Meine Balkanroute

Die Schmerzen in den Fingern werden fast unerträglich. Meine Gelenke sind, nach Stunden in der Kälte, mittlerweile so steif, dass ich sie kaum noch bewegen kann. Und die Schraube in meiner Hand sticht so sehr, dass ich schließlich anhalte. Ich kann einfach nicht mehr weiterfahren. Obendrein sehe ich in diesem bekackten Nebel, hier auf dem Bergpass, mal so überhaupt gar nichts. Was ein Mist! Links scheint es direkt mehrere Meter bergab zu gehen, rechts geht es steil bergauf. Mir bleibt zum Anhalten also nur der Standstreifen. Und der ist so schmal, dass ich den Brummifahrern problemlos ein Highfive geben könnte. Hoffentlich sehen die Jungs meine Blinker. Ich zittere am ganzen Körper – trotz zwei paar Handschuhen, zwei Lagen Thermounterwäsche und einem dicken Fleece. Der eisige Wind presst hier oben die Kälte durch jede noch so kleine Ritze. Das Tuch vor meinem Mund und meiner Nase ist teilweise gefroren. Der Blick auf mein Display verrät mir: -9° Celsius. Und der auf mein GPS: Es sind noch 250 Kilometer! Und ja, ich kann es nicht anders sagen. Genau das ist einer dieser Momente, in dem man sich fragt: Warum mache ich diese Scheiße eigentlich?

Doch es hilft alles nichts. Ich muss weiter – nach Europa. Und so friere ich mir, hier in der Türkei, auf meinem Weg über den Balkan, nicht nur den Arsch ab.

 

Drei Tage zuvor. Noch zehn Kilometer, dann fahre ich über die Grenze in die Türkei. Oder sagen wir mal: Zumindest hoffe ich das. Die beiden Engländer, mit denen ich im Iran unterwegs war, sind mir einige Tage voraus. Und über WhatsApp haben sie mich gewarnt. Eine stundenlange Kontrolle, unzählige Fragen und pure Schikane mussten sie hier über sich ergehen lassen. Gut, was vielleicht aber auch daran gelegen haben könnte, dass sie versucht haben, mit ihrem dicken Land Cruiser über 60 Liter von dem extrem billigen Diesel in die Türkei zu bringen, sowie das restliche malaysische Bier. Und beides ist nun mal verboten, was ihnen und mir, durch unseren Guesthouse-Betreiber Hossein, in Urmia aber auch eingebläut wurde. Oh man! Was war das für eine witzige Zeit mit den Beiden, denke ich mir unter meinem Helm, als ich langsam, an den vielen LKWs vorbei, in Richtung Grenzzaun rolle. Doch jetzt bin ich wieder allein unterwegs und mehr als nur gespannt, auf das, was da jetzt kommen mag.

Als ich von meinem Motorrad vor dem Zollgebäude absteige und mein Carnet de Passages hervorkrame, brauche ich einen kleinen Augenblick, um zu begreifen, was mich hier tatsächlich erwartet. Ich bin nicht der Einzige der über diesen Weg seine Reise in Richtung Europa angetreten hat. Mit Blick in ihre Gesichter und nach dem Hören von ein paar Gesprächsfetzen kann ich nur mutmaßen. Syrer? Pakistanis? Iraner? Doch mit Blick auf ihre Koffer und den unzähligen Papieren in ihren Händen, wird mir klar: Es sind Flüchtlinge. Und zwar diejenigen, von denen ich in den letzten zehn Monaten nur gelesen und gehört habe. In meinem Kopf sind mit einem Mal all die Bilder die ich von ihnen gesehen habe. Und all die Schlagzeilen über den politischen und sozialen Wandel in meinem Land.

