe, aber dennoch spannend, wunderschön, witzig und etwas traurig zu gleich. Seine Menschen hab ich schätzen und lieben gelernt. Die politischen und wirtschaftlichen Umstände, unter denen viele hier leben, werden mir allerdings noch lange zu denken geben.

Es schüttet bereits seit zwei Stunden wie aus Eimern, und von der hochsommerlichen Hitze der letzten Tage ist mal so gar nichts übrig. Als wir die erste Passkontrolle, die sich wie so oft auf der Welt einige Kilometer vor der Grenze befindet, erreichen, ist es bereits dunkel. Der vollkommen durchnässte und ebenfalls durchgefrorene Grenzbeamte gibt uns, auch mit Hilfe seiner gigantischen MAG-LITE-Taschenlampe, schnell und eindeutig zu verstehen, dass hier heute gar nichts mehr geht. Völlig entnervt von der gesamten Situation drehen wir um und starten eine halbstündige Irrfahrt durch die kleine Grenzstatt, bis uns jemand in seinen Hinterhofeinfahrt winkt, an der wir schon zwei Mal vorbeigefahren sind. Die Nacht wird uns 10 Euro kosten – inklusive Gemeinschaftsdusche mit den Hotelbesitzern und einer Karaokebar auf der anderen Seite unserer Wand. Doch irgendwie sind wir beide nun doch erleichtert, dass wir den Grenzübertrittsmarathon erst am nächsten Tag hinter uns bringen werden. Ich fühle mich gut, ganz im Gegensatz zu Mark. Nach einer heißen Dusche und einem kalten Bier steht für ihn nämlich noch etwas an, dass sich bereits seit Tagen andeutet. Er hat einen zwar nur kleinen aber dafür scheinbar doch recht schmerzhaften Abszess oberhalb seines Hinterns, den jetzt endlich mal jemand mit einer sterilen Nadel aufstechen muss. Und ja: Unter Reisekollegen macht man dann auch so etwas. Natürlich nicht ohne sich über die doch etwas delikate Situation lustig zu machen und die ganze Aktion dementsprechend zu zelebrieren. Ausführungen zu amerikanischen Schimpfwörter und medizinische Details lasse ich an dieser Stelle einfach weg.

Bereits um acht Uhr am nächsten Morgen rollen wir in Richtung Grenze, um möglichst früh dran zu seien und dadurch vielleicht etwas schneller durchzukommen. Doch schon beim ersten Schlagbaum wird klar: Die Nummer hier dauert länger. Dutzende Autos, LKW und deren mongolische Insassen drängen sich vor ihm und werden nur stossweise zur Kontrolle durchgelassen – inklusive uns irgendwann. Schnell steht fest: Wer sich hier brav hinten anstellt oder gar nur versucht eine Schlange zu bilden, wird hier seine Kinder großziehen.

Es ist mittlerweile Mittag und heiß, was uns den Schweiß aus den Poren treibt. An jedem Schalter wird gedrängelt, geschoben und geschimpft – zumindest auf der mongolische Seite der Grenze. Irgendetwas scheint man hier geändert zu haben, ohne allen Beteiligten Bescheid zu geben. Irgendwie scheint niemand so recht zu wissen, welcher Zettel wann wo abgeholt oder abgestempelt werden muss. Von uns beiden mal ganz zu schweigen. Immer wenn ich meine jetzt dran zu seien, schiebt irgendeine Hand seinen Pass oder einen Zettel an meinem Kopf oder unter meiner Achsel vorbei. Fest steht: Jeder deutsche Zollbeamte würde hier entweder einen Herzinfarkt kriegen oder in einer Panikattacke seinen Schlagstock auspacken und wild um sich schlagen. Wobei ich gestehen muss, dass ich mir Letzteres zwischendurch auch lebhaft vorstelle, spätestens als ein Kandidat versucht ungefragt mein Motorrad an die Seite zu schieben, um sich mit seinem Kleinlaster an uns vorbei zu drängeln. Es ist das perfekte Chaos, bei dem es gerade mir doch schwer fällt die Ruhe zu bewahren. Mark scheint das alles schon zu kennen irgendwie – aus Afrika und seinen Touren in Indien. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Es ist zugleich die perfekte Vorbereitung auf das, was da in den kommenden Woche auf mich zukommt.

Nach über vier Stunden haben wir endlich die obligatorische und obendrein nicht brauchbare Versicherung für unsere Motorräder und eine SIM-Card und rollen aus der kleinen Grenzstadt in Richtung Ulan Bator, wo wir heute noch ankommen wollen. Die Straße hier ist noch geteert und die Stimmung dementsprechend wieder gut. Zumindest solange bis Mark plötzlich vor mir in die Eisen steigt und rechts ranfährt. Man kennt sich mittlerweile ein bisschen. Das heißt: Allein an der Art wie er seinen Helm abnimmt, erkenne ich das etwas überhaupt nicht stimmt. Und ja: Sein Gaszug ist gerissen. Was wiederum bedeutet, dass hier nun erstmal Sendepause ist. Werkzeug auspacken und gucken was möglich ist. Einen zweiten Gaszug hat er natürlich nicht dabei, so versuchen wir mit einem Kabelschuh die nötige Verbindung zu seinem Griff wiederherzustellen, als plötzlich Beau um die Ecke biegt. Seine Teile hat er deutlich schneller bekommen als gedacht, und auch der große Regen ist an ihm vorbeigegangen. Nach fast zwei Stunden sind wir alle wieder auf der Straße, doch schnell wird klar, dass wir es heute nicht mehr in die Hauptstadt schaffen werden. Es ist bereits dunkel, als wir fernab der Straße auf einem Berg unsere Zelte aufschlagen. Viel zu Essen haben wir alle nicht mehr, so gibt es für jeden noch eine Snickers, eine Tütensuppe und ein paar Rosinen.

Nach dem spontanen Besuch einer Tempelbaustelle, den wir anschleißend gerne mit Zigaretten bezahlen, kommen wir gegen Mittag endlich in der mongolischen Hauptstadt an. Der Verkehr hier in Ulan Bator ähnelt sehr den Verhältnissen an der Grenze. Ohne zu Blinken wird hier rausgezogen, permanent gehupt und die Vorfahrt nur an muslimischen Feiertagen mit F gewährt. Dicke schwarze Dieselwolken mischen sich mit Straßenstaub. Die Sonne brennt vom Himmel. Es ist fast Mittag, als wir die Oase erreichen, ein nettes Hostel am Standrand, in dem viele Motorradreisende wie wir und Backpacker aus der ganzen Welt stranden. Wobei man fairerweise sagen muss, dass es eben auch die einzige wirklich Unterkunft ist, die sich auf Reisende wie uns eingestellt hat.

