No passport – no Pakistan

„Es wird kein gutes Jahr für uns. Unser Ochse ist vor einer Weile da vorne den Abhang hinunter gestürzt. Sein Verkauf hätte uns das Essen für viele Tage eingebracht“, sagt Yam leise und deutet in Richtung Flussufer, das am Rand des Slums liegt. Dann lächelt er wieder zuversichtlich und bückt sich, um mit seinen Händen den dampfenden Mist seiner drei Kühe auf eine Plastiktüte zu werfen. Gerade jetzt im Winter braucht er ihn, um den kleinen Garten neben dem Wohnhaus zu düngen. Hier wachsen, wenn es die Witterung erlaubt, ein paar Kartoffeln, Zwiebeln und etwas Salat. Das einzige was er einmal im Monat für seine Familie und sich kaufen kann, ist ein Sack Reis, Bohnen und ein paar Gewürze. Für mehr reicht das Geld, das er und sein Frau jeden Tag versuchen aufzubringen, nicht. Auch wenn er es sich noch so sehr wünscht, das Geld um seine drei Söhne zur Schule zu schicken, kann er allein nicht aufbringen. Ich lasse die Kamera sinken und schaue zu den beiden Ältesten herüber. An ihren dreckigen, rissigen Füßen tragen sie nur Sandalen. Ihre dünnen Pullover sind so löchrig, wie das alte Bettgestell, auf dem sie sitzen und lernen. Winterjacken und Spielzeug haben sie nicht. Nur einen Fußball und ein Paar viel zu große, alte Fussballschuhe. „Wie viele Kühe hast Du?“, fragt mich Pradeep, der Jüngere von den Beiden. Ich sage „Gar keine“ und setze mich neben ihn. „Wir haben drei und eine neue Ziege“, sagt er stolz und schaut mich etwas tröstend an. Mir fällt es schwer etwas zu sagen.

Mein Blick fällt auf den großen Riss in der Hauswand, den das Erbeben hier vor ein paar Monaten hinterlassen hat. Und dann schaue ich nach oben und sehe wieder die riesigen Adler über uns. Sie symbolisieren, hier in Nepal, den Erhalt des Lebens.

 

Fast drei Wochen vorher. Es ist früh am Morgen, als ich mit meinen Packtaschen aus dem Hostel in Amritsar vor die Tür trete. Ich hatte mir fest vorgenommen bis zum Jahresende Indien zu verlassen. Das Land, in dem ich so viel erlebt habe und das meine Reise so sehr geprägt hat – im Guten wie im weniger Guten. In drei Tagen haben wir Silvester, und bis zur pakistanischen Grenze brauche ich nur eine halbe Stunde. Es sieht also gut aus, dass ich das schaffe. Die letzten Tage waren entspannt. Vollkommen unerwartet hatte ich eine coole Silvester-Party in Amristar. Tagsüber habe ich stundenlang die Leute auf ihren Hausdächern beobachtet und mit ihnen Drachen steigen lassen. Und klar: Auch die berühmte Grenzzeremonie habe ich mir angeschaut – die zu den skurrilsten Sachen zählt, die ich je gesehen habe.

Nachdem ich mich und meinen Kram verstaut und mich von allen verabschiedet habe, rangiere ich mein Motorrad aus der kleinen Einfahrt. Ein Stück nach vorne, einschlagen, zurück und wieder nach vorne. Meine Hand und die Schraube in ihr merke ich dabei doch noch ganz ordentlich. Aber es hilft nichts, ich muss weiter – nach Wagah. Jeder, der jemals an diesem Grenzübergang war, weiß, was einen bei diesem Namen erwartet. Nirgendwo scheint die tief sitzende, vorwiegend politisch basierte Feindschaft zwischen Indien und Pakistan deutlicher zu werden, als hier. Wagah gleicht in Teilen eher einem Gefängnis, als einem Grenzübergang. Der Unterschied: Seine Insassen können es verlassen, nachdem sie strenge, langwierige Kontrollen über sich haben ergehen lassen.

Doch erstmal dort ankommen. Kilometerlang erstreckt sich auf indischer Seite die staubige Schlange der buntbemalten Trucks, die ebenfalls auf die andere Seite wollen. Viele der teils extrem jungen Fahrer – und wir sprechen hier von 16 und teilweise noch jünger – warten hier oftmals tagelang, bevor sie die Räder in Richtung Pakistan rollen lassen können. Nach den ersten beiden obligatorischen Passkontrollen werde ich, wie so oft als Tourist in Indien, auch hier bevorzugt behandelt und bei der Ausgabe des Kontrollbogens, der bis zu meinem tatsächlichen Verlassen Indiens mehrere Stempel bekommen soll, an der Schlange vorbeigeschleust und schnell abgefertigt. Mit ernster Miene weist man mir dann den Weg zur offiziellen Einreisestelle. Mal nebenbei: Auch wenn ich das hier alles vor fast drei Monaten schon mal gesehen habe, dennoch ist es mir extrem fremd.

Nachdem ich hier, nach über einer Stunde Wartezeit endlich meinen Stempel in den Pass bekommen habe, steht der Zoll auf dem Programm, der mein Motorrad, mein Carnet de Passages und meine Wenigkeit genauestens unter die Lupe nimmt. Jede Tasche, jeden Beutel und jeden Koffer muss ich öffnen und die Zöllner hineinblicken lassen. Was ist das? Was ist dies? Aha, ein GPS-Gerät? Wozu brauchen Sie das? Puh! Wonach sie hier wirklich suchen sind Satellitentelefone, Waffen und Falschgeld. Eben nach allem, das bekanntermaßen in Verbindung mit terroristischen Aktivitäten steht. Und so vergehen über zwei Stunden, bis ich endlich durch die eigentliche Sicherheitszone, mit seinen meterhohen rostigen Zäunen und Stacheldrahtrollen in Richtung der pakistanische Grenze fahren kann.