Ich ertappe mich dabei, wie ich nachdenklich, mit dem Helm in der Hand, wahrscheinlich minutenlang einfach nur dastehe und die mehreren Dutzend Menschen betrachte. Den Zollbeamten, der mich nun schon zum dritten Mal von weitem herbeiwinkt, nehme ich nur unterbewusst war. Mein Motorrad, diese Reise, meine Klamotten. Was ist es doch für ein unbeschreiblicher Luxus, der mich an diese Grenze gebracht hat. Ganz im Gegensatz zu diesen Männer, Frauen und Kindern. Das was sie hierher gebracht hat, sind Krieg, Armut und die Aussicht auf ein besseres Leben. Dann muss ich daran denken, was ich gestern Nacht wieder einmal über die AfD und PEGIDA gelesen habe. Und was soll ich sagen? Vielleicht nur so viel: Auch ich bin mir unsicher, ob die aktuelle Asylpolitik die Richtige ist und wie sich Deutschland politisch und zwischenmenschlich verändern wird. Doch jedem Menschen in meinem Land, der sich ernsthaft damit identifiziert, was diese Parteien vertreten und anstreben, wünsche ich einen Tag an einem Ort, wie ich sie in den letzten Monaten gesehen habe. Im Angebot hätten wir unter anderem: eine Essensausgabe für pakistanische Straßenkinder, ein Slum am Rande von Delhi, in dem mehr als eine Millionen Menschen leben oder eine Schule in Nepal, die Mädchen durch das Erlernen von Lesen und Schreiben vor der Prostitution bewahren will. Einen Tag! Nur einen verdammten Tag!

Ich werde mit einem mal so wütend darüber, dass mir fast die Kotze hochkommt. Was übrigens eine körperliche Reaktion ist, die ich – angeblich – bereits als kleines Kind mehrfach öffentlich in Vollendung demonstriert habe.

Um Komplikationen zu vermeiden, hat man sich hier an der Grenze scheinbar auch schon auf die vielen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft eingerichtet. So auch der bewaffnete Zollbeamte vor der Eingangstür, den ich erst jetzt wirklich beachte und der deshalb mittlerweile schon ein wenig sauer geworden zu sein scheint. Was zur Folge hat, dass ich, bereits als ich auf das Zollgebäude zugehe, unmissverständlich und etwas schroff zum Schalter für Menschen mit europäischer Staatsangehörigkeit geleitet werde – vorbei an den Flüchtlingen, iranischen Truckern und den, an vielen Grenzen schon zum guten Ton gehörenden Typen, die sich erhoffen, hier durch Geldwechseln und anderen dubiosen Geschäften etwas zu verdienen. Und wie schon so einige Mal auf meiner Reise zuvor, wird mir ziemlich schnell klar, dass ich hier bevorzugt behandelt werde.

Nachdem ich meinen Pass vorgelegt habe, geht alles ziemlich schell und reibungslos seinen Gang. Stempel hier, Durchfahrtschein da. Auch wenn ich mich eigentlich darüber freuen sollte, in Gedanken bin ich immer noch bei den Menschen, die hier wahrscheinlich schon tagelang warten und vielleicht nie auch nur einen Fuss in dieses Zollgebäude setzen werden. Und das nur, weil sie im falschen Land geboren sind und damit einen Pass haben, der es ihnen nicht erlaubt mit einem Motorrad in so gut wie jedes Land dieser Erde einreisen zu können. Einen Pass, der ihnen nicht noch ein dahergestammeltes „Wie geht es Ihnen? Ich war auch schon Deutschland, auf Oktoberfest. Very nice! Große Bier. You know?“ des lächelnden Kontrolleurs einbringt. Einen Pass der nicht mehr wert ist, als die Pappe, die ihn umgibt. Ich fühle mich extrem unwohl. Doch ändern kann ich es nicht. Und in diesem Augenblick will ich es auch irgendwie nicht – denn auch ich möchte ja so schnell wie möglich nach Europa.

Und so fahre ich, nicht einmal eine halbe Stunde später, von der iranischen auf die türkische Seite der Grenze – mit abgestempeltem Carnet de Passage und ohne auch nur eine Tasche öffnen zu müssen. Gut, ich habe dem Zollbeamten, der mich durch den ganzen Papierkram geschleust hat, die fünf Euro gegeben, nach denen er leise aber bestimmend, auf dem Weg zur Fahrzeugkontrolle, verlangt hat. Ich habe mich schon öfters gefragt, ob es überhaupt richtig ist, diese Korruption zu unterstützen, in dem man einfach bezahlt. Gerade an einem Ort wie diesem? Ich bin verwirrt und so uneins mit mir selbst, dass ich es fast verschlafe loszufahren, als sich das große Stahltor für mich öffnet.