So ist das Essen eher europäisch, und fast jeder der Mitarbeiter spricht Englisch, Deutsch oder Französisch. Und auch wenn viele hier genau das zu genießen scheinen, nervt mich ein wenig das Hippie-Getue, was hier zelebriert wird. Mongolei-Feeling mag da nicht so richtig aufkommen. Wobei: Wir schlafen traditionell in einer Jurte, was ich nur empfehlen kann und man einmal im Leben in jedem Fall mal gemacht haben sollte. Natürlich gibt es rein zufällig nebenan eine Motorradwerkstatt, die überraschender Weise extrem gut ausgestattet ist – vor allem mit Leuten, die wissen was sie tun. Der Service ist dementsprechend teuer. Für uns ist es allerdings die ideale Gelegenheit die letzten Vorbereitungen und Reparaturen für unsere Reise durch die Mongolei zu treffen. So verbringen wird die nächsten Tage mit Reifenwechsel, kleinen Elektronikproblemen, der Organisation von Ersatzbirnen, dem Ersetzen von Gaszügen und der nicht ganz unwichtigen Routenplanung. Letzteres bedeutet konkret, dass jeder ankommende Motorradfahrer umgehend von uns interviewt wird. So sind für mich vor allem folgende Fragen wichtig: Welche der wenigen Straßen sind asphaltiert? Welche Passagen sind einfach zu fahren? Wo gibt es Tankstellen? Wo kann man Lebensmittel und Wasser kaufen? Und wie lange benötigt man für welchen Abschnitt? Und vor allem: Wo ist tiefer Sand zu erwarten? Die Tipps und Erfahrungen sind leider vielfach ernüchternd, gerade was die Straßenverhältnisse und die zu bewältigenden Entfernungen angeht. Obendrein wird mir abschließend etwas klar, was ich natürlich schon geahnt aber dann doch irgendwie nicht wahrhaben wollte: Meine BMW GS 1200 ADV ist viel zu groß und zu schwer für die hiesigen Verhältnisse. Ich bin zur falschen Zeit am falschen Ort.

„Dann wünsche ich Dir mal viel Glück mit der dicken Dame aus Bayern. Ich hoffe Du hast genug Offroad-Erfahrung. Ohne kannste es vergessen.“

Wirft mir einer der Holländer zu, bevor er sich daran macht, seine extrem auf diese Verhältnisse abgestimmte, deutlich kleinere BMW F800 startklar zu machen. Ich winke ab und bringe spontan ein „Ach jo, das klappt schon.“ über die Lippen. Und beide von uns scheinen sofort zu wissen, dass ich mich damit vielleicht etwas weit aus dem nicht existierenden Jurtenfenster lehne. Ich Idiot!

Fest steht, dass Mark, Beau und ich schon bald unterschiedliche Wege einschlagen werden. Fast Zwei Wochen – mittlerweile sind wir einfach schon zu lange zusammen unterwegs. Das Problem: Wenn man zu zweit oder zu dritt unterwegs ist, geht man doch viele Kompromisse ein und wird ein wenig träge, da viele Dinge, die eine echte Motorradreise ausmachen, doch deutlich einfacher werden. Obendrein sind auch alle schmutzigen Witze bereits erzählt, und so hat irgendwie jeder unterm Strich das Bedürfnis mal allein unterwegs zu sein und die Mongolei auf eigene Faust zu erkunden.

Doch bevor das Abenteuer Mongolia für uns alle wirklich beginnt, besuchen wir noch Bayar und ihre Familie. Den Kontakt zu ihr habe ich über sehr nette Arbeitskollegen von mir bekommen, die bereits seit Jahren in die Mongolei reisen und mit ihr schon lange befreundet sind. So müssen wir am ersten Tagen nur 50 Kilometer zurücklegen, um in einem kleinen Dorf anzukommen – endlich fernab von anderen Touris und dem Großstadtgewusel. Bereits die erste Begegnung ist überwältigend freundlich, und die nächsten drei Tage für uns die Chance ein wenig tiefer in die mongolische Lebensweise einzutauchen. Bayar hat in Deutschland studiert und spricht dementsprechend hervorragend Deutsch und auch Englisch, was für Mark und Beau toll ist. Es vergeht kaum eine Stunde, in der wir nicht etwas interessantes oder spannendes über ihr Land erfahren – das Land, das sie unendlich zu lieben scheint. Aus diesem Grund verbringt sie mit ihren Kindern so viel wie möglich Zeit in der alten Familienjurte, die in ihrem Garten, unweit von ihrer doch eher europäisch eingerichteten Wohnung, steht. Sie möchte, dass die traditionelle Lebensweise ihres Normadenvolkes nicht verloren geht. So trinken auch wir mehrfach am Tag Tee, heizen die Jurte mit getrocknetem Kuhmist, essen Hartkäse und trinken selbstgemachten Schnaps, der aus Stutenmilch gemacht wird – wenn wir denn die Zeit dafür finden. Denn Bayars Kinder scheinen nahezu süchtig nach uns zu sein, was bedeutet, dass wir fast jede freie Minute mit ihnen auf der Wiese herumtollen oder sie an unseren Bärten ziehen. Zum guten Schluß zeigt uns Bayar noch die Dschingiskan-Reiterstatue, die rund 15 Minuten von dem kleinen Ort entfernt steht. Sie wurden zu Ehren des großen Feldherren gebaut und wurde 2008 fertiggstellt – 250 Tonnen Edelstahl, die in mitten der Steppe 30 Meter in den Himmel ragt. Eher Bustourikram, aber: einfach beeindruckend!

Eines der traditionellen mongolischen Essen, die wir täglich von Bayars Schwester frisch serviert bekommen, verkraften Mark und ich aus irgendeinem Grund leider nicht ganz. So dass Beau der Erste ist, der alleine losfährt – Richtung Süden. Mit seinem deutlich leichteren Motorrad möchte er über die Dünen, der nördlichen Gobi fahren. Mark und ich starten ein wenig später Richtung Westen – in Richtung Karakorum, der alten Hauptstadt der Mongolei. Wie recherchiert sind auch hier die ersten Kilometer apshaltiert, so lange bis wir Richtung Westen abbiegen um an einem kleinen See zu zelten. Ich bekomme einen ganz kleinen Vorgeschmack davon, was mich in den kommenden Wochen erwarten wird. Über Jahre haben sich überall im Land schmale Tracks in die Steppe gefahren, die vom Regen ausgewaschen oder aber versandet sind – hier zum Glück nur wenige Zentimeter.

Fast immer sind es sechs, acht oder zehn Spurrinnen nebeneinander, die sich bis zum Horizont schlängeln. Der Grund dafür ist einfach: Immer wenn ein Track nicht mehr befahrbar ist, weil sich beispielsweise die kleinen Waschbretthügel gebildet haben, die jedes Fahrwerk früher oder später zerstören, wird einfach ein neuer Weg querfeldein gesucht, und dadurch entsteht eben ein neuer Track. Links, rechts – an einigen Stellen kann ich kaum den Lenker festhalten und komme mächtig ins Schlingern., so tief ist der Sand bereits. Auch nach meiner tagelangen Fahrt durch Alaska vor einigen Wochen fällt es mir immer noch schwer, umzusetzen was ich beim Offroad-Training in Hechlingen gelernt habe: Im stehen fahren und – vor allem: Gas geben! Geschwindigkeit ist der einzige Weg, denn er stabilisiert die Maschine – die ich bereits hier fast das erste Mal samt Gepäck auf die Seite lege. Puh! Nochmal Glück und nur ein wenig Adrealin im Blut gehabt. Das Abendprogramm: Zelt aufschlagen, Tee und Tütensuppe kochen und ab in den Schlafsack – wie so oft in den nächsten Wochen.