Hier nach fünf Minuten angekommen, erkennt mich der Hausmeister-Typ, der mir bei meiner Ausreise vor drei Monaten schätzungsweise illegalerweise Geld gewechselt hat, sofort. Unter uns: Leider wusste ich es nicht besser, aber der Kurs war extrem beschissen. Er begrüßt mich schon von einigen Metern Entfernung und grinst bis über beide Ohren. Auch einer der anderen Grenzbeamten scheint mich sofort zu erkennen und winkt mir freundlich zu. Mir wird klar, dass hier so viele Motorradreisende doch nicht durchkommen. Ich bin erstaunt und freue mich zugleich irgendwie. Wieder mal erlebe ich einen tollen Empfang in Pakistan – in diesem von Terrorismus und Vorurteilen gebeutelten Land. Guter Dinge fülle ich den obligatorischen Einreisebogen aus und gebe diesen, zusammen mit meinem Reisepass, der attraktiven jungen Dame hinter dem Schalter, die mich vollkommen untypisch für Frauen in diesem Land, anlächelt. Wow! Doch schon nach einigen Sekunden merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Ihr Blick hat sich, nach einer ersten Begutachtung meines Passes, schlagartig verfinstert. Was ist los? Sie blättert in meinem Pass hin und her. Dann ruft sie ihren Kollegen herbei. Über meinen Pass gebeugt unterhalten sie sich angeregt. Ich verstehe nur einige englische Wortfetzen wie „No“ und „Not possible“.

Wie bitte? Ihr Kollege, der scheinbar der Vorgesetzte der junge Dame zu sein scheint, schaut plötzlich streng zu mir hoch. Und ich habe plötzlich ein ganz mieses Gefühl. Ich frage ihn, ob es ein Problem gibt. In perfektem Englisch sagt er freundlich aber sehr bestimmend den folgenden Satz.

„Ja, gibt es. Wie es aussieht, können sie nicht nach Pakistan einreisen. Sie besitzen kein gültiges Visum.“ Als er diesen Satz ausgesprochen hat, wird mir ein bisschen schlecht.

Wie? Warum? Ich schaue ihn fragend an und bitte ihn um eine Erklärung, obwohl ich tief in meinem Inneren schon ahne, was beziehungsweise wer das Problem ist, oder besser war. Vorweg erstmal die Kurzfassung: Ich habe vor über zwei Monaten, vor meiner Einreise, auf die Aussage einer pakistanischen Beamtin vertraut – beziehungsweise musste ich das. Und das obwohl ich schon damals ein komisches Bauchgefühl hatte. Und die Rechnung dafür bekomme ich jetzt gerade in diesem Augenblick.

Und hier nun die wichtigsten Details der ganzen Geschichte: Mir war vor meiner Ausreise aus Pakistan, mit Blick in meinen Reisepass, beziehungsweise auf mein Visum bewusst, dass ich, wenn ich von indischer Seite Ende Dezember erneut in Pakistan einreisen möchte, eine Verlängerung für mein Visum benötige. Aus diesem Grund bin ich, circa eine Woche vor meiner Ausreise nach Indien im pakistanischen Innenministerium in Islamabad vorstellig geworden. Eine Verlängerung wurde mir dort allerdings verweigert, mit der Begründung, dass ich diese nicht benötigen werde, wenn ich im Dezember nach Pakistan zurückkehren möchte. Auf meine verwunderte Nachfrage, erklärte man mir weiter, dass die 90 Tage Gültigkeit meines Visums erst mit meiner ersten Einreise am Anfang Oktober begonnen hätten. Demnach sei eine erneute Einreise in Pakistan, wie von mir geplant, Ende Dezember ohne Probleme möglich. Wichtig sei nur und dies müsse ich bedenken, dass meine Visum seine Gültigkeit Mitte Januar, eben 90 Tage nach meiner ersten Einreise, verliert. Auch auf mehrfache Nachfrage hin, blieb sie bei dieser Aussage. Sie wurde zum Schluss sogar schon ein wenig böse, weil sie sich scheinbar in ihrer Kompetenz angegriffen fühlte. Zusammenfassend kann man sagen: Diese Auskunft war der geistige Dünnschiss einer Beamtin, die zwar – wie ich mich gerade erinnern kann – ebenfalls freundlich lächelte, aber leider mal vollkommen unfähig war.

Zurück ins hier und jetzt. Wie ein schlechter Film läuft alles noch mal vor mir ab. Mit einem Mal muss ich an Elyas, meinen pakistanischen Kumpel denken, den ich damals extra, für alle Fälle, als Übersetzer mit ins Innenministerium genommen habe. Auf dem Rückweg zum Auto sagte er mir: „Viele Leute auf den Ämtern hier haben keine Ahnung, von dem was sie machen. Sie haben nie eine Ausbildung genossen oder irgendeine Einarbeitung in ihrem Job bekommen. Einige von ihnen haben den Job sogar gekauft. Sie wissen nur, dass sie morgens um acht ordentlich angezogen an dem Schreibtisch sitzen und dann Stempel auf ganz bestimmte Formulare drücken müssen. Aber die Dame scheint ausnahmsweise gewusst zu haben, wovon sie spricht.“ Und nein verdammte Scheiße, wusste sie nicht. Ich ärgere mich gerade so dermaßen, dass ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört und nicht irgendwas unternommen habe damals.