Auf türkischer Seite ist man extrem nett zu mir. Alles scheint überhaupt kein Problem zu sein. Führerschein, Fahrzeugschein und meine grüne Versicherungskarte, die bereits ab hier wieder gilt. Keine Viertelstunde später bekomme ich den ganzen Stapel und ein nettes Grinsen zurück. Immer noch nachdenklich und zugleich ein wenig verdutzt darüber, wie einfach die Grenze für mich war, rolle ich auch schon in Richtung Doğubayazıt und damit in Richtung der ersten McDonalds, Nike-Stores und Schnapsläden. Alles Dinge, die ich schon seit längerem nicht mehr gesehen habe und die mir klar machen, dass ich nun eindeutig auf dem Weg in Richtung Westen bin.

Was ich wiederum noch nie gesehen habe, ist ein Hotel, für dessen Besitzer es selbstverständlich ist, das mein Motorrad in der Eingangshalle geparkt wird. Ich freue mich über so viel Nettigkeit, die wiederum den verstopften Abfluss und die feuchten Wände fast vergessen macht. Und dann ist da auch noch die Sonne, auf die ich am nächsten Morgen so gehofft habe. Und tatsächlich: Auch wenn es noch lange kein Frühling ist, schafft sie es die Temperatur deutlich über Null zu halten. Perfektes Wetter zum Motorradfahren also. + 10° Celsius und Sonnenstrahlen im Gesicht. Obendrein gibt’s an diesem Tag relativ gut ausgebaute Highways und schneeverschneite Berge am Horizont – die mir allerdings auch eine Vorahnung davon geben, was mir in den kommenden Tagen noch bevorstehen wird.

Eine ganz andere Form von Vorahnung überkommt mich wiederum schon, als ich an diesem Abend von meinem ersten Couchsurfer in der Türkei empfangen werde. Dass er schwul ist, das war mir zwar schon vollkommen klar, als er mich zuvor über WhatsApp mehr als nur umständlich gefragt hat, ob ich homophob sei. Zaghaft winkend, irgendwie schüchtern steht er nun vor seiner Haustür und scheint, als er mich und mein Motorrad sieht, vollends überfordert zu sein. Was auch dadurch klar wird, dass er vollkommen vergessen hat, was ich ihn mehrfach zuvor auf digitalem Wege gefragt habe. Dass ich nämlich einen Unterstellplatz für mein Motorrad benötige, da ich es ungern mitten in der Stadt am Straßenrand abstellen möchte. Was ein Drama! Ach je! Was ein Herzchen. Es ist ihm spürbar unangenehm. Ebenso wie mir die Tatsache, dass er sich dafür mehrfach entschuldigt. Auch noch, nachdem wir nach bereits zehn Minuten einen Platz in einer benachbarten Tiefgarage finden.

Angekommen in seiner bis ins kleinste dekorierten und perfekt aufgeräumten Wohnung, scheint ihm dann viel daran gelegen zu sein, mir ganz offiziell zu sagen, dass er schwul ist. Mich überfordert das ein wenig, eben weil ich die Aufregung darüber nicht nachvollziehen kann. Er scheint dennoch extrem aufgeregt zu sein. Und so versuche ich erstmal ein wenig Ruhe in die ganze Sache zu bringen und erkläre ihm ganz ruhig aber unmissverständlich, dass es mir völlig egal ist, ob er schwul, Vegetarier, Moslem, Astronaut oder der Papst persönlich ist. Das Resultat: Ein zaghaftes Lächeln eines 22-Jährigen, der scheinbar zum ersten Mal in seinem Leben jemanden getroffen hat, der so unterwegs ist wie ich.