Leider gehen viele Mongolen sehr respektlos mit ihrer einzigartigen Natur um, so dass es am nächsten Morgen schwer fällt den Instantkaffee, unweit der kleinen Müllhalde, die wir neben dem See entdecken, zu genießen. Doch dieses Bild, wird sich in den kommenden Woche leider fast täglich bieten. Auf vielen Hügeln, die wir passieren, entdecken wir Plastiktüten, am Straßenrand liegen kaputte Vodkaflaschen und am Rand der vielen kleinen Ortschaften wird alles verbrannt, was übrig bleibt. Und so wie viele Menschen hier ihre Landschaft behandeln, so gehen nicht wenige von Ihnen leider auch mit Fremden um. Auch wenn ich mich anfangs noch sehr bemühe, es nicht als solche zu betrachten, wird fast jeder Halt an einer Tankstelle oder an einem der kleinen Lebensmittelläden zur Belastungsprobe für mein ganz grundsätzlich doch eher friedliches Gemüt.

Vorweg: Ja, ich verstehe, dass ein Motorrad wie meines, allein aufgrund der wirtschaftlichen Situation des Landes, mehr als nur selten ist. Und ja: Ich verstehe auch, dass dementsprechend die Neugier groß ist und das Motorrad bereits nach wenigen Minuten umringt und wird betrachtet muss, als wenn gerade ein Raumschiff gelandet wäre. Was ich allerdings nicht verstehe ist, dass auf die ebenfalls natürlichen Fragen „Wo kommst Du her?“, „Wo willst Du hin?“ und „Was kostet Dein Motorrad?“ sich hier vollkommen selbstverständlich und ungefragt einfach auf das Motorrad gesetzt, alle Knöpfe und Schalter betätigt, der Helm aufgesetzt und/oder ohne zu kuppeln die Kupplung getreten wird. Was im Übrigen so lange gut geht, bis mir nach fast zwei Wochen, in der Mittagsonne und somit mit der nötigen Betriebstemperatur, einfach mal der Arsch platzt.

Zum Tathergang: Auch nach mehrfachen und eindeutigen Bitten und Gesten macht der Jurtenonkel einfach keine Anstalten von meinem Motorrad steigen zu wollen. Obwohl er merkt, dass mich das scheinbar stört, bleibt er einfach sitzen. Als er Anstalten macht den Zündschlüssel umzudrehen, gehen bei mir alle Lampen auf tiefrot und ich zieh ihn einfach am Kragen von meinem Motorrad. Vollkommen übertrieben und provokant lässt er sich zwischen die 80-Oktan-Säule und seinen LADA mit einem Schaf auf dem Rücksitz fallen, aber auch so, dass es bitte auch jeder sieht. Das Arschloch! Obendrauf gibts noch einen dicken Mittelfinger von mir, der im Nachhinein betrachtet, vollkommen dämlich und übertrieben war. Die anschließende Rangelei zwischen ihm, mir und seinem dicken Kumpel, wird nur durch den alten Tankwart verhindert, der mir später bekundet, dass er sich das ganze Schauspiel auch nicht länger angeguckt hätte. Fakt ist allerdings auch: Hier hätte ich den kürzeren gezogen, gerade mit Blick auf die Ringererfahrung vieler Mongolen.

In Tsetserleg, einer kleinen Stadt umgeben von malerischen Bergen in der mittleren Mongolei, trennen sich auch die Wege von Mark und mir. Während ich noch einen Tag in einem kleinen, französisch geführten, Hostel verbringe und die Zeit nutze um meine ganzen Bilder und Videos zu sortieren, folgt er den Routentipps von Michael, einem schweizerischen Motorradfahrer, den wir ebenfalls in Ulan Bator kennengelernt haben. Die meisten Menschen hier nehmen die so gennate Süd- oder die Nordroute und damit zwei Wege, die sich als fahrbar und sehenswert herausgestellt haben. Mark fährt durch die Mitte Richtung Westen, und ich folge ihm nur einen Tag später, da auch ich diese Route innerlich als machbar abgespeichert hatte – was sich allerdings schon bald bitter rächen soll.

Die ersten hundert Kilometer folge ich einer relativ großen Straße in Richtung Uliastai, die aktuell abschnittsweise ausgebaut und damit geteert wird. Immer wieder zwingen mich die großen Baustellen auf kleine Tracks auszuweichen, die allerdings auch noch relativ einfach zu befahren sind. Doch schon bald fahre ich auf Spurrinnen, die zum Teil nicht einmal in meiner drei Jahre alten Karte eingezeichnet und nur mit GPS und Kompass zu finden sind. Ich muss mich sehr aufs Fahren konzentrieren, sodass ich kaum mitbekomme, dass vor mir eine zwei Meter tiefe Sandkuhle auftaucht, die bereits von LKW vollkommen ausgefahren wurde. Ich steige ab um zu testen, wie tief der Sand ist. Scheiße, ich versinke fast fünfzehn Zentimeter darin. Links oder rechts vorbeifahren ist nicht, da dies eine Sandüne ist, die ich mit ihrem Gras auf dem Rücken einfach mal nicht gesehen habe. Also:

Gas geben, aufstehen und durch. Doch ich bin viel zu langsam und halte obendrein viel zu verkrampft meinen Lenker fest. Ich versuche noch mich abzustützen doch es hilft nichts. Die Maschine kippt zur Seite und ich mit ihr.

Etwas erschrocken darüber, wie schnell das dann doch ging, vergesse ich den Notschalter zu betätigen, so dass die Maschine noch läuft, als ich mich unter ihr vergezogen haben. Puh, alles noch mal gut gegangen – ich und mein Motorrad sind im Sand weich gefallen. Ich versuche mich zu konzentrieren und das zu machen, was ich gelernt und zu Hause schon geübt habe. Erstmal den Helm absetzen und die Jacke ausziehen, in der ich fast eingehe bei der Sonne. Dann nehme ich die Taschen vom Motorrad und baue meine Alukoffer ab. Die Maschine liegt auf der rechten Seite, so kann ich auf der linken Seite den Seitenständer ausklappen und sie später darauf fallen lassen. Jedes Gramm muss runter, damit ich eine realistische Chance habe, das Motorrad allein wieder aufzurichten – über 260 kg inklusive Benzin. Ich weiß, dass es keinen Sinn macht, halbherzig zu versuchen, über den Lenker, mit dem man die größte Hebelkraft hat, die Karre nach oben zu wuchten. So atme ich noch einige Male tief ein und aus, bevor ich all meine Kraft zusammennehme und es tatsächlich schaffe die Maschine aufzurichten.

Einmal in Fahrt setzte ich mich sofort wieder aufs Motorrad und navigiere es mit viel Gas und reichlich Kupplung aus dem tiefen Sandloch. Boah! Was ein Kraftakt! Dass es so schwer ist, hatte ich irgendwie verdrängt. Allerings war ich mir darüber bewusst, dass dies passieren würde. So bin ich dann doch irgendwie erleichert darüber, dass ich diese Erfahrung nun auch gemacht habe, und packe ich meine Sachen wieder aufs Motorrad und fahre weiter – leider immer weiter und weiter in sandiges Gebiet, einen Ausläufer der Gobi.