Schon als ich bei der Hälfte meiner Geschichte angelangt bin, beginnt der Grenzbeamte genervt mit den Augen zu rollen und unterbricht mich etwas schroff. „Auch wenn Ihnen das jetzt an dieser Stelle überhaupt nicht hilft, muss ich Ihnen sagen, dass Sie mit diesem Problem leider nicht der Erste hier sind. Diese Regelung gab es mal, vor einigen Jahren, doch das ist schon längst wieder hinfällig.“ Wie bitte? Meine direkte Nachfrage, warum in Gottes Namen man diesen Schwachsinn dann nicht abstellt, ignoriert er völlig. Freundlich nickend gibt er mir zu verstehen, dass ich gerne fortfahren kann, um ihm meine Situation zu schildern. Doch schon bevor ich dazu komme, ihm zu sagen, dass ich extra mehrfach kritisch nachgefragt habe, merke ich wieder in meinem tiefsten Inneren: Es hilft alles nichts. Aber gut.

Nachdem ich meine Geschichte freundlich und mit dem berühmten vogelschen Dackelblick zu Ende erzählt habe, gibt er mir – nun flankiert von einem Kollegen mit Maschinengewehr, der meine doch sehr emotionale geladenen Ausführungen scheinbar mitbekommen hat – zu verstehen, dass ich hier heute nicht nach Pakistan einreisen werde. Und nein: Auch die Ausstellung einer Visumsverlängerung oder eines Transitvisums, mit der Gültigkeit von einem paar Tagen um das Land zu Durchqueren, ist nicht möglich. Was eine Scheiße!

Das heißt also, ich muss wieder zurückfahren? Zurück nach Indien? Dorthin wo ich eigenlicht nicht mehr sein wollte? Ich muss zurück in das Land, dass ich eigentlich verlassen wollte? Mist!

Die Augen des indischen Beamten, der vor rund einer Stunde als letztes den Kontrollbogen abschließend kontrolliert und einbehalten hat, werden immer größer, als er mich zurückkehren sieht. Seine Verwirrung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Freundlich und mit eine paar Brocken Englisch fragt er mich, warum ich schon wieder hier sei. Ich erkläre ihm, wahrscheinlich spürbar entnervt aber so freundlich wie es geht, meine Situation in Kurzform und darf dann wieder in Richtung Zollgebäude rollen, wo auf mich noch mehr verwirrte Grenzbeamte und ein bürokratischer Marathon warten. Der Grund: Eine Ein- und Ausreise an ein und demselben Tag – über diese Grenze – scheint nicht vorgesehen zu sein. Ganz zu schweigen von der Ein- und Ausfuhr eines Motorrads an nur einem Tag. Niemand scheint so recht zu wissen, was nun zu tun ist. Welchen Stempel benötige ich, um wieder einreisen zu können? Was passiert mit meinem Motorrad? Darf ich das wieder einführen? Zwischenzeitlich sieht es sogar so aus, als müsste ich es und mein gesamtes Gepäck hier an der Grenze lassen. Oh man!

Nur mit Glück bekomme ich gerade noch den Leiter des Zollabteilung zu fassen, der sich vor wenigen Stunden noch als dieser vorgestellt hat und eigentlich schon auf dem Weg in den Feierabend ist. Er hat von der ganzen Aktion scheinbar nichts mitbekommen, weil keiner seiner Untergebenen ihn damit behelligen wollte. Und was soll sagen: Ich mag ihn! Nicht zuletzt weil er es auf vollkommen unbürokratischem Weg möglich macht, dass ich in nur zwei weiteren Stunden, in denen mein Blutdruck mindestens auf 180 ist, meine Rückreise zurück zum 30 Kilometer entfernten Hostel in Amritsar antreten kann. Ich ärgere mich – am meisten über mich selbst. Warum habe ich nicht meinem Gefühl vertraut? Es ist gerade alles extrem frustrierend, doch leider nicht zu ändern.

Doch was nun? Wo bekomme ich auf die Schnelle ein neues Visum für Pakistan her? Wer kann mir helfen? Mittlerweile ist es fast fünf Uhr nachmittags. Doch ich muss es versuchen. Und tatsächlich, bei der Deutschen Botschaft in Pakistan erreiche ich noch jemanden. Doch schnell wird klar, dass ich dort mal an der völlig falschen Adresse bin und dass es wahrscheinlich unmöglich sein wird, ein neues Visum für Pakistan zu bekommen, wenn ich mich nicht in Deutschland befinde. Oh herre! Zurück nach Deutschland? Die Tour abbrechen? Die anschließende Recherche im Internet, die in solchen Fällen oft mühsam, wenig erfolgreich und zugleich verwirrend sein kann, gibt mir dann den emotionalen Todesstoß am Ende dieses beschissenen Tages. Fakt ist: Egal wohin auch immer, ich kann meinen Reisepass nicht mit der Post verschicken. Es ist in Indien gesetzlich verboten. Wer erwischt wird, hat mit einer empfindlichen Strafe zu rechnen.

Was mir in den kommenden Tagen bevorstand und wie ich diese schwierige Situation gemeistert habe, werde ich versuchen in meinem Film zu erzählen. Dieser soll entstehen, wenn ich wieder zu Hause angekommen bin. Wann und wo er zu sehen sein wird, kann ich an dieser Stelle noch nicht sagen. Nur so viel: Auch dieses Mal waren es, neben meiner Familie und meiner Freundin, einmal mehr auch fremde Menschen, die mir geholfen und dazu beigetragen haben, dass meine Motorradweltreise weitergehen kann.