So langsam scheint er aufzutauen. Und so folgen vielen Fragen und ein Paradebeispiel an türkischer Gastfreundschaft, wie ich sie in den kommenden Tagen und Wochen noch häufiger erlebe. Kaffee, Essen, Trinken, Süßigkeiten. Nur kurz zwischendurch: Ich habe in meinem Leben noch nie wirklich gemerkt, wenn – vor allem von femininer Seite – mir Interesse entgegen gebracht wurde. Und so bekomme ich es natürlich auch nicht mit, dass für ihn der emotionale Startschuss längst gefallen ist. Das ist erst um 23 Uhr soweit. Oder um genauer zu sein, zu dem Zeitpunkt, als ich, am Ende meiner langen emotionalen Leitung, irgendwann, nach achtundzwanzig Mal klingeln, endlich den Hörer abnehme. Zur Situation: Seine beste Freundin, mit der er sich stundenlang unterhalten hat, währenddessen ich am Laptop gesessen und ein wenig Bürokram gemacht habe, hat sich gerade verabschiedet. Plötzlich steht er neben mir und scheint mir irgendetwas sagen zu wollen. Ich schaue zu ihm hoch und ihn fragend an. Er weiß nicht so recht, wo er hingucken soll. Und da bricht es aus ihm heraus:

„Du kannst gerne in meinem Bett schlafen. Das Sofa im Wohnzimmer ist extrem unbequem und hart.“

Häh? Uiuii! Mit hochrotem Kopf und einigermaßen irritiert lehne ich ab und muss feststellen, dass er mir, in der Zeit als ich meinen Schlafsack ausgerollt habe, nicht nur ein sauberes Handtuch ins Bad gelegt, sondern auch ein Schaumbad eingelassen hat. Oh man! Jetzt bin völlig überfordert. Mit mir selbst und damit, die Unmengen an Schaum durch den Abfluss zu spülen. Als ich nach fünf Minuten fertig bin, ist bei ihm im Zimmer schon das Licht aus. Puh! Leise tippele ich, an dem überdimensionalen Regenbogenbild im Flur, zu meinem Schlafgemach. Geschafft! Doch als ich fünf Minuten später auf der Couch liege, passiert dann das, was ich in meinem tiefsten Inneren schon irgendwie befürchtet aber bislang erfolgreich verdrängt hab. Und los geht es mit dem ersten Pling. Diesem Pling, dass mir verrät, dass ich eine WhatsApp-Nachricht bekommen habe. Es ist er – von nebenan. Zwischen uns zwei Wänden und fünf Metern Flur. Soll ich? Soll ich nicht? Nach kurzem Überlegen öffne ich die Nachricht dann doch.

Alles gut bei Dir? Mein Antwort: Ja, alles gut bei mir. Danke für das Bad. Hab eine gute Nacht. Pling. Bist Du jetzt entspannt? Ja, ich bin jetzt entspannt. Danke nochmal. Pling. Kann ich Dich mal was fragen? Pling. Ach herrje, denke mir. Jetzt wird’s ernst. Ja, klar. Hau´s raus. Pling. Aber wirklich nur, wenn Du nicht sauer wirst. Pling. Kein Problem! Hau´s raus. Pling. Aber wirklich nur, wenn Du nicht sauer wirst. Pling. Mach Dir keinen Kopf, sag was Du willst. Pling. Wirklich? Ja, wirklich. Pling. Echt? Pling. Ja, in echt. Pling. Okay. Also, Du bist ja jetzt schon zehn Monate unterwegs auf Deinem Motorrad – ganz allein. Ja und? Pling.

Naja. Ich würde gerne mal einen unbeschnittenen Pimmel sehen. Und wenn Du nichts dagegen hast, würde ich Dir gerne einen blasen. Wäre das okay?