Es wird immer heißer, so dass ich regelmäßig anhalte um literweise Wasser in mich hineinzuschütten und die Konzentration zu behalten. Doch allein in den kommenden drei Stunden lege ich mein Motorrad zwei weitere Male auf die Seite. Ich schaffe es einfach nicht, immer die hohe Geschwindkeit von 50km/h und mehr zu fahren, die einen über den Sand bringt. Hinzu kommt, dass ich die BMW immer und immer wieder mit dem Hinterrad tief in den Sand eingrabe. Eine Position, aus der ich mich oftmals nur durch eine schleifende Kuppung und wieder viel Gas befreien kann, was schon bald die Motortemperatur extrem ansteigen und die Ölwarnleuchte angehen lässt. Als ich einen kleinen Hügel erreiche und mich umschaue, begreife ich in welcher Scheiße ich stecke.

Egal in welcher Richtung – überall ist teifer Sand bis zum Horizont. Mein Wasservorrat geht zu neige und ich muss mir eingestehen, dass ich nicht nur mich, sondern auch mein Motorrad falsch eingeschätzt habe. Ich weiß, dass ich hier allein nicht mehr rauskomme und bekomme ein wenig Angst.

Ein Blick auf die Karte und mein GPS verrät mir, dass der nächste Ort zum Glück nur noch wenige Kilometer entfernt zu sein scheint. Ohne zu wissen, was und wer mich dort erwartet mache ich mich auf Weg. Und auch wenn es an dieser Stelle vielleicht besonders stört, möchte ich hier mal meinen Film erwähnen – der hoffentlich am Ende meiner Reise entsteht. In diesem wird dann zu sehen sein, wie und dank welchen tollen Menschen ich es geschafft habe, am nächsten Morgen wieder eine Asphaltstraße unter meinen Rädern zu haben.

Immer noch ein wenig erleichert zumindest dem tiefen Sand entkommen zu sein, bin ich nun im äußersten Nordwesten der Mongolei angekommen. Obwohl der See eiskalt war, habe ich das Bad in ihm sehr genossen. Denn nach weiteren zwei Tagen auf dem Motorrad stand „Wasch Dich mal!“ ganz oben auf meiner inneren To-Do-Liste. Erfrischt und vollkommen beindruckt von der sich schnell wechselnden Landschaft hier, die mit ihren Kühen und den tiefgrünen Wiesen, ein wenig an die Ostsee erinnert, fahre ich wieder einmal viel zu lange, sodass es schon fast dunkel ist, bis ich das Zelt aufbaue. Am nächsten Morgen möchte ich das großen Tal durchfahren, das ich bereits auf meinem GPS gesehen habe. Da es nahezu unmöglich erscheint, frisches Obst, Gemüse oder richtiges Brot zu kaufen, gibt es auch an diesem Abend eine Dose Fisch, ein paar Butterkekse und getrocknete Früchte aus der Tüte – die ich schon irgendwie nicht mehr sehen kann. Aber nun denn.

Wow! Wahnsinn! Ich mache bestimmt zehn Bilder, als ich mit dem Motorrad über den kleinen Bergkamm fahre und am nächsten Morgen über das Tal blicken kann, das sich kilometerweit vor mir ausbreitet. Den Warnhinweis, dass man auch hier keine Spurrinnen bilden soll, ignoriere ich gekonnt. Spaß muss sein! Dafür bin ich doch hier, und genau dafür habe doch dieses Motorrad. Kaum bin ich die ersten 300 Meter bergab gefahren, verlasse ich die einzige Fahrspur, die das Tal auf kürzestem Weg direkt durchquert. Der Boden der Steppe ist so glatt und sein Gras so kurz, dass man hier Gas geben muss: 20, 30, 40, 50, 70, 80 km/h, und die Berge vor mir scheinen für Minuten fast gar nicht näher zukommen, so weit sind sie entfernt. Ich halte kurz an einem Tierkadaver an, der schon seit Wochen hier liegen muss. Selbst Maden und Fliegen sind schon nicht mehr zu sehen.

Und weiter. Volle Kanne! Doch plötzlich wird es steinig. Überall liegen erst kleine und dann immer größere Felsbrocken. Ich komme mir vor wie Han Solo, der mit seinem Millennium Falken durch ein Asteroidenfeld fliegt. Ich werde extrem langsam, anders sind die Dinger nicht zu umfahren. Ich schaue nur ganz kurz auf meine GPS, doch das ist ein Fehler. Mit dem Vorderrad schaffe ich es noch über den schuhkartongroßen Felsbrocken – mit dem Hinterrad nicht mehr. Ich kippe nach rechts und knalle mit der Seite auf den etwas größeren Stein, an dem ich eigentlich vorbeifahren wollte. Uff, das habe ich nicht kommen sehen. Bereits beim ersten tiefen Atemzug merke ich einen stechenden Schmerz in der rechten Seite. Ich bin etwas benommen und träume anfangs ein wenig vor mich hin.

Dieses Mal brauche ich fast eine Viertelstunde um mein Motorrad von jedem überschüssigen Gramm zu befreien, das ich beim Aufrichten nicht zusätzlich hochstemmen muss. Mit letzter Kraft schaffe ich es. Doch ich weiß, dass ich hier nicht bleiben kann und fahre noch einen guten Kilometer, um mein Zelt etwas windgeschützt und nicht sofort für jedermann sichtbar, hinter einem der kleineren Hügel aufzuschlagen. Das Gewitter kommt immer näher, so dass ich Schwierigkeiten habe, bei dem starken Wind mein Zelt aufzuschlagen. Immer noch etwas gepuscht durch das Adrenalin, das der Sturz hinterlassen hat, werde ich ein wenig wütend und nehme alles ausnahmsweiese nicht so genau. Junge, Junge! Was eine Scheiße! So, Heringe rein und gut! Endlich! Allerdings schaffe ich es kaum, meine Matratze aufzupusten, so weh tut es mit einem Mal.

Und mir ist schnell klar: Die Rippe mein Freund, die ist durch! Erschöpft lege ich mich in mein Zelt und schlafe sofort ein. Es ist zwei Uhr Nachmittags.

Der nächste Tag ist so wie die Pause, die ich im Zelt einlegen muss – leider immer begleitet von Schmerzen. Erst Tag für Tag sollen diese schwächer werden, um mich damit in den kommenden Wochen immer wieder an meinen Stunt in der Steppe zu erinnern. Ich kann kaum die wundervolle Aussicht und die Fahrt enlang des türkisblauen Flusses genießen. Ebenso wenig erholsam ist die nächste Nacht, die ich ebenfalls wieder im Zelt verbinge. Als ich endlich in Olgii, meiner letzten Station vor der Grenze zur Russland ankomme, dauert es nicht lange, bis mich ein junger Typ mit seinem Auto überholt und mich anspricht. Er ist der Sohn eines privaten Guesthousebetreibers und fragt mich, ob ich einen Platz für die Nacht suche. „Und ja mein Freund, das suche ich.“

Mal abgsehen davon, dass sich die versprochene heiße Dusche als nicht vorhanden herausstellt, die eh schon dünne Matratze vollkommen durchgelegen ist, es kein wirklich gut funktionierendes W-Lan gibt und das Essen, wie fast überall in der Mongolei, vollkommen zerkocht und ungewürzt ist, versuche ich es zu genießen irgendwo angekommen zu sein und mich entspannen zu können. Ich lebe zusammen mit drei Generationen unter einem Dach und habe so nochmal die Möglichkeit mongolisches Leben hautnah zu erleben. Doch eigentlich will nur schlafen, wobei mir die aus Amerika importieren Ibuprofen helfen, da ich nachts doch immer wieder von der Rippe geärgert werde. Obendrein nutze ich die Zeit um meine Wäsche zu waschen, Visa-Probleme zu lösen, E-Mails zu schrieben, Lebenszeichen via WhatsApp von mir zu geben und meine Videos und Bilder zu sortieren – die ich von diesen spannenden, wunderschönen aber auch extremen drei Wochen gemacht habe.