Gut eine Woche später. Ich stehe wieder vor dem Hostel in Amritsar. Es hat die ganze Nacht geregnet, und somit ist es an diesem Morgen doch deutlich kühler als sonst. Wie mir der Bauarbeiter von nebenan auf gebrochenem Englisch versichert, ist nun endgültig der Winter im Nordwesten Indiens eingekehrt. Ein Zustand der für ihn und viele Inder hier unerträglich zu sein scheint. Wolldecken und gefälschte Daunenjacken sämtlicher Outdoor-Marken haben deshalb Hochkonjunktur. Das heißt konkret: Bereits bei +7 Grad Celsius packt man sich hier so dick ein, als stünde die nächste Polarexpedition kur bevor. Jeder scheint aus eigener Erfahrung zu wissen, dass ein Aufenthalt vor der schützenden Tür, von mehr als nur zehn Minuten schwerste Erfrierungen oder gar den sicheren Tod bedeutet. Dementsprechend betrachtet man mich so ungläubig wie einen Yeti beim Kuchenbacken, als ich kurz nach Sonnenaufgang mein Motorrad vor dem Hostel belade. Als ich dann auch noch mein nächstes Reiseziel verkünde, scheint einer der Bauarbeiter sogar Atemnot zu bekommen. Als ich Nepal sage, schnappt er unter seiner Decke aus Yakwolle nach Luft, als wolle er den Lappen am Stück inhalieren. Wahrscheinlich klang zwischenzeitlich auch Reinhold Messner so, als er damals den Mount Everest bezwang, denke ich mir und werde mir gleichzeitig darüber bewusst, dass ich scheinbar doch ein wenig mehr an Kälte gewohnt bin, als die Menschen hier. Schlicht und einfach weil ich als Deutscher gewohnt bin, mir mindestens einmal im Jahr richtig den Arsch abzufrieren.

Es ist so neblig, dass ich kaum die andere Straßenseite sehen kann. Also entschließe ich mich noch einen Kaffee zu trinken, bevor ich losfahre. In Motorradklamotten sitze ich also draußen vor dem Hostel, habe einen dampfenden Kaffee in der Hand und ein wenig Zeit zum Nachdenken – während auf der Baustelle nebenan jetzt der Hammer geschwungen wird, da der Hausherr eben um die Ecke gebogen ist. Die letzten Tage waren mal wieder so ganz anders als ich es geplant hatte. Eigentlich wollte ich bereits pakistanische Straße unter meinen Reifen haben und auf dem Weg zur iranischen Grenze sein. Oder besser: Ich wollte mich eigentlich schon auf dem Weg in Richtung Heimat befinden. Stattdessen habe ich volle zwei Tage in indischen Zügen verbracht, unzählige Telefonate geführt, Tonnen von E-Mails geschrieben, meine und fremde Pässe kopiert und Unterschriften organisiert. Jetzt kann ich nur noch darauf hoffen, dass mein Plan aufgeht. Obendrein brauche ich eine gehörige Portion Glück. Und dann und nur dann werde ich ein neues Visum für Pakistan bekommen. Und damit die Möglichkeit, über den einzigen aktuell einigermaßen sicheren Landweg zurück nach Deutschland zu fahren. Keine schöner Gedanke! Doch hier bleiben und auf Neuigkeiten warten, das kann ich nicht. Also mache ich mich auf den Weg nach Nepal. Auf den Weg in das Land, das ja eigentlich sowieso auf meiner Reiseroute lag und das ich zusammen mit meiner Freundin durchfahren wollte. Bevor zwei Inder auf einem Moped meine Pläne spontan und schmerzhaft geändert haben.

Wie geil! Endlich wieder Motorradfahren. Doch schon nach den ersten Kreuzung, die mich auf die Umgehungsstraße in Richtung Amritsar führt muss ich mir eingestehen, dass ich nach meinem Unfall hier großen Respekt vor dem indischen Verkehr habe.

Um genau zu sein: Vor allem was sich während der Fahrt hinter, neben, unter und sogar über mir befindet – egal ob humanen oder veterinären Ursprungs. Fakt ist: Hier in Indien muss man einfach auf alles und jeden gefasst sein. Unter uns: Ich bin zu der Auffassung gelangt, dass kein Inder ein Auto und Moped besitzen oder gar steuern sollte. Zumindest nicht, so lange ich mich in diesem Land befinde. Aber da dies nicht allzu leicht durchsetzbar ist, muss ich mich mit der Situation abfinden und so vorsichtig wie möglich fahren. 735 Kilometer liegen nun von mir bis zur nepalesischen Grenze, wenn ich die Strecke auf kürzestem Weg zurücklegen möchte.

Ich lasse es langsam angehen. Denn mir wird schnell klar: Mehr als 250 Kilometer sind hier auf den Landstraßen, die ich obwohl ich schon über zwei Monate in diesem Land bin, zum ersten Mal wirklich befahre, einfach nicht drin. Und so verbringe ich die nächsten vier Tage auf dem Motorrad, was mir nach der langen unfreiwilligen Pause richtig gut tut, wie ich merke. Die Abende und Nächte wiederum verbringe ich bei und mit Menschen, die ich zuvor über Couchsurfing kontaktiert habe. Und ja: Es war ein gute Entscheidung, dieses Mal keine kleinen Hotels oder Hostels anzusteuern. Denn dadurch bekomme ich unverhofft noch einmal ganz andere und zum Teil überraschend coole Eindrücke von Indien – diesem Land, das tatsächlich kaum zu beschrieben ist.