Was?! Ich meine, häh?! Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber?! Was?! Ich antworte ihm. Äähm nein, dass wäre nicht okay! Und ja: Ich hab etwas dagegen. Pling. Wirklich nicht? Nein wirklich nicht. Ich bin vollkommen überfordert und habe ein wenig Mühe, dem scheinbar Verknallten nebenan, dankend aber unmissverständlich klar zu machen, dass es aktuell maximal eine Person gibt, die mich Dinge in dieser Richtung fragen darf. Und dann der letzte Angriffsversuch seinerseits: Ob ich meine Entscheidung nicht noch mal überdenken wolle, schließlich gebe es ja auch Leute, die trotz einer Beziehung für so etwas offen sind. Nein, danke! Will ich nicht! Dann folgen unendlich viele Entschuldigungen seinerseits und abschließend irgendwann der beidseitige Wunsch einer guten Nacht.

Der nächste Morgen. Wer mich nur ein bisschen kennt, weiß, dass ich alles andere als nachtragend bin. Doch auch wenn ich es noch so sehr versuche, ich kann mir das Schmunzeln einfach nicht verkneifen als ich in die Küche komme. Er versucht so zu tun, als sei er sehr beschäftigt damit Kaffee zu kochen. Wirklich anschauen mag er mich nicht wirklich. Sein schlechtes Gewissen ist extrem groß. Genau so der Abstand, den er zu mir hält. Was in der Mini-Studentenküche nicht ganz leicht ist. Tja, Strafe muss sein. Als ich dann aber vor seinen Augen die Pelle von der Salamiwurst ziehe, um sie anschließend in Scheiben zu schneiden, merke ich, dass der Höhepunkt des Ganzen erreicht und er genug gelitten hat. Fest steht: Hier ist noch mal ein Gespräch fällig!

Ich frage ihn schlicht und einfach, wie er sich fühlt und ob er mir irgendetwas sagen möchte. Ein Angebot, für das er sehr dankbar zu sein scheint. Erstmal mache ich ihm noch mal klar, dass er sich wirklich keinen Kopf zu machen braucht und ich ich ihm wirklich nicht sauer bin. Er ist extrem erleichtert und doch zugleich auch irgendwie bedrückt. Ob ich es irgendwem erzählen würde? Eine Frage, die dazu führt, dass wir uns noch eine ganze Weile unterhalten und dazu, dass ich trotz ein wenig Vorwissen über dieses, doch immer noch sehr konservative Land, erst jetzt wirklich verstehe, wie schwierig es für ihn sein muss, als junger Mann in der Türkei schwul zu sein. Öffentlich gedemütigt, angezeigt zu werden oder geschlagen zu werden, das ist scheinbar durchaus möglich und je nach Region auch übliche Praxis. Schwul zu sein gilt hier als psychosexuelle Krankheit und wird vielerorts belächelt und im Alltag zum Anlass für Belustigungen genommen. Die Angst in seiner Stimme ist kaum zu überhören. Vor allem als er von seinem Vater spricht, der niemals etwas von seinem Schwulsein erfahren dürfe. Dieser hätte, so wie er es mir erzählt, auch in heutiger Zeit das von einem Großteil der Gesellschaft gegebene Recht, ihn für diese unentschuldbare Demütigung zu töten. Man würde ihn zwar verhaften, aber mit einer wirklichen Haftstrafe sei deswegen in der Türkei erfahrungsgemäß nicht zu rechnen.

Kurze Zeit später sitze ich auf meinem Motorrad und bin, in mehrfacher Hinsicht, sagen wir mal „nachdenklich“ gestimmt. Was auch noch eine ganze Weile anhält. Und so bekomme ich gar nicht so recht mit, dass die verschneiten Berge, die ich gestern schon gesehen hatte, schnell näher kommen und es auch immer kälter wird. +5°C, +1°C. Verdammter Mist! -2°C, -5°C. Links und rechts türmen sich die Felswände auf. Mit einem Mal geht es hinab in ein tiefes Tal. Dann wieder bergauf. Immer weiter und weiter. Und mit jedem Meter, den ich an Höhe gewinne, wird es kälter und kälter. Schlagartig ist dann mit einen Mal auch die Sonne nicht mehr zu sehen. Nur noch eine dicke, graue Suppe, die leider auch in den kommenden Tagen nicht verschwinden wird. Zwei Stunden, drei Stunden. Es beginnt extrem windig zu werden. Und die Schmerzen in den Fingern werden langsam aber sicher immer heftiger. Der Blick auf mein Display verrät mir: -9° Celsius.