Über Facebook erfahre ich, dass auch Mark und Beau ihre Wunden der Mongolei lecken. Sie sind allerdings schon in Novosibirsk angekommen und mischen dort mal wieder den hiesigen Motorradclub auf. Mit Ihnen zusammen möchte ich schon bald weiter nach Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan. Immer in Richtung Süden, den so langsam kommt der Winter.

Mit einer guten halben Flasche „Wässerchen“ im Rücken, versuche ich es Sergey auf dem Heimweg von der Rockerparty an seiner Datsche irgendwie auszureden, doch er und seine Freundin verstehen mich einfach nicht. Oder wollen es in diesem Fall einfach nicht. Mist denke ich, hättest Du doch einfach mal mehr Russisch gelernt. Wir laufen vorbei an alten, zischenden Fernheizungsrohren und kaputten Straßenlaternen. Es ist drei Uhr nachts und so warm wie ich es im Fernen Osten niemals erwartet hätte. Tja, und obendrein hast Du einfach mal beschissen recherchiert, denke ich mir und setze mich in die winzige, spärlich ausgestattete Küche. Nach fast einer halben Stunde kommt Sergey freudestrahlend mit einer Räucherspriale gegen Mücken zurück. Die Frage, warum er jetzt solange durch die Nacht gelaufen ist für mich, versteht er überraschender Weise wieder sofort.

„Weißt Du Christian, es gibt nicht viele Menschen, die einfach so anhalten, wenn wir hier an der Straße stehen und andere Biker grüßen. Und schon gar niemand mit einer BMW, wie Du sie hast. Wir alle freuen uns sehr, dass wir Dich kennengelernt haben. Ich möchte einfach, dass Du noch ein kleines bisschen hier bleibst.“

Im Qualm der Räucherspirale schlafe ich betrunken ein. Als ich am nächsten Morgen aufwache, liegt die Verpackung vom Mittel gegen Mücken direkt neben mir. Nachdem ich begreife, dass ich nicht einen Mückenstich habe und welchen Preis er dafür bezahlt hat, schaue ich mich ein wenig um und muss daran denken, was mein Opa einmal gesagt hat: Die, die am wenigsten haben, geben am meisten. Ich bin in einer runtergekommenen, ehemaligen russischen Kaserne, zwei Stunden entfernt von Vladivostok und in der Küche wird gerade Frühstück für mich gemacht. Als ich Sergey lachen höre, habe ich Tränen in den Augen.

 

 

Fast zwei Tage brauche ich für den großen Sprung von der Westküste der USA nach Südkorea. Einmal von Vancouver über San Francisco bis nach Südkorea. So hatte ich es schon vor Monaten an meinem Schreibtisch zu Hause geplant und gebucht. 16 Stunden davon sitze ich in Flugzeugen. Die restliche Zeit verbringe ich in Wartehallen, Shuttlebussen und Flughafencafés. Was eine tolle Zeit! Ich muss an all die Begegnungen und schönen Ort denken, die ich hatte und gesehen habe. Wie einfach und unbeschwert die letzten Wochen waren, werde ich allerdings noch früh genug merken.

Ich rieche so sehr nach Schweiß, da hilft auch kein drittes Mal Achselnwaschen in der Flugzeugtoilette – auch wenn ich meinem Sitznachbarn diesen Gefallen gerne tuen würde. Als ich endlich in Incheon, der Flughafen-Insel unweit von Seoul, aus dem Flieger steige, merke ich, dass ich tierische Rückenschmerzen habe und mich kaum bewegen kann. Vollkommen übermüdet nehme ich meine beiden großen, schwarzen Taschen vom Rollband, in die ich vor Tagen meine Motorradsachen und meine Kameraausrüstung gepackt hatte – völlig entspannt, in einer millionenteuren Villa mit Blick auf Vancouver Island. Meine restlichen Sachen, wie der Großteil meiner Kleidung, ist in den Koffern meines Motorrads. Und das ist hoffentlich schon heile hier in Südkorea angekommen. Bislang habe ich immer noch keine Bestätigung per E-Mail bekommen von der Spedition – was schon vor zwei Tagen hätte passiert sein sollen. Ich bin nervös und angespannt.

Von einem schwedischen Motorradfahrer habe ich in Kanada am Straßenrand erfahren, dass es ganz in der Nähe des Flughafens einen Campingplatz geben soll. Am Wechselschalter fallen mir im Stehen die Augen zu. Doch es hilft nichts, ich muss mich durchfragen. Nach einer gefühlten Ewigkeit finde ich endlich einen Taxifahrer, der mich versteht und mich die gut fünf Kilometer dort hinbringt, wo angeblich der Campingplatz ist. Ob der Preis richtig ist, denn ich in Won bezahle, weiß ich nicht und es ist mir auch scheißegal. Auch, dass es kein fließendes Wasser auf der Waldlichtung gibt, die zuletzt 1988 – zu Zeiten der olympischen Sommerspiele – mal ein Campingplatz war. Stinkend wie ich bin lege ich mich nachmittags um drei in mein Zelt – froh endlich auf der anderen Seite der Erde angekommen zu sein und endlich schlafen zu können.

Nach fast 12 Stunden wache ich auf. Es hat scheinbar stundenlang geregnet. Unter meinem Zelt verläuft ein kleiner Fluss. Es ist so schwül, dass ich fast ersticke im Zelt – was allerdings auch daran liegen könnte, dass ich in diesem Zelt liege. Ich muss wieder an meinen Sitznachbarn im Flugzeug denken und daran, dass er mir zum Schluss sogar das Deo seiner Frau angeboten hat. Ich fange an zu lachen und genieße für einen Augenblick den Zustand der körperlichen Verwahrlosung. Ja Mensch, das macht es doch auch irgendwie aus. Oder etwa nicht? Das was mich jetzt rettet sind die unheimlich netten Besitzer des ehemaligen Campingplatzes auf der Waldlichtung, die scheinbar alle paar Monate, einem Verirrten wie mir, für fünf Euro, einen Platz neben Ihrer Obstplantage bereitstellen. Sie sind um die siebzig und verstehen nicht ein Wort von dem was ich sage. Aber sie sind herzzerreißend fürsorglich. Direkt vor meinem Zelt steht eine Tüte mit Früchten und einer Rolle Klopapier – eine Kombination, die mir anfangs doch irgendwie zu denken gibt.

Doch die nächsten drei Tage ernähre ich mich fast ausschließlich von Bananen, Wassermelonen und Pflaumen. Was mir nach meiner Zeit in den USA und Kanada, auch mal gut tut. Ich habe nämlich deutlich ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen.