So werde ich beispielsweise Teil der berühmten Zeremonie die allabendlichen in Haridwar abgehalten wird. An einigen Tagen versammeln sich hier Tausende von Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen um am Fluss Ganges, ihrer Mutter, wie sie den Fluss nennen, zu feiern und zu ihren Göttern zu beten. Ganz nebenbei: Auch wenn ich es interessant und zugleich irgendwie ganz witzig finde und es vielleicht sogar cool wäre – baden möchte ich in der kalten und teils doch recht dreckigen Brühe nicht. Danke für die Einladung Jungs. Aber ohne mich! Ebenso unverhofft mache ich durch einen Couchsurfer-Kontakt auch Halt in Rishikesh, der Stadt, die weltweit als Yoga-Hochburg gilt und die jährlich von tausenden Anhängern der angeblich so entspannenden Verrenkungen besucht wird. Was vielleicht auch ein wenig dadurch gefördert wird, das hier schon die Beatles Yoga praktizierten, kifften und dabei ihre Inspiration suchten.

Doch wie sangen die Pilzköpfe schon damals? „It’s all about the people.“ Und wenn dieser Satz auf jemanden zutrifft, dann auf Gurpreet und seine bezaubernde Familie, die ich kurz vor der nepalesischen Grenze in Rudrapur anfahre. Mit offenen Armen werde ich hier empfangen, unterhalten und verköstigt – mit den leckersten Gerichten, die die indische Küche zu bieten hat. Ich bin überwältigt von so viel Gastfreundschaft. Vielleicht auch weil ich zumindest in dieser Form, nach all dem was ich hier schon erlebt habe, nicht mehr damit gerechnet habe. Wobei ich sagen muss: Auch anderenorts habe ich hier in Indien viele sehr nette und aufgeschlossen Menschen kennengelernt. Doch das hier ist neu für mich. Was ein schönes Gefühl! Und zugleich macht es den Abschied nach zwei Tagen, bevor ich über die Westseite nach Nepal fahre, wieder einmal schwer. Doch vielleicht komme ich auf der Rückreise nochmal wieder, die Einladung zur Goldenen Hochzeit von Gurpreets Eltern habe kurz vor der Abreise noch zugesteckt bekommen – worüber ich unter dem Helm noch eine Weile grinsen muss.

Ziemlich leicht hingegen, ist der Grenzübertritt zwei Stunden später. Ich bin wieder einmal überrascht über so viel Nettigkeit und Unkompliziertheit – auf indischer, wie auf nepalesischer Seite. Ja, es gibt eben auch solche Grenzübergänge, denke ich mir. Ebenso überrascht mich, wie wenig hier auf den Straßen los ist. Was bedeutet, dass ich hier endlich mal wieder ein wenig Gas geben und meiner bayrischen Kuh den wohlverdienten Auslauf gewähren kann. Auch kurzfristige 120 km/h scheinen hier, auf dem gut ausgebauten zweispurigen Highway, der direkt an der Westgrenze beginnt und Richtung Osten verläuft, kein Problem.

Doch schnell fällt mir wieder ein, warum hier so wenig Verkehr herrscht – zumindest was motorisierte Gefährte angeht. Als ich innerhalb von nur 30 Minuten die zweite geschlossene Tankstelle erreiche, vor der rund ein dutzend LKWs abgestellt wurden, muss ich erstmal anhalten. Die Trucks stehen hier, weil sie keinen Sprit mehr haben und für den Fall, dass es wieder Benzin gibt, sie den Tank sofort wieder füllen können. Hier der politische Hintergrund für die Misere in Kurzform: Nepal befindet sich, wie in den vergangen Jahren schon häufiger, in einer Rohstoff- und damit Wirtschaftskrise. Was diesem Land und einem Großteil seiner Bewohner, neben dem sowieso schon geringen Lebensstandard, enorm zusetzt. Der Grund: Ein Teil der nepalesischen Bevölkerung besitzt indische Wurzeln. Viele dieser Menschen wohnen wiederum nahe der indischen Grenze im Süden des Landes, in Gebieten die sie gerne von Nepal abspalten würden. Was Indien, das für seine Übergriffe auf andere Länder und ihren Grund und Boden bekannt ist, befürwortet und auf teilweise – aus meiner Sicht – dubiosen Wegen befördert. So unterstützen sie inoffiziell Blockaden, die im Süden des Landes auf den großen Zufahrtsstraßen von Nepalesen errichtet und aufrecht erhalten werden, um Druck auf die Regierung auszuüben und die von ihnen gewünschte Abspaltung zu erreichen.

Im Klartext: Nepalesen schaden also dem eigenen Land und ihren Landsleuten, in dem sie beispielsweise keine Rohstoffe, wie Benzin ins Land lassen. Das wiederum kurbelt den Schwarzmarkt enorm an, der wiederum natürlich auch vorwiegend von den Leuten betrieben wird, die die Blockaden errichten. Alles in allem, eine Situation in der ich nicht stecken möchte. Doch leider tue ich das – zumindest für einige Tage und Wochen. Vorsorglich habe ich natürlich auch vor der Grenze noch zwei kleine 2-Liter-Kanister vollgetankt, was mich hoffentlich – wenn ich mich überwiegend mit 80km/h fortbewege – rund 600 km weit, bis zu meinem Ziel Pokhara am Rand des Himalaya bringen wird. Während ich also die teilweise wunderschöne Landschaft genieße und einen ersten zarten Eindruck von den Bewohner dieses Landes rechts und links der Straße bekomme, wandert mein Blick in den kommenden beiden Tagen immer wieder auf den Tacho und meine Tankanzeige. Hier den Bock trocken fahren, ist einfach keine gute Idee!