Und auch wenn es vielleicht beeindruckend und nach einem harten Kerl klingt. Aber ganz ehrlich? Es ist scheiße! Da kann mir jemand sagen was er will. Im Winter Motorradfahren braucht niemand.

Schon gar nicht mehrere Tage hintereinander, von morgens bis abends und ohne eine funktionierende Griffheizung – die irgendwie schon seit Teheran nicht mehr funktioniert. Passend dazu bekomme ich bereits seit einigen Tagen irgendwelche blinkenden Warnhinweise in Sachen Öl und Temperatur angezeigt. Und ja: Ich kann es nicht anders sagen. Die beunruhigen mich. Nicht zuletzt, weil die bayrische Lady und ich uns, nach fast achzigtausend Kilometern, mittlerweile etwas besser kennen und ich glaube relativ gut abschätzen zu können, ob sie wirklich krank ist oder nicht. Das heißt im Klartext: Ich muss dringend in eine Werkstatt und brauche jemanden, der sich mein Motorrad mal genauer anschaut. Das was da zu machen ist, werde ich nicht selbst machen können.

Wer hat mir geholfen? Mit wem habe ich die nächsten Tagen verbracht? Welche Orte und Landschaften habe ich gesehen? Welche witzigen Dinge habe ich erlebt? Welche Probleme und Schwierigkeiten hatte ich? All das würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen und wird irgendwann, nach meiner Heimkehr, hoffentlich in bewegten Bildern zu sehen sein. Auch wenn das meine Stammleserschaft natürlich weiß und an es an dieser Stelle auch schon häufiger zu lesen war: Ich plane von meiner Reise und meinen Erlebnissen in einem Film zu erzählen. Wann und wo? Auch das sind Fragen, die ich an dieser Stelle noch nicht beantworten kann. Ebenso wenig, ob es eventuell auch ein Buch geben wird, in dem viele Erlebnisse und Geschichten Platz finden würden, die ich mit der Kamera nicht einfangen konnte. Es bleibt also spannend.

Gut zwei Wochen später. Nach meinem Weg von Istanbul durch Bulgarien, Serbien, Kroatien und Slowenien, müsste ich jeden Augenblick das Ortsschild vom österreichischen Villach sehen. Wow! Auch wenn es zeitweise arschkalt war, scheint schon den ganzen Tag die Sonne. Was ein geiler Tag! Unzählige Kurven lagen heute auf meinem Weg durch die Alpen. Jetzt muss ich nur noch schauen wo ich heute Nacht unterkommen kann. Nach eine wenig Umherfahren, finde ich endlich ein Einkaufszentrum. Hier muss ich erstmal ein paar Minuten investieren, um meine Telekom SIM-Karte in mein Handy zu bauen. Hoffentlich funktioniert die hier. Und da ich weiß, dass ich kein Guthaben mehr auf der Karte habe, hoffe ich insgeheim darauf, dass es hier kostenloses W-Lan für die Einkaufswütigen gibt. Und siehe da: Gibt es! Und es klappt einwandfrei. Cool! Das Problem: Die Anfragen über Couchsurfing hatte ich leider ein wenig spät gestellt. Um genau zu sein, erst gestern Abend. Aber bei all den Studenten hier in Villach dürfte das doch alles kein Problem sein, dachte ich mir. Aber wie so oft im Leben: Falsch gedacht! Und so folgt auch direkt die Ernüchterung.