Zwei Wassereimer sind nötig bis ich mich wieder einigermaßen sauber fühle. Was allerdings die Verfügbarkeit des Internets angeht: totale Fehlanzeige. So ein Mist, dabei muss ich doch den Transport meiner BMW vom Flughafen bis in die Hafenstadt Donghae im Norden organisieren. Von dort aus wollen wir beiden in ein paar Tagen mit dem Schiff den Weg nach Russland antreten. Das Problem: Ich selbst darf in Südkorea kein Motorrad fahren, aufgrund irgendwelcher internationalen Bestimmungen. Deshalb muss es in einen Truck verladen und vier Stunden in den Norden gebracht werden. Obendrein muss ich erstmal wissen, ob sie den Weg aus den USA hier her problemlos geschafft hat. Die Lösung kommt schließlich per Telefon. Die Tochter der Besitzer des ehemaligen Campingplatzes versteht mich und erklärt mir am Telefon, dass es irgendwo in dem winzigen Häuschen noch ein Internetanschluss geben muss, den sie mal angeschafft hat und immer noch bezahlt, obwohl sie dort nicht mehr wohnt. Und siehe da, der Router der ersten Generation funktioniert einwandfrei. Mit Wendy, einer Transportagentin in Seoul, die mir in einem Motorradforum empfohlen wurde, schicke ich in den kommenden zwei Tagen unzählige E-Mails hin und her. Solange bis endlich klar ist, dass ich in einem Truck – zusammen mit meinem Motorrad – in den Norden von Südkorea fahren kann. Früh am Morgen geht es los. Zelt, Klamotten, Früchte und Klopapier eingepackt und von meinen Großeltern auf Zeit verabschiedet. Irgendwie habe ich sie ja doch ins Herz geschlossen. Lee mein Fahrer ist mehr als nur nett, doch leider spricht auch eher kein Wort Englisch. Via Google-Translator und anderen Übersetzungsprogrammen, die mir auch in den kommenden Wochen immer wieder nützlich sein werden, verständigen wir uns allerdings doch besser als gedacht.

Die Eastern-Dream, das Schiff mit dem ich von Südkorea nach Russland fahren werde, liegt bereits im Hafen von Donghae. Beim Verladen darf ich allerdings nicht dabei sein, mir wird der Zutritt auf das Hafengelände verwehrt. Die kommenden beiden Tage verbringe ich im günstigsten Hotel der Stadt, in dem noch fast alle Zimmer frei sein, wie man mir am Telefon zu verstehen gibt. Der Grund dafür leuchtet mir schon beim betreten der Eingangshalle ein, in der ein Haufen Zement liegt. Das Hotel ist schon seit Jahren eine Baustelle, nur wenige Zimmer sind noch bewohnbar. Doch der Blick von meinem Zimmer im sechsten Stock auf das Meer und die stürmischen Wellen ist gigantisch. Bis tief in die Nacht sitze ich mit zwei Dosen Bier und Zigaretten am Fenster – so lange bis ich Heimweh und Liebeskummer bekomme. Über zwei Monate ist es nun schon her, dass ich meine Freundin das letzte Mal in den Arm genommen habe. Jeder der schon einmal so verliebt war wie ich, weiß, dass dies eine lange Zeit ist. Dennoch: Hier habe ich auch die Möglichkeit ein wenig runterzukommen und – mehr oder minder – in Ruhe meine Ankunft in Russland zu planen. Im Netz habe ich gelesen, dass russische Motorradclubs eine große Hilfe in diesem riesigen Land sein können. Doch mit Russischkenntnissen die gegen Null tendieren, wird mir beim Anblick der Internetseiten und Foren ganz anders. Ich habe keine Ahnung von diesem Land, seinen Menschen und ich weiß nicht, was mich erwarten wird. Auf gut Glück schicke ich eine E-Mail an die Iron Tigers, den größten Motorradclub in Vladivostok.

Die Easter Dream ist alles andere als ein Traum, mit dem schlechtesten Essen, dass ich in den letzten drei Monaten zu mir genommen habe. Doch sie ist für geschätzte einhundert russische und koreanische Touristen die Gelegenheit günstig nach Russland zu kommen. Die Kabine teile ich mir mit einem Tadschiken in meinem Alter, der mir mehrfach eindrücklich gestenhaft erklärt, dass er als Preisboxer schon in Berlin gekämpft hat. Scheinbar hat er auch schon den einen oder anderen schweren Kopftreffer eingesteckt, denke ich mir jedes Mal, wenn er bei mir einen Kinnhaken andeutet.  Ob er auch meinen Elektrorasierer aus meinem Kulturbeutel geklaut hat, weiß ich nicht. Doch bei unserer Verabschiedung brennt er nicht gerade darauf, dass ich ihn in Duschanbe besuche. Seine Handynummer hat er mir gegeben. Mal schauen, ob ich ihn wiedertreffe.

Am Mittag des zweiten Tages laufen wir im Hafen vom Vladivostok ein. Und ja: Ich bin zu tiefst beeindruckt. Was eine tolle Stadt, was ein schöner Ort! Die Einreiseformalitäten dauern fast über eine Stunde, in der recht angespannt bin. Solange bis ich endlich vor dem Hafengebäude stehe. Ich hatte Bedenken wegen dem Arbeitsvisum in meinem Pass, wobei ich doch zu gleich mit einem Motorrad einreise. Aber: Alles kein Problem. Was mir sofort auffällt: Die Menschen lachen hier nicht, zumindest nicht bei der ersten Begegnung. Nicht das sie unfreundlich wären. Es gehört schlicht weg einfach nicht zu ihrer Kultur. Ein kleines Lächeln, welches bei uns vollkommen normal ist, wird hier als sehr irritierend aufgefasst. Niemand hat einen Witz gemacht, warum sollte man also lachen? Noch weniger zu lachen gibt es beim russischen Zoll, der erst nach weiteren zwei Tagen und Tonnen von Formularen mein Motorrad in die Freiheit entlässt. Hier sind mir Yuri und Svetlana eine große Hilfe. Auch sie werden von anderen Motorradreisenden in unterschiedlichen Foren empfohlen. Oder anderes: Ohne sie scheint es nahezu unmöglich, ein Motorrad in der Tiefgarage des Zolls wieder in Empfang nehmen und zusammenschrauben zu können. Wofür ich am Ende die fast 200 Euro tatsächlich bezahle, ist mir nicht vollkommen klar, unabhängig davon, dass die beiden einen hervorragenden Job gemacht und ihren Teil davon mehr als verdient haben. Fest steht: Die gesamte letzte Woche, der Transport meines Motorrads und meiner Wenigkeit von den USA bis hierher nach Russland, war wahrscheinlich die teuerste Woche meines Lebens und es haben so einige Menschen daran verdient – offiziell und inoffiziell.