Die Nächte verbringe ich in kleinen Hotels, die leider nicht so günstig sind, wie man vielleicht meint – zumindest nicht für Touristen. Mit rund 15 bis 20 US-Dollar ist man also auf jeden Fall dabei. Der Grund: Für Ausländer gibt es, wie in vielen anderen Ländern dieser Erde übrigens auch, fast immer einen deutlich höheren Preis. Was für mich allerdings, trotz meines mittlerweile extrem klein gewordenen Gesamtbudgets, in Ordnung geht. Denn klar ist: Reisende sind eine der wenigen Einnahmequellen dieses Landes, das mich an der Grenze so freundlich empfangen hat. Und so komme ich schließlich, nach einer zeitweise atemberaubenden Fahrt durch die ersten kleinen Ausläufer des Himalaya, in Pokhara an – mit fast keinem Sprit mehr im Tank. Puh! Knappe Nummer. Mein erster Eindruck: Es ist eine staubige, diesige, quirlige, bunte und irgendwie sympathische Stadt. Wobei ich diesen Eindruck wahrscheinlich dadurch bekomme, dass mir von mehreren Seiten sofort Hilfe angeboten wird, als ich an der ersten großen Kreuzung anhalte, um mich zu orientieren und nach meinem Handy herumzukramen. Die neue SIM-Karte, die ich mit Hilfe eines Hotelangestellten in einer Nach- und Nebelaktion organisiert habe, ist mittlerweile freigeschaltet und funktionsfähig. Puh! Sehr gut! Umringt und wie so oft begutachtet von allen Seiten, wähle ich die Telefonnummer von Mr. Giri.

Diese habe ich mit der Hilfe von einer Arbeitskollegin bekommen, die sich mit ihrem Verein in Deutschland für eine Schule hier in Pokhara engagiert. Und dafür, dass zumindest einige der unzähligen armen Kinder dieses Landes eine ausreichende Schulbildung und damit eine Chance bekommen. Nach fünf Minuten, die ich mit dem für mich schon etwas zur Routine gewordenen Frage- und Antwortspiel verbringe, hält plötzlich eine 125er Honda neben mir. Und ja: Mr. Giri, der Direktor der Schule, ist genauso offen und warmherzig, wie er zuvor am Telefon klang. Sein breites, zartes Lächeln und seine gütigen braunen Augen, die schon etwas müde geworden zu sein scheinen, werde ich, glaube ich, so schnell in meinem Leben nicht mehr vergessen.

„Mr. Christian. Da sind sie ja endlich. Willkommen in Nepal, willkommen in Pokhara. Bitte verzeihen Sie, dass ich ein wenig dränge. Aber bitte steigen sie wieder auf und folgen Sie mir. Die Kinder warten schon auf Sie.“

sagt er so selbstverständlich wie nett, dass ich keine weiteren Fragen stelle. Kinder die warten? Ja klar, es ist eine Schule die ich besuche. Aber? Wie? Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet. Doch bereits nach zehn Minuten Fahrt durch die Stadt weiß ich schlagartig was er meint. Als ich in die Einfahrt der View Point Boarding School fahre, schauen mich mit einem Mal die großen Augen von rund 20 Kindern an – die scheinbar mindestens so erstaunt über mich sind, wie ich über sie. Ich bin ziemlich überwältigt von so viel Aufmerksamkeit und muss unter meinem Helm erstmal eine paar Sekunden verschnaufen, bevor ich das Motor ausmache. Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Als ich meinen Helm abgesetzt habe, begrüßt mich Man Bahadur Giri, der die Schule seit vielen Jahren zusammen mit seiner Familie betreibt, noch mal ganz offiziell. Ich werden gedrückt, geherzt, bekomme zur Begrüßung ein traditionelles nepalesisches Tuch um den Hals gehängt, viel Applaus und Blumen geschenkt. Die sind im übrigen wahrscheinlich genau so rot, wie mein Kopf in diesem Augenblick. Ich bin ziemlich überwältigt und weiß gar nicht was ich sagen soll. Was sich in den kommenden Tagen allerdings auch nicht wirklich ändern wird – aus unterschiedlichen Gründen.

Auch wenn ich entschieden dagegen protestiere, es hilft alles nichts. Ich bekomme meine eigenen zwei Räume im obersten Stock des Wohnhauses, das sich unmittelbar neben der Schule befindet. Schon beim betreten wird mir klar, die wurden extra für mich geräumt und hergerichtet. Was für ein Luxus, der mir ziemlich unangenehm ist. Eben weil ich spüre, dass dies, für die Zeit meines Besuchs hier, beengte Wohnverhältnisse für den Rest der Familie Giri bedeutet. Besonders für den ältesten Sohn Veezay, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ebenfalls hier wohnt. Er ist der stellvertretende Leiter der Schule und gleichzeitig Lehrer für Englisch. Und wie ich erfahre ist diese gerade ziemlich leer, da Ferien sind – zumindest für die Grundschüler und die Klassen fünf bis neun. Die Teenies in der Zehnten, die mich auch begrüßt haben, bereiten sich aktuell auf das Abschlussexamen vor. Das steht in wenigen Wochen landesweit an und sorgt natürlich hier gerade für eine etwas angespannte Lage. Schon Früh am Morgen wird hier gebüffelt und oft bis spät in die Abendstunden. Zwischendurch steht ein bisschen Sport und Toben auf dem Lehrplan. Geschlafen wird in der Schule. Was, wie ich von den Giris erfahre, ganz bewusst so gehandhabt wird. Nur am Wochenende geht es für die Kids nach Hause, eben weil sie sich dort erfahrungsgemäß oft nicht aufs Lernen konzentrieren können. Nicht zuletzt, weil sie von den Eltern unter Umständen wieder Arbeiten geschickt werden, wenn sich am Tag die Möglichkeit ergibt das Abendessen für die Familie reichhaltiger zu gestalten.