Nicht einer von den Angeschriebenen hat sich auf meine Anfrage zurückgemeldet und möchte mich beherbergen. Nur ein Affe regt sich darüber auf, dass mein Profil nicht so ausführlich ist wie seins und tut dies in einer persönlichen Nachricht an mich kund. Auch die öffentliche Anfrage an die Couchsurfer-Community in Villach blieb leider ohne Erfolg. Mist! Was nun? Mittlerweile wird es dunkel. Mein nächster Schritt heißt also Booking.com. Doch als ich den Preis von 45 Euro pro Nacht für das günstigste Hotel sehe, wird mir anders. Tja, willkommen im wohlhabenden Teil Europas. Ach was eine Scheiße! Viel mehr als Sprit ist eigentlich nicht mehr drin. Was machen ich denn jetzt? Zelten? Ja klar, wenn es gar nicht anders geht. Kurze Recherche: Alle Camping-Plätze haben noch geschlossen. Puh! Soll ich also wild campen? Ich brauche erstmal ein paar Minuten und, auch wenn ich es mir eigentlich nicht mehr leisten kann, eine kleinen Kaffee von der Bäckerei gegenüber. Für’s Protokoll: Auch wenn ich seit meiner Zeit der Entbehrung in Indien mittlerweile schon ein paar gute Kaffee hatte, ich kann mich immer noch darüber freuen, wie ich merke. Und gerade als in den zweiten Schluck nehme und das schwarze Gold meine Speiseröhre hinunterfließt, sehe ich, dass sich in diesem Augenblick jemand über Couchsurfing meldet. Ein Klick, ein Blick. Prust! Ich spucke den ganzen Kaffee über meinen Sitz. Wie cool ist das denn? Ich muss laut anfangen zu lachen. Tatsächlich bietet mir jemand einen Schlafplatz an und das kaum zehn Minuten von hier entfernt. Doch nicht irgendjemand.

Und auch als ich schließlich an dem Studentenwohnheim ankomme, muss ich immer noch grinsen. Vor allem als ich schon nach den ersten Worten unserer Begrüßung den indischen Akzent von Abhimanyu höre. Wie cool ist das bitte? Dutzende, wenn nicht sogar hundert potentielle Möglichkeiten, in Villach unterzukommen. Und der Einzige, der mir tatsächlich einen Platz anbietet, ist ein Inder. Nicht dass Inder in unseren Gefilden extrem ungewöhnlich wären. Aber das gerade das mir das passiert, wo ich mir doch so fest vorgenommen hatte, so schnell nicht mehr mit diesem Land und seinen Bewohnern in Kontakt zu kommen. Tja, aber wie sagte mein irischer Reisekumpel in China immer so schön? „Things change. And that sometimes very fast!“ Und auch dieses Mal gibt mir mein erstes Gefühl sowas von Recht. Abhimanyu und seine Mitbewohner sind schwer in Ordnung. Und so bleibe ich schließlich, statt einem sogar zwei Tage. Und damit haben wir genug Zeit für eine Drahteseltour durch das wunderschöne Umland, die dank ihm wohl kaum cooler sein könnte. Ich erfahre, dass er nach seinem Elektrotechnik-Studium in München und Villach kurzer Hand hier geblieben ist, obwohl das alles andere als einfach war. Was ich mir gut vorstellen kann, im erzkatholischen, generell eher national-denkenden und als konservativ geltenden Österreich. Wir unterhalten uns überhaupt sehr viel. Über die aktuelle Asylpolitik in Deutschland und Österreich, Religion und natürlich auch über Indien. Was mir, mit ein wenig zeitlichem Abstand, unheimlich gut tut, wie ich merke. All die guten und vor allem negativen Erlebnisse mal von Aussen zu betrachten, war scheinbar längst überfällig. Am letzten Abend gibt es dann die obligatorische Wohnheimparty mit anschließendem Kater.

Als ich mich am nächsten Morgen dann wieder auf den Weg mache, wird mir mit einem Mal ganz anders als ich auf mein GPS gucke. Wahnsinn! Wenn ich wollte, wäre ich von hier innerhalb eines Tages locker zu Hause. das wird mir jetzt erst so richtig bewusst. Und auch wenn ich mich darauf extrem freue, auf meine Familie, meine Freundin und meine Freunde, merke ich doch gleichzeitig, wie sehr ich mich gegen diesen Gedanken sträube. Über zehn Monaten bin ich nun auf der Straße. Und eigentlich habe ich kein Geld mehr, um noch weiter zu fahren. Doch nein: Ich kann nicht nach Hause fahren – noch nicht. Vor allem nicht, wenn ich daran denke, wohin ich noch fahren müsste und später einmal behaupten zu können „einmal rum gefahren“ zu sein – Cabo de Roca in Portugal, der westlichste Punkt des europäischen Festlands.