Alexander, der Vize-President der Iron Tigers – hat geantwortet. Ich bin herzlich willkommen bei ihnen und kann vorbeikommen wann ich möchte. Nach den ersten Tagen in einem Hostel in der Nähe des Hafens, kann ich nun endlich meine Sachen aufs Motorrad packen und die ersten Meter auf russischen Straßen machen – auf denen es scheinbar nur sehr wenige Regeln gibt und die werden einfach mal ignoriert. Der Empfang ist rau aber mehr als herzlich. Wie schon viele andere Motorradreisende vor mir, kann ich in einem Zimmer über dem Clubraum schlafen. Nette Gespräche und Tipps für meine Reise durch Russland gibt’s umsonst, alles andere muss ich mir selbst organisieren. Genauso wie ein Paket aus Deutschland, dass eigentlich schon vor Tagen hätte ankommen müssen. Das Problem: Gerade Bremsbeläge und Luftfilter sind für mein Motorrad in Russland und den Stan-Staaten nur schwer bis gar nicht zu bekommen, ebenso wie gute Straßenkarten und Outdoor-Kleidung. Aus diesem Grund habe ich mich für den Versand aus Deutschland entschieden. Was ich mir anfangs viel leichter vorgestellt hatte. Nach gut einem dutzend Telefonaten mit dem ortsansässigen UPS-Büro wird klar, dass mich gerade wieder einmal die geballte Wucht der russischen Bürokratie treffen wird – garniert mit der landesüblichen Portion Willkür. Das Paket hängt im Zoll fest und niemand kann mir sagen, wie und wann ich es bekommen werde. Andrej, die gute Seele der Motorradwerkstatt, mit der einige Mitglieder des Club ihr Geld verdienen, hat ein wenig Mitleid mir mir und gibt mir schließlich einen Ratschlag, den ich so schnell nicht vergessen werde.

„Christian. Russland ist ein verrücktes Land. Wenn Du verstehen willst, warum das mit Deinem Paket nicht funktioniert, fang endlich an zu saufen. “

Ich nehme mir vorerst vor nicht damit anzufangen. Und damit werden aus geplanten zwei Tagen bei den Iron Tigers am Stadtrand von Vladivostok fast eine ganze Woche, bis endlich klar ist, dass ich das Paket am Flughafen in Vladivostok abholen kann. Fest steht: Ohne die Hilfe von meiner Familie und meiner Freundin wäre es niemals hier angekommen. Auch wenn Ihr immer behauptet es sei selbstverständlich, vielen vielen Dank dafür! Früh am morgen verstaue ich schließlich den Inhalt meines Care-Pakets auf dem Vorplatz des runtergekommenen Flughafengebäudes, das von allen als „das Neue“ bezeichnet wird. Ich kann es kaum erwarten. Endlich bin ich wieder auf der Straße – in Russland! Kilometer für Kilometer fahre ich in Richtung Norden – immer entlang der Strecke ders Transsibirischen Eisenbahn, die mich noch für viele Tage begleiten wird. Erst als die Sonne schon fast untergegangen ist, biege ich in einen Feldweg ein und schlage mein Zelt auf.

Am zweiten Tag fahre ich erst gegen Mittag los. Bis man alle seinen Sachen auf dem Motorrad hat, dauert es dann eben doch und irgendwie bin ich auch aus der Übung. Nur die Hauptstraßen sind hier asphaltiert und nur selten in gutem Zustand. Viele Häuser sind verfallen. Überall findet man Müll am Straßenrand. Dazwischen stehen Stände an denen getrockneter Fisch, selbstgemacher Saft und käufliche Liebe angeboten wird. Überall entdecke ich riesige Industrieruinen und rostige Traktorenwracks. Die Englishkenntnisse aller Beteiligten auch hier: totale Fehlanzeige. Niemand versteht auch nur ein Wort von dem was ich sage. In einem kleinen Laden bleibt mit nichts anderes übrig, als auf alles zu zeigen und nett zu lächeln – was wiederum niemand erwidert. An diesem Tag komme ich nicht weit. Nach gut einhundert Kilometer, sehe ich an einem kleinen Straßenkaffee eine Gruppe russischer Motorradfahrer, die mir schon von weitem zuwinken. Ich kann sowieso ein Pause gebrauchen und halte an. Wie so oft in Russland wird sofort meine Maschine genau begutachtet. Gerade BMW-Motorräder sind hier extrem selten. Wie so vieles hier, sind auch ihre Bikes second oder thirdhand aus Japan importiert. Schnell wird klar, dass sich wieder meine Übersetzungsprogramme auf dem Handy als sehr nützlich erweisen. Nur Sergey und seine Freundin sprechen ein wenig English. Wo komme ich her? Wo will ich hin? Das ich eine Weltreise mache, ist so unverständlich, wie die Tatsache, dass ich allein unterwegs bin. Nach gut einer Stunde und zwei Kaffees später ist es zu spät zum weiterfahren. Ohne, dass ich dies wirklich mitbekommen haben, sind schon vor einer halben Stunde zwei Leute losgeschickt worden um Essen und Schnaps zu kaufen. Dass ich eingeladen bin und die Aufforderung ihnen zu folgen, ist irgendwann unmissverständlich. Als wir an Sergeys Datsche, einem kleinen Holzhaus am Stadtrand eines Dorfes ankommen, ist es fast dunkel. Doch schnell brennt ein Lagerfeuer und ja: auch der Wodka in meiner Speiseröhre. Ich habe einen tollen Abend mit vollkommen fremden Menschen, die so nett zu mir sind, dass ich es fast nicht genießen kann. Satt, betrunken und attackiert von Mücken machen wir uns mitten in der Nacht auf den Weg zu seiner Wohnung. Als ich ihn frage, ob er Gitter vor seinen Fenstern hat, schaut er mich etwas verwundert an. Mein Spray habe ich in meinem Motorradkoffer vergessen, so wie meinen Kulturbeutel. Ich versuche ihm auszureden wegen mir nochmals zum Supermarkt zu gehen und ein Mittel gegen Mücken zu kaufen. Nach einem starken Instantkaffee, den einzigen Kaffee den die Russen zu kennen scheinen, einigen Pfannkuchen und ein paar festen Umarmungen, werde ich noch gut zwanzig Kilometer eskortiert. Ich habe tierische Kopfschmerzen und wieder Tränen in den Augen, wenn ich an das denke, was ich erlebt und welche tollen Menschen ich kennengelernt habe. Langsam wird mir klar, wo ich bin und was auf mich zukommen könnte.

Auf meinem Weg treffe ich erneut ein paar russische Motorradfahrer. Helge stammt aus Moskau und scheint schon die ganze Welt bereist zu haben auf seine Yamaha Ténéré. Er spricht sehr gut English und gibt mir schnell zu verstehen, dass ich in diesem Teil Russlands besser nicht am Straßenrand campen sollte. Es sei einfach zu gefährlich, gerade mit meinem Nummernschild und einem Bike wie ich es habe. Auch Motorräder auf Motel-Parkplätzen sollen in letzter Zeit schon öfters den Besitzer gewechselt haben. Doch was habe ich, gerade mit meinem bescheidenen Russisch, für eine Alternative? Nach einem kurzen Zögern gibt er mir dann die Eintrittskarte in eine Welt, die mich in den kommenden zwei Wochen tief beeindrucken wird. Acht Telefonnummern von Motorradclubmitgliedern entlang meines Weges bis zum Baikalsee. Auf die Frage warum er das macht, erklärt mir sein Kumpel.

„Diese Jungs werden dir alle helfen. Egal wo Du bist, wann Du wo ankommst und was Du für Probleme hast. Wir scheißen hier in Far East Russia auf die Hells Angels und Nachtwölfe. Moskau ist weit weg. Du fährst ein Motorrad und das ist das was hier zählt.“

Mehr als 2500 Kilometer lege ich in den nächsten Tagen zurück – über Khabarovsk, Belogorsk und Magocha bis nach Chita. Fast jeden Abend verbringe ich in einem der Motorradclubs, für die es teilweise vollkommen normal zu sein scheint, fremde Biker zu beherbergen. Niemand schaut mich schräg an oder behandelt mich schlecht. Ich treffe vor allem viele Kasachen, Tadschiken und Russen. Gerade ihre doch teilweise sehr alten und immer wieder reparaturbedürftigen Motorräder erfordern sichere Anlaufstellen für die Nacht. Da kommt die „Bikepost“, wie sie diese Unterkünfte nennen, mehr als nur gelegen. Fast immer gibt es eine kleine Werkstatt, eine Kochgelegenheit, ein paar durchgelegene Sofas und eine Wolldecke. Englisch können hier nur die wenigsten, doch alle sind sehr hilfsbereit und freuen sich, jemanden wie mich zu treffen. Sauberkeit wird nur selten großgeschrieben, genauso wie der Begriff Esskultur. Gegessen wird viel, immer, deftig und alles durcheinander. Kaviar aus der Dose, geräucherte Wurst, Schinken, Brot, Schokolade, Süssigkeiten und natürlich Wodka in sämtlichen Variationen – mit und ohne Etikett. „Tschut, tschut“ bedeutet in etwa so viel wie „nur ein bisschen“. Und damit beginnt es fast ausnahmslos immer. Schnell lerne ich, dass man nur dann ohne Kopfschmerzen davon kommt, wenn man schon das verweigert. Was nicht immer ganz leicht ist, denn die Russen sind extrem hartnäckig, gerade wenn es darum geht ihre Gastfreundlichkeit unter Beweis zu stellen. Fast selbstverständlich schreibt irgendjemand eine SMS oder eine WhatsApp-Nachricht, sobald ich morgens irgendwo losfahre. Damit ist sichergestellt, dass Menschen wissen, dass ich bald bei Ihnen ankommen müsste.

In der Bikepost in Chita lerne ich Beau und Mark kennen, die ebenfalls dort gestrandet sind. Beau stammt aus Australien und Mark aus den USA. Sie sind bereits seit sechs Wochen zusammen unterwegs und sind die Strecke von Magadan bis hier her gefahren – die berühmte Road of Bones, eine der härtesten Straßen der Welt. Doch nicht nur deshalb hat sich vor allem der Aussie ziemlich schnell meinen größten Respekt verdient. Sein Budget für die Weltumrundung ist extrem klein, umso größer dafür die Löcher in seinen Motorradklamotten. Sein Motorrad, eine alte Kawasaki, hat er in den Staaten für eine schmale Mark gekauft und an einem Tag für die Reise präpariert. Auch wenn er scheinbar sehr viel über Motoren und Elektronik weiß: echt mutig!

Wir drei verstehen uns gut und schnell wird klar, wir fahren erstmal zusammen weiter. Wir haben fast dieselbe Route – Baikalsee, Mongolei, Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan. Nochmals in den Supermarkt, meine russische SIM-Karte fürs Handy aufladen und los. Leider  – einen billigen Straßenreifen mit dubioser Herkunft. Er wird schnell heiß und löst sich schließlich während der Fahrt von der Felge. Zum Glück hat er es schnell genug gemerkt und konnte anhalten. Einen Ersatzreifen oder passenden Schlauch haben wird nicht. Flicken oder dergleichen ist zwecklos. Das heißt, auch wenn uns das allen nicht schmeckt: Wir müssen einen Truck finden, der Beau und sein Motorrad bis nach Ulan Ude mitnimmt. Die Sonne brennt vom Himmel. Es sind 32 Grad. Wir lösen uns ab und stellen uns abwechselnd an die Straße um einen Truck zum Anhalten zu bewegen. Es dauert über zwei Stunden bis zwei Russen mit ihrem LKW anhalten. Einer von ihnen hat die mit Abstand härteste Schnapsfahne die ich in meinem ganzen Leben gerochen habe. Aber es hilft nichts, eine zweite Chance wird es nicht geben. Zu unserem Erstaunen ist die Ladefläche des LKW alles andere als leer. Sie investieren eine gute Stunde um Platz zu schaffen und anschließend gemeinsam mit uns das Motorrad auf die Ladefläche zu hiefen. Beau muss im Truck mitfahren und selbst gucken wo er bleibt. Mark und ich machen uns ebenfalls auf den Weg nach Ulan Ude, allerdings nicht ohne ständig via WhatsApp mit dem Aussie in Kontakt zu bleiben. Sicher ist sicher. Wir fahren bis tief in die Nacht. Viel zu lange, um schließlich in einem völlig überteuerten aber dafür miesen Hotel am Straßenrand zu übernachten.

Zwei Tage später sitzen wir – wieder vereint – in den Sätteln unsere Motorräder und schauen uns den Sonnenuntergang am Baikalsee an. Beau hat einen Reifen mit 50 Prozent Restprofil über die dortige Bikepost bekommen können – immerhin etwas. Was ein wunderschöner Ort. Da ist eine Nacht im Zelt am Rand des tiefsten Sees der Erde absolute Pflicht. Von hier aus machen wir uns am nächsten Morgen zusammen auf den Weg nach Irkutsk, wo wir uns für ein paar Tage ein Appartement mieten. Wir alle wollen bald in die Mongolei und da ist dies die Gelegenheit sich dafür zu rüsten. Das heißt: Nochmal richtig einen trinken gehen, gute Stollenreifen kaufen, Zelte flicken, Ersatzteile besorgen, Ölwechsel machen und mal wieder zum Friseur gehen. Das haben wir alle dringend nötig.

„Aber den Bart lässt Du schön dran mein Lieber und züchtest ihn ab jetzt. Den wirst Du in Pakistan brauchen, damit Du nicht so auffällst. “

Rät mir Mark, mit ausnahmsweise doch recht ernster Miene. Er ist extrem erfahren was solche Touren wie die unsere angeht. Sobald er von Pakistan, Afghanistan und Afrika erzählt, höre ich gespannt zu. Uns beiden ist klar, dass ich seine Tipps für sichere Straßen, mögliche Militäreskorten und Kontaktadressen wahrscheinlich noch gut gebrauchen kann. Und ja: Es kommt dann alles doch immer so wie es kommen soll. Seit fast zwei Wochen deutet sich nämlich ein riesiges Problem für mich an. Die pakistanische Botschaft in Deutschland akzeptiert meine Unterlagen nicht, die ich über eine Visaagentur dort eingereicht habe. Sie möchten die persönliche Einladung eines pakistanischen Staatsbürgers sehen. Ohne diese werde ich nicht einreisen können, was wiederum meine gesamten Reisepläne über den Haufen werfen würde. Denn auch an der chinesischen Grenze würde man mich abweisen, da ich am anderen Ende des Landes nicht ausreisen könnte. Ob und wie das alles klappt wird sich zeigen.

Jetzt mache ich mich bald erstmal wieder auf den Weg – in die Mongolei. Und darauf freue ich mich sehr.