Wann immer es hier unterhalb des Himalaya Strom und damit Internet gibt, versuche ich zu erfahren, was der Stand meines Pakistan-Visums ist. Verdammt! Was ist da los? Was passiert, wenn ich es nicht bekomme? Was mache ich dann? Ist meine Reise um die Welt dann zu Ende?

Aber was kann ich tun? Gar nichts. Nur Abwarten. Fast jeden Morgen und jeden Abend sitze ich mit Mr. Giri und seinem Sohn zusammen – nachdem ich von den Damen des Hauses dick und rund gefüttert wurde. Unsere Gespräch sind so lang, wie spannend und aufschlussreich. Gerne erzähle ich natürlich etwas über mich, meinen Beruf, meine Motorradweltreise und welcher Weg mich schlussendlich zu ihnen geführt hat. Ich wiederum habe natürlich auch jede Menge Frage parat. Und so verstehe ich, neben alldem was ich bereits über Nepal und seine aktuell Situation weiß, immer besser, welche großartige Arbeit diese Familie hier leistet. Und wie so oft im Leben, beginnt die eigentliche Geschichte dieser in Nepal einzigartigen Schule, so wie sie wahrscheinlich beginnen muss, um so schön zu sein. Das heißt: Mr. Giri Senior ist selbst in Verhältnissen aufgewachsen, die nur mit „arm“ beschrieben werden können. Seine gesamte Kindheit hat er auf dem Fussboden geschlafen und sich mit seinen Geschwistern eine Bettdecke geteilt. Niemand konnte vor über vierzig Jahren für seine Schulbildung aufkommen. Nur durch viel Glück und der Unterstützung von etwas besser gestellten Leute, die das Potential des Jungen erkannt haben, war es ihm möglich das so wichtige Schuldgeld aufzubringen.

Und heute, viele Jahre später, möchte er dies zurückgegeben. Und so bietet er, im Gegensatz zu fast allen anderen Schulen in Nepal, einen Schulbesuch für ein Minimum an Schuldgeld an. Er möchte sich an niemandem bereichern. Eine Aussage, die ich nicht eine Sekunde bezweifele, eben weil ich sehe und selbst erlebe, dass sich die gesamte Familie nicht den geringsten Luxus gönnt. Ein Sonntag, wie mit mir auf der jährlichen Kirmes, sind da die Ausnahme. Die Überzeugung von Mr. Giri ist, dass jeder Mensch in Nepal die Möglichkeit haben sollte eine Schulbildung zu genießen, die ihm später im Leben eine reale Chance bietet – ein Ziel, das in Nepal nochmal ungleich schwerer ist, als in vielen anderen Teilen und Ländern dieser Erde. Um den Kreis zu schließen: Der Verein in Deutschland, in dem sich meine Arbeitskollegin engagiert, ist vor einigen Jahren gegründet worden und durch persönliche Kontakte zu Stande gekommen. Die mittlerweile regelmäßig überwiesenen Spenden, nutzt die Familie Giri, um Kindern von besonders armen Bauernfamilien, die nicht in der Lage sind, auch nur eine Rupie an die Seite zu legen, eine Schulbildung zu ermöglichen.

Eine dieser Familien ist die von Pradeep, der heute in die sechste Klasse gehen kann. Die Einladung seines Vaters, ihn und seine Familie am Stadtrand von Pokhara zu besuchen, wird mir von Veezay übermittelt. Auch wenn ich mich sehr darüber freue, fällt mir eine Entscheidung nicht leicht. Ich spüre wie unsicher ich doch bin, nicht zuletzt, weil ich schon durch meine Fahrt hier her und beim Anblick der Schule erahne, was mich erwarten könnte. Mein Pakistan-Visum? Wie geht meine Reise weiter? Was mache ich hier eigentlich? Ich ertappe mich dabei, wie ich stundenlang in den leeren Klassenräumen einfach nur da sitze und überlege. Mit einem Mal steht die kleine Tochter der Familie vor mir. Ich habe sie gar nicht gesehen oder kommen gehört. Sie scheint mich ein wenig beobachtet zu haben und steht nun direkt vor mir. Warum hast Du eigentlich ständig den Fotoapparat dabei, will sei von mir wissen und lächelt mich an – mit den selben gütigen, braunen Augen wie ihr Großvater. Ich schaue neben mich und betrachte meine Kamera, die ich nun schon so viele Monate mit mir rumtrage. Und mit einem Mal beginne ich zu bereifen, dass es vielleicht so sein sollte, dass ich vor ein paar Wochen nicht über die pakistanische Grenze fahren konnte und meinen Weg hierher nach Nepal, an diesen Ort, angetreten habe. Ich beginne zu begreifen, dass ich genau jetzt an diesem Ort richtig bin. Auch ich soll hier etwas lernen. Obendrein hab ich gerade eben eine Aufgabe bekommen. Und so sitze ich am nächsten Morgen neben Pradeep und betrachte mit ihm zusammen die riesigen Adler über mir.