9 Comments on “Meine Balkanroute

  1. Lieber Christian, schön dass Du wieder in westlichen Gefilden bist. Und ja, ich kann verstehen, dass Du auf der einen Seite heim möchtest, auf der anderen Deine Tour immer weiter fortsetzen willst. Diese Reise, und das habe ich Dir schon vor einem Jahr gesagt, hat Dich verändert, geprägt.
    Wir sind Anfang Mai wieder in Hechlingen. Da haben wir uns kennen gelernt und Deine Tour ab dem 19. Mai mitverfolgt. Schön wie Du vieles überstanden hast. Aber die eigentliche Herausforderung wartet noch auf Dich: Zurück in dieses scheiss normale Leben, aus dem es nur ganz wenige Fluchtpunkte gibt. Du hast unglaublich Vieles erlebt, ich bin gespannt auf Film und Buch. Und darauf, was für ein Mensch aus Dir geworden ist.
    Viele Grüße. Stefan

  2. Hallo Christian,

    auch wenn es in einigen Situationen gerade beschissen läuft, sind es genau diese Momente, die dich an die ganze Reise und an viele schöne Details erinnern lassen.

    Das mit deiner Hand ist nach wie vor blöd, aber sehe es irgendwann vielleicht einfach als „schöne“ Erinnerung.

    Ich bin wahnsinnig gespannt, ob es bewegte Bilder und/oder bedruckte Seiten gibt :-)

    Viele Grüße
    Manuel

    • Hey Manuel,

      danke für Deinen lieben Worte, die hoffentlich wahr werden – gerade was die schönen Erinnerungen angeht.

      Hey Ihr Lieben,

      was soll ich sagen? Vielleciht nur so viel: Darauf freue ich mich auch – sehr sogar!

      Grüße von Straßen Spaniens.

  3. Hi Christian,

    halt die Ohren steif haben uns ja nur um einen Tag in Barcelona verpasst. So wie es aussieht sind die kalten Tage vorbei. Rock on…

    • Hey mein Lieber,

      ja das haben wir scheinbar. Schade!

      Umso mehr hoffe ich darauf, dass wir uns bald mal wieder über den Weg laufen. Vielleicht in Berlin Ende April? 😉

      Grüße von den Straßen Spaniens.

  4. Hallo Christian

    Ich wünsche dir für den Rest der Fahrt alles gute und wir freuen uns darauf dich endlich wieder in die Arme schließen zu können!!!!!!!!!
    Genieße den Rest der Rute mit deinen bayrischen Lady .

    Lg.Nischte,Tine,Noel

    • Hey Ihr Lieben,

      was soll ich sagen? Vielleicht nur so viel: Darauf freue ich mich auch – sehr sogar!

      Grüße von Straßen Spaniens.

  5. Moin Vögelchen,
    schön das du wieder sicher in Europa angekommen bist.
    Mit großer Spannung erwarten Katrin und ich immer deine neuesten Berichte. Ich bin stolz darauf, unserem Kind (ab ende September! ), später mal erzählen zu können was mein alter Schulkamerad für eine Wahnsinnige Tour gemacht hat.
    Ich habe viele neue Fans für dich begeistern können, in deiner Heimat bist du oft Gesprächsthema.
    Viel Spaß weiterhin und immer ne handbreit Piste unter denn „Hängetitten“ 😉
    Gruß Surfer

    • Hey mein Lieber,

      vielen lieben Dank für den tollen Kommentar – hier auf meiner Seite.

      Aber wie cool ist das denn bitte?! Dann sage ich an dieser Stelle schon mal: Herzlichen Glückwunsch und alles Schöne dieser Erde für Euch Drei. Wow!

      Und ja: Danke für die Blumen und die Wünsche bezüglich der Piste, die werde ich auf den letzten Metern gut gebrauchen können.

      Liebe Grüße

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