Gut eineinhalb Wochen später. Die letzten Tage habe ich, wenn ich nicht Goldenen Hochzeiten in Indien beigewohnt und mich seit langer Zeit mal wieder betrunken habe, auf dem Motorrad verbracht. Fast eintausend Kilometer liegen gerade wieder einmal hinter mir. Und jetzt bin ich wieder in Delhi. In der Stadt, in die ich eigentlich als allerletztes noch mal wollte. Ungewaschen, unrasiert und mit dreckigen Klamotten sitze ich im Innenhof der Deutschen Botschaft. Seit rund zehn Minuten unterhalte ich mich mit einem Inder, der hier gerade ebenfalls warten muss. Was eine netter Typ. Und so erzähle ich wieder einmal bereitwillig meine ganze Geschichte. „Und was machen Sie nun heute hier?“ will er von mir wissen. Ich schaue auf die Glastür, die sich jetzt direkt vor mir öffnet und aus der ein Mann tritt. Ich bin also als Nächstes dran. „Ich?“, antworte ich mit einem breiten Grinsen. „Ich hole jetzt mein Visum für Pakistan ab. Das ist nämlich gestern hier angekommen.“

14 Comments on “No passport – no Pakistan

  1. Wow, großartig geschriebener Bericht! Ich las grad zum ersten Mal einen deiner Berichte, den ich auf der HU Facebook Seite gesehen habe.
    Ich habe grad vor wenigen Monaten selbst mit dem Motorrad genau deine Strecke von Amritsar nach Pokhara zurückgelegt und fühle mich nun etwas dorthin zurückversetzt dank deines lebendigen Berichts!
    Alles Gute für Pakistan! Ich bin gespannt aus deiner Vogelsperspektive darüber zu lesen.
    Lg, Martin

    • Vielen lieben Dank Martin, für die Blumen und die Wünsche. Beides kann ich hier in Pakistan gut „gebrauchen“. Ich freue mich, dass ich Dir nochmal einen kleinen „Flashback“ bereiten konnte. Viel Spaß weiterhin beim Lesen!

  2. Hallo, Ich habe vor ein paar Jahren ebenfalls Nepal mit dem Motorrad bereist und diese freundlichen Menschen in diesem wundervollem Land kennen gelernt. Die Letzten Jahre bereiste ich zum Großteil Afrika. Über meine Motorrad Reisen halte ich Vorträge. Der Erlös davon wird von mir gespendet. Das Dhulikel Krankenhaus bei Kathmandu hat bereits mehrere Spenden von mir erhalten. Gib mir eine Adresse, und ich werde deine Schule bei Phokara ebenfalls unterstützen.
    Übrigens dein Bericht ist klasse.
    Gruß Franz

    • Vielen lieben Dank lieber Franz, für diese tolle Nachricht. Darüber freue ich mich sehr. Die Adresse und alles weitere, lasse ich Dir umgehend persönlich via E-Mail zukommen.

  3. spannend geschrieben – da muss ich noch mehr lesen, besonders weil wir in zwei Jahren auch in die Richtung los wollen.

    • Vielen lieben Dank lieber Axel, für die Blumen. Wenn Ihr noch mehr wissen möchtet, meldet Euch gerne bei mir via E-Mail. Ansonsten: Viel Spaß weiterhin beim Lesen!

  4. Hey Christian,

    was für ein geiler Bericht! Ich sehe manche Sachen bildlich vor mir ;)) Manche Sachen müssen eben so kommen wie sie kommen. Reisen, wie wir es machen, heisst auch immer solche Veränderungen annehmen … und es hat immer einen „Grund“. Bleib offen und geniesse alles was dir noch entgegen kommt. Ich freue mich schon auf das neuste Kapitel dieser Tour.
    Bleib gesund und halt das runde Schwarze immer am Boden!

    Bis bald Rosto

    • Hey mein Lieber. Dem habe ich gar nicht viel hinzuzufügen, ausser vielleicht: Es braucht für „reisen, wie wir es machen“ auch die richtigen Leute. Die einem beispielsweise, wenn es hart auf hart kommt, den Arsch retten. Kurz um: Danke!

  5. Vielen Dank dass du so viele Menschen mitreisen lässt. Ich freu mich immer auf deinen nächsten Blogeintrag und noch mehr auf den bevorstehenden Film. Wenn er so mitreissend wird wie deine Beiträge, dann wird er großartig.
    Viel Glück und noch mehr tolle Erlebnisse auf deiner weiteten Reise.

    • Vielen lieben Dank auch Dir lieber Toni, für die Blumen und die Wünsche. Beides kann ich hier in Pakistan gut „gebrauchen“. Viel Spaß weiterhin beim Lesen!

  6. Lieber Christian,
    Danke wieder einmal für Deinen spannenden we einfühlsamen Bericht aus Indien. Ich weiß ja, dass Du es nach Pakistan geschafft hast, Dein Abstecher nach Nepal war aber sicher auch ganz wichtig für Deine Reise. Pass bloß auf Dich weiter auf, auch wenn der Iran als mittlerweile etwas entspannter gilt ist es da trotzdem nicht ungefährlich. Es gibt einfach zu viel ideologisch verblendete Idioten auf dieser Welt, die selbst Deinem Dackelblick standhalten.
    Wir drücken Dir weiter alle Daumen,
    Stefan

  7. Hey Christian,

    mit Spannung habe ich auf deinen Bericht gewartet und er ist wieder richtig klasse, absolut mitreißend.

    Natürlich wünsche ich dir auch weiterhin eine gute Reise!
    Manuel

    • Vielen lieben Dank lieber Manuel, für die Blumen und die Wünsche. Beides kann ich hier in Pakistan gerade gut „gebrauchen“. Viel Spaß weiterhin beim Lesen!